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	<description>Buchvorstellungen und Beobachtungen</description>
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		<title>Unsachliche Sachbücher</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Axel Klingenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Oct 2026 11:08:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Film & Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Black Sabbath]]></category>
		<category><![CDATA[David Hugendick]]></category>
		<category><![CDATA[Feine Sahne Fischfilet]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Schäfer]]></category>
		<category><![CDATA[Monchi]]></category>
		<category><![CDATA[Read Em All]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Buchtipps von Herrn Klingenberg: Monchi: Jenseits der Brandmauer - Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. David Hugendick: Jetzt sag doch endlich was - Über das Stottern. Frank Schäfer: Black Sabbath - Die Erfindung des Heavy Metal.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/Unsachliche-Sachbuecher-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16676" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/Unsachliche-Sachbuecher-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/Unsachliche-Sachbuecher-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Die Landtagswahl im September 2026 in Sachsen-Anhalt war ein Schock. Obwohl man ja wusste, wie sie ausgehen wird. Okay, die AfD hat noch ein paar Prozentpunkte mehr bekommen, als man vorher gedacht hatte, und dass es dann auch noch das BSW in den Landtag schaffte, war vorher nicht unbedingt abzusehen gewesen. </p>
<p>Das ist – man muss es in dieser Deutlichkeit sagen – eine Katastrophe. Weil die Strategie, die AfD von der Macht fernzuhalten, in dem sich die demokratischen Parteien zusammenschließen (»Wir sind mehr« lautete vor einigen Jahren das leichtfertige Motto antifaschistischer Demonstrationen), gescheitert ist. Denn wenn Rechtsextreme die Wahlen gewinnen, kann auch keine Brandmauer verhindern, dass sie an die Regierung kommen. Eine bittere Erkenntnis, aber Realitätsleugnung war bekanntlich noch nie hilfreich.</p>
<p>Eine Woche später fanden in Niedersachsen Kommunalwahlen statt. Diese gingen im Vergleich dazu fast glimpflich aus. Die AfD verdreifachte zwar ihre Prozentpunkte, ist aber weit davon entfernt, die stärkste Partei zu sein – obwohl alle anderen Stimmen verloren haben, von den Linken mal abgesehen, die ihre Prozentpunkte immerhin verdoppeln konnten. In meinem Wahlkreis darf ich mich noch in Sicherheit wiegen. Hier hat eine überwältigende Mehrheit die Grünen und die Linken gewählt, sogar die SPD hat noch ein paar Stimmen abbekommen (Südostniedersachsen ist eine der letzten Hochburgen der SPD), während die CDU im unteren zweistelligen Bereich herumdümpelt und die AfD gar nichts zu melden hat. Und die FDP ist noch einmal über die 5-Prozent-Hürde geklettert.</p>
<p>Alles in Ordnung also bei mir in der Nachbarschaft, in meiner Hood?</p>
<p>Monchi, der Sänger der legendären Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, hat ein Buch darüber geschrieben, wie es sich anfühlt, jenseits der Brandmauer zu leben. In seinem Heimatort Jarmen hat die AfD immerhin bei der letzten Wahl 54 Prozent bekommen. Soviel zu »Wir sind mehr« &#8230; </p>
