Aaron riecht Jodtinktur. Beim Rasieren geschnitten. Sie will nicht, aber ihre linke Hand will, fasst unter seine Lederjacke und streift den Griff der Waffe. Eine Makarov Single Action. Er nimmt ihren Koffer, sie gehen zum Ausgang. Früher trug Aaron meist flache Schuhe. Als Blinde sind die stählernen Absätze der Hochhackigen ihr Echolot. Auf hartem Untergrund wie hier, doch nur an…

Auf einer Insel in Indonesien steht eine kleine Schule. Das Gebäude sieht aus, als würde es bald in sich zusammenfallen und wird im Grunde nur noch durch einen Pfeiler getragen. Es ist eine Armenschule, denn obwohl die Insel sehr reich ist, gibt es dort auch viele, die gar nichts haben. Zwei Menschen haben es zu ihrer obersten Pflicht erklärt, den…

Dank der unüberschaubar zahlreichen Nachrichtenkanäle meinen wir, über alle Informationen zu verfügen. Doch Hand aufs Herz: Was weiß die deutsche Leserschar über ein Land wie Guatemala? Für viele ein weißer Fleck – geografisch, inhaltlich, sprachlich, kulturell. Dass viele literarische Werke übersehen werden, weil die Autorin oder der Autor in einem abgelegenen Land leben, änderte der Schriftsteller und Herausgeber Ilija Trojanow…

Ich nehme einen Schluck meines entkoffeinierten, laktosefreien Biokaffees aus Süd-Mexiko, den blinde und homosexuelle Waisenkinder, deren Eltern von den USA gefoltert und ermordet wurden, weil sie anarchistische Rebellen waren, mit bloßen und extra aus Deutschland eingeflogener PH-neutraler Eigenurin-Bioseife gewaschenen Händen gepflückt und mit ihrer eigenen Körperwärme geröstet haben. Er schmeckt scheiße. »Meine liebsten Jugendkulturen aus den Wilden Neunzigern« lautet der…

Seit mehr als 25 Jahren begleite ich die Veröffentlichungen des US-Schriftstellers T.C. Boyle. Alles, was in deutscher Sprache von ihm erschienen ist, habe ich gelesen. Eines hat sich im Laufe der Jahre geändert. Anfangs waren es eher seine Romane, die mich begeisterten: »Wassermusik« (1987), »World’s End« (1989), »Willkommen in Wellville« (1993) oder auch »Drop City« (2003). Seine frühen Short Storys…

So ein Blogger-Tag auf der Leipziger Buchmesse vergeht wie im Fluge und ist anstrengend. Gut, dass er am Messe-Freitagmorgen mit einem Frühstück und genug Kaffee bei der Stiftung Buchkunst begann. Geschäftsführerin Katharina Hesse hatte in diesem Jahr einen Teil der »schönsten Bücher aus aller Welt« mitgebracht. Dieser Wettbewerb wurde in Leipzig erfunden und wird von der Stadt gefördert. An dem…

Roger Willemsen plante ein Buch mit dem Titel »Wer wir waren« zu schreiben, doch dieses Buch ist aufgrund seines Todes im Februar 2016 nie erschienen. Was jedoch blieb, war eine Zukunftsrede, die er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt gehalten hat. Diese Rede lässt nur erahnen, welche Wege er eingeschlagen hätte und lässt sich doch als seine letzte Botschaft lesen. Auf…

Am 13. März 2018 trat Michael Chabon in der Kölner Volksbühne auf. Die wichtigste Nachricht zuerst: Es heißt nicht »Schäääbn«, sondern »Schebonn«. Als Michael Chabon im Rahmen der lit.COLOGNE in Köln auftritt, räumt Moderator Bernhard Robben gleich zu Anfang alle linguistischen Stolperfallen aus dem Weg. Obwohl er im anglophilen Raum eine immense Gefolgschaft hat, verlor der Amerikaner hierzulande stetig an…

Dieser Roman von der Altmeisterin ist eine Familiensaga, deren Handlung zur Zeit des Ersten Weltkrieges spielt. Präzise, teilweise minutiös wird der Aufstieg und Fall einer jüdischen Unternehmerfamilie geschildert. Der Tuchhändler Johann Isidor Sternberg zeigt, dass er ein gutes Händchen für das Geschäft hat. Er ist erfolgreich. Streng in der Welt und dem Glauben der damaligen Zeit verhaftet, bemüht er sich…

Niemand war auf den Geruch nach Regen vorbereitet. Es war Frühling, Jasmindu mischte sich unter das Summen der elektrischen Busse, und am Himmel schwebten solarbetriebene Gleitsegler wie Vogelschwärme. Ameliah Ko versuchte sich an einem Kwasa-Kwasa-Remix von Susan Wongs Coverversion von »Do You Wanna Dance«. Fast lautlos hatte der Regen eingesetzt; in silbernen Flächen verschluckte er das Knallen der Schüsse und…

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