Moderne Literatur
Katinka Buddenkotte: Ihr wisst doch gar nicht, was ihr denkt!
Das neue Buch von Katinka Buddenkotte ist erschienen. Den hier versammelten Geschichten merkt man an, dass ihre Autorin aus der Bühnenwelt kommt und dass sie in ihren Soloprogrammen eine Mischung aus Lesung und Stand-Up-Comedy zelebriert. Und »Comedy« meine ich hier durchaus nicht diskreditierend.
Robert Harris: Vergeltung
Die Corona-Zeit zwang so viele Kulturschaffende dazu, von ihren gewohnten Pfaden abzuweichen. (…) Robert Harris etwa wälzte Geschichtsbücher zum Thema V2 und verfasste einen wertvollen Überblick über die von den Nazis nach ihrem eigentlich längst erfolgten Niedergang konzipierte Vergeltungswaffe.
Sin Blaché & Helen Macdonald: Prophet
Das größte Rätsel an diesem Buch ist das Buch selbst. Die Handlung reicht gerade mal so für eine Kurzgeschichte und trotzdem blieb ich 520 Seiten lang dran. Weshalb, das kann ich nicht erklären. Ehrlich.
Laurence Dreyfus: Parsifals Verführung
Als Richard Wagner 1879 »Parsifal« beendete, bekam er von Bayerns König Ludwig II. das Münchener Orchester unter der Leitung des Chefdirigenten Hermann Levi für die Uraufführung angeboten. Wagner sah nur eine Hürde: »Ungetauft darf er den ›Parsifal‹ nicht dirigieren.«
Haruki Murakami: Erste Person Singular
Das Vergnügen mit »Erste Person Singular« ist kurzweilig, aber auch kurz. Die große Druckschrift lässt es zu, das nicht eben dicke Büchlein schnell durchzulesen, doch sei davon abgeraten: Es könnte sein, dass man die wundervollen Einfälle Murakamis und seine Sprache beiläufig überfliegt.
Ali Hazelwood: Love, theoretically
»Love, theoretically« ist in erster Linie ein Liebesroman, aber einer der qualitativ hochwertigen Sorte. Man merkt dem Buch zu jeder Zeit an, dass es von einem sehr klugen Menschen geschrieben worden ist. Es fungiert auch prächtig als Kritik an der akademischen Welt hinsichtlich Auswahlverfahren und Ausbeutung von hochqualifizierten Arbeitskräften.
Mikael Niemi: Wie man einen Bären kocht
Auf eine poetisch erzählte Weise kombiniert Mikael Niemi für »Wie man einen Bären kocht« verschiedene Genres: Whodunnit-Krimi, Historienroman, Liebesgeschichte, religiöses Traktat, Sittengemälde, wissenschaftliche Abhandlung, blutiger Thriller.
Castle Freeman: Treue Seele
»Treue Seele« ist ein dünnes Buch, weil Castle Freeman sich Zeit genommen hat. Trotz des überschaubaren Umfangs, hat man als Leser stets den Eindruck, einen mehr als angemessenen Gegenwart für sein Geld zu erhalten, denn der Roman strotzt nur so vor witzigen Beschreibungen und lakonischen Dialogen …
Esther Schüttpelz: Ohne mich
Die namenlose Ich-Erzählerin in Esther Schüttpelz‘ Romandebüt »Ohne mich« meint von sich, »ein interessantes Hybrid zwischen kapitalistischem Arschloch und durchsetzungsstarker Zukunftsfrau« zu sein. Sie heiratet mit Mitte Zwanzig, weil es sich verwegen und gut anfühlt. Kurze Zeit später trennt sie sich wieder. Nun sucht sie nicht nur nach den Ursachen für ihr Scheitern, sondern auch nach einem Plan für die Zukunft.
Agustina Bazterrica: Wie die Schweine
Die Tiere dieser Welt sind von einem Virus befallen, der für den Menschen tödlich ist. Das bedeutet, der Verzehr von Tierfleisch ist nicht mehr möglich, und so gehen die Menschen dazu über, sich selbst zu essen: Menschenfleisch als von der Regierung diktiertes Grundnahrungsmittel.