<p>Monchi schreibt so wie er spricht. Na ja, vielleicht schon ein bisschen strukturierter, aber es ist doch viel Umgangssprache dabei – und genau das trägt zur Authentizität des Buches bei. Hier schreibt kein Soziologe, Politologe, Philosoph oder auch nur Sozialarbeiter, sondern der Sänger einer Punk-Band über Antifaschismus und reflektiert dabei auch die eigene Kunst. Wir erfahren zum Beispiel, dass die Band »Niemand muss Bulle sein« nicht mehr live spielt, weil sie sich mit der Aussage nicht mehr identifizieren kann. Wäre es nicht besser, fragt Monchi, es gäbe auch »gute Bullen« (die es übrigens tatsächlich gibt), als dass nur Nordkreuz-Mitglieder diesen Beruf ausüben?</p>
<p>Es dürfte klar sein, dass sich Monchi mit dem Buch »Jenseits der Brandmauer« nicht nur Freunde machen wird. Insbesondere nicht in Punk- und Antifa-Kreisen, denn er stellt hier liebgewordene Gewissheiten in Frage. Was ist richtig, was ist falsch, fragt er immer wieder. Er hat den Glauben daran verloren, dass Gewalt – ob gegen Stiefelnazis oder Parteifunktionäre – eine Lösung sein kann. Kein Nazi lässt sich von seiner ideologischen Verblendung abbringen, wenn man ihm aufs Maul haut. Und die AfD greift ein tiefergelegtes Wahlkampf-Auto gerne für die eigene Propaganda auf.</p>
<p>Was also dann tun? Monchi bringt Beispiele hierfür, zum Beispiel das alljährliche »Wasted in Jarmen«-Festival und wie die Crew dort versucht, die Dorfjugend einzubinden. Das hat durchaus komische Seiten, soviel sei verraten. Oder wie in Jarmen in einer Gemeinschaftsaktion ein Skaterplatz gebaut wurde, unter tätiger Mitwirkung zahlloser Dorfbewohner – unter denen mutmaßlich auch AfD-Wähler gewesen sein dürften.</p>
<p>Das ist keine ausgefeilte politische Strategie, aber die Idee, nicht zur zu sagen, was man nicht will (die AfD), sondern positive Alternativen anzubieten (insbesondere für Jugendliche) ist sicherlich nicht die dümmste. Linke (zu denen Monchi sich dann doch noch irgendwie zählt) müssen sich – so die Message – in das Gemeinschaftsleben einmischen, müssen den vorpolitischen Raum besetzen und um die Hegemonie in der Gesellschaft ringen (so übersetze ich das mal etwas eigenmächtig in »politische Sprache«). </p>
<p>Das wird nicht den nächsten Wahlsieg der AfD verhindern, aber dieser rechtsextremen Partei vielleicht langfristig den Boden für ihre Hetze entziehen. Das alles liest sich sehr amüsant und mehr als einmal auch sehr anrührend, zum Beispiel wenn Monchi von verstorbenen Freunden erzählt. Es menschelt also ganz gewaltig in diesem doch sehr politischen Buch. Und das ist auch gut so.</p>
<p>Auch David Hugendick erzählt in seinem Buch »Jetzt sag doch endlich was – Über das Stottern« über sich selbst. Also über sich und sein Stottern, über die neurophysiologische Redeflussstörung an der er &#8230; Was ist der richtige Ausdruck hierfür? An der er leidet? An der erkrankt ist? Also wie es ist, mit diesem »Problem« aufzuwachsen, wie die Menschen in der Umgebung darauf reagieren, die Familie, Freunde, Kollegen. Das zu lesen tut manchmal weh, hat aber auch durchaus komische Seiten.</p>
<p>Ich muss gestehen, dass ich mir vorher noch keine größeren Gedanken zu diesem Themenkomplex gemacht hatte. Ich bin eigentlich nur zu diesem Buch gekommen, weil mein Freund und Kollege Frank Schäfer ein Lesung von David Hugendick im Braunschweiger Blauwal moderiert hat, die mir sehr gut gefallen hat (ebenso wie der anschließende kleine Imbiss und Umtrunk beim Italiener umme Ecke).</p>
<p>Anekdotenreich, assoziativ, selbstironisch und eben auch sehr wortgewandt erzählt der Autor, wie es ist, mit dieser Sprachstörung aufzuwachsen und zu leben. Er erzählt von Therapien und Theorien und wie versucht wurde, ihm zu helfen. Und wie in vergangenen Zeiten mit dem Stottern und mit Stotterern umgegangen wurde. Mit welch brachialen Methoden man versucht hat, die »Kranken« zu heilen.</p>