Brigitte Reimann: Die Geschwister
Am 20. Februar 2023 jährte sich der Todestag von Brigitte Reimann zum fünfzigsten Mal. Am 21.Juli 2023 würde sie neunzig Jahre alt werden. Die Neuausgabe ihrer 1963 erstmals publizierten und 1969 mit sprachlichen und stilistischen Überarbeitungen erschienenen Erzählung »Die Geschwister« noch einmal zu lesen, hat mich deswegen sehr gereizt.
Tom Sharpe: Lauter Irre
Für sein vorletztes Buch vor seinem Tod, der vor ziemlich exakt zehn Jahren eintrat, ging der britische Autor Tom Sharpe mit seinem eigenen Baukastensystem, nach dem er üblicherweise seine schwarzhumorigen gesellschaftskritischen Romane verfasste, reichlich schludrig um.
T.C. Boyle: Blue Skies
In seinem neuen Roman »Blue Skies« widmet sich T.C. Boyle wie schon vor 23 Jahren in »Ein Freund der Erde« dem Klimawandel und dem Artensterben. Anders als damals braucht es – für uns und für den Schriftsteller – aber nicht mehr den Blick in die Zukunft, um den Ernst der Lage zu beschreiben – und ja, eigentlich auch zu begreifen.
Charles Lewinsky: Sein Sohn
Der französische König Louis-Philippe I. (1773 – 1850) und die Köchin Marianne Banzori hatten ein gemeinsames Kind, dessen Geburt 1794 in Mailand als recht unsanft beschrieben wird. (…) Der kleine Louis wird gleich nach seiner Geburt in ein Waisenhaus gegeben. Mehr ist über ihn geschichtlich nicht überliefert. Der erfundenen Lebensgeschichte von Louis Chabos kann man in Charles Lewinskys Roman »Sein Sohn«, 2022 bei Diogenes erschienen, nachspüren.
Taylor Jenkins Reid: Die sieben Männer der Evelyn Hugo
Monique Grant ist Journalistin in einem angesagten Frauenmagazin. Ihre jetzige Chefin hält allerdings nicht viel von ihr. Als Evelyn Hugo, eine berühmte, in die Jahre gekommene Hollywood-Diva um ein Interview bittet, eröffnet sich für das Frauenmagazin eine einzigartige Chance. »Die sieben Männer der Evelyn Hugo« ist ein glamouröser Gesellschaftsroman mit einer subtilen Spannung und zahlreichen Cliffhangern.
Celeste Ng: Unsre verschwundenen Herzen
In den USA, aber auch in anderen Ländern wurden und werden immer noch Kinder von ihren Familien getrennt. (…) Zum Beispiel an der mexikanischen Grenze. In ihrem aktuellen Roman »Unsre verschwunden Herzen«, erschienen bei dtv, lenkt die amerikanische Autorin Celeste Ng unsere Aufmerksamkeit eindringlich auf diese Thematik und den damit einhergehenden Repressalien und Folgen.
Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Interessant ist 30 Jahre später, wie Høeg die Politik Dänemarks im Umgang mit seiner Kolonie Grönlands kritisch darstellt; bis heute ein brisantes Thema im Lande. Ebenfalls aufschlussreich ist, sich in ein Kopenhagen von 1992 hineinzuversetzen, das es heute teilweise nicht mehr gibt: Die beschriebene dunkle Hafenromantik am Sydhavn etwa ist längst nicht mehr existent, so mit hässlichen architektonischen Unfällen, wie die Gegend inzwischen zugebaut ist.
Jutta Voigt: Wilde Mutter, ferner Vater
In ihrem aktuellen Buch »Wilde Mutter, ferner Vater«, erschienen im Aufbau Verlag, lässt Jutta Voigt ihr Leben wie einen Film an sich vorüberziehen. Statt einer Autobiografie entdeckt man einen Lebensroman, der es in sich hat. Er spiegelt eine leidenschaftliche Frau, deren Lebenslust und -begeisterung aus jeder Zeile dringt.

