<p>So viel sei schon vorweg verraten: Das macht verdammt viel Spaß zu lesen! Wer sowieso Interesse hat, sich mal mit diesem Thema zu beschäftigen (vielleicht aus eigener Betroffenheit), ist hier genau richtig. Wer hingegen einfach nur Lust hat, mal ein wirklich gut geschriebenes Buch zu lesen, sollte ebenfalls zuschlagen.</p>
<p>Habe ich eben Frank Schäfer gesagt? Habe ich.</p>
<p>Über Bücher von Frank Schäfer kann ich natürlich kaum objektiv schreiben, da ich wie gesagt mit dem Autor befreundet bin und über das Rock-Lese-Trio »Read Em All« auch künstlerisch mit ihm verbandelt bin. Zum Glück kann ich jedoch guten Gewissens über »Black Sabbath – Die Erfindung des Heavy Metal« nur Gutes berichten, so dass ich mir keine erlogene Lobhudelei aus den wund geschriebenen Fingern drücken muss.</p>
<p>Formal handelt es sich bei dem Buch um eine Band-Biografie, jedoch eine mit kleinen autobiografischen Einsprengseln, und auch gewisse Reflexionen erlaubt sich Herr Schäfer hier, die dem ganzen einen gewissen essayistischen Vibe geben – im besten Sinne, natürlich.</p>
<p>Black Sabbath gelten mit Fug und Recht als die Schöpfer des Heavy Metal, auch wenn sie es natürlich genauer betrachtet nicht ganz alleine waren. Die Idee lag Ende der 60er Jahre einfach in der Luft. Begünstigt durch einige Umstände (unter anderem durch eine schwere Handverletzung, die sich der Gitarrist Tony Iommi zuzog) kreierten die Jungs aus Birmingham einen Stil, der bis heute besteht und immer wieder mal Erneuerungen erfährt, auch wenn die Heavy Metal-Fangemeinde im Großen und Ganzen doch recht stilkonservativ ist.</p>
<p>Heavy Metal entstand jedenfalls in einem durchaus dialektisch zu nennenden Prozess. Black Sabbath hoben die Hippiemusik in einem doppelten Sinne auf: Einerseits schufen sie eine Antithese zur bestehenden Rockmusik – die dunkle Seite der Blumenkinder sozusagen – und andererseits bewahrten sie diese Ideale auf und führten sie fort. Daraus entstand eine etwas Neues: Der Heavy Metal, der bis heute als eine der erfolgreichsten Musikrichtungen gilt, mit loyalen Fans, die ihren musikalischen Heroen auch Fehltritte und Schwächephasen zu verzeihen bereit sind.</p>
<p>Frank Schäfer erzählt in diesem wunderbaren Büchlein vom Aufstieg, vom Fall, von den verschiedenen Schaffensphasen, vom Comeback und von der Nachwirkung dieser Band britischer Metallarbeiter. Für Metal-Fans ist das natürlich Pflichtlektüre! Damit das mal klar ist!</p>
<p><strong>Monchi: Jenseits der Brandmauer – Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz</strong> | Deutsch<br />
Kiepenheuer &#038; Witsch 2026 | 240 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783462055306?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>David Hugendick: Jetzt sag doch endlich was &#8211; Über das Stottern</strong> | Deutsch<br />
Ullstein 2026 | 160 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783550204302?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>Frank Schäfer: Black Sabbath – Die Erfindung des Heavy Metal</strong> | Deutsch<br />
Wallstein 2026 | 160 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783835360815?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Woody Brown: Ein ganz normales Wunder</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Oct 2026 10:33:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Kleiner]]></category>
		<category><![CDATA[Woody Brown]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Den Fokus auf alles Zwischenmenschliche gerichtet lebt Woody Brown seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe voll aus. Es sind die Begegnungen, die berühren, die Momente, die man festhalten möchte. Kleine Gesten, die in meinem Alltag einfach untergehen, scheinen hier zu etwas Wunderbarem aufzublühen. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb.jpg" alt="Woody Brown: Ein ganz normales Wunder" title="Woody Brown: Ein ganz normales Wunder" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16625" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wie lange einen Titelfiguren aus Büchern im Herzen begleiten können, wurde mir erneut bewusst, als ich mich dieser Tage mit dem zweiten Buch der Kiepenheuer-und-Witsch-Aktion »Deutschland liest ein Buch« auseinandersetzte. Der Autor des Buches »Ein ganz normales Wunder« heißt Woody Brown und ist der erste nicht-sprechende autistische Absolvent der University of California Los Angeles. Er kommuniziert mit Hilfe einer Buchstabiertafel.</p>
<p>Wie ist das möglich, überlegte ich und dachte an den kleinen Tino aus Roswitha Gepperts Buch <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783897981959?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Die Last, die du nicht trägst«</a> aus dem Jahr 1978. Hier kämpft eine Mutter in der DDR für ihren Sohn herzzerreißend um ein Minimum an Entwicklung und Autonomie. Als sich herausstellt, dass Tino benachteiligt ist, zerbricht ihre Ehe.</p>
<p>Mit dem Bild des autistischen Tino im Kopf, der zum Leidwesen seiner Mutter minutenlang begeistert Häuserecken beobachtete, ließ ich mich nun auf das Leben in der Tagesstätte »Upward Bound« ein, in der Erwachsene Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen leben. Hier begegne ich dem Pfleger Carlos mit seinem unerschütterlichen Optimismus, der mit den Schützlingen respektvoll umgeht. Er hört im wahrsten Sinne des Wortes in sie hinein und sieht sie als Menschen, die nichts für ihr Anderssein können. Ich treffe auf Tom, der wegen einer Zerebralparese weder seine Muskeln noch Knochen bewegen und auch nicht sprechen kann. </p>
<blockquote><p><em>Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.</em></p></blockquote>
<p>Tom verzehrt sich nach Liebe und doch scheint sie für ihn so aussichtslos. Studentin Ann arbeitet als Badeaufsicht nur für ein paar Monate in der Einrichtung, weil sie die Zeit bis zum Semesterbeginn überbrücken möchte. Da ist auch noch Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, zurück ins Leben zu finden. </p>
<p>Insgesamt aus sieben Perspektiven, die unterschiedlicher kaum sein können, verknüpft Woody Brown die Lebenswege der Insass*innen und Betreuer*innen von »Upward Bound«. Brown erzählt mal aus der Ich-Perspektive, mal schaut er aus dem Blickwinkel eines personalen Erzählers. Er schafft es in den einzelnen Kapiteln, die jeweils unterschiedlichen Personen zugeordnet sind, den Lesenden Persönlichkeiten vorzustellen. Man kann ihre Gedanken verfolgen, ihre Gefühle und Bedürfnisse nachvollziehen und sich mit ihren Widersprüchen auseinandersetzen.  </p>
<p>Gerade darin besteht die Besonderheit dieses Buches. Den Fokus auf alles Zwischenmenschliche gerichtet lebt Woody Brown seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe voll aus. Es sind die Begegnungen, die berühren, die Momente, die man festhalten möchte. Kleine Gesten, die in meinem Alltag einfach untergehen, scheinen hier zu etwas Wunderbarem aufzublühen. </p>
<blockquote><p><em>Nervosität und Aufregung können mit Freude und Gelassenheit verwechselt werden, wenn man nicht stumm neben ihr steht und das Summen ihrer Drähte hört. Das tut Walter in den Momenten, in denen sie aus dem Fenster schauen. Er lauscht mit ganzem Herzen.</em></p></blockquote>
<p>Wie viel nehmen wir von unserer Umwelt in Wirklichkeit wahr? Wie leichtfertig erlauben wir uns oft ein Urteil über das Leben anderer? Wärme trug mich von Kapitel zu Kapitel, unterschwellige Komik zauberte mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Sind diese Menschen tatsächlich anders als ich, wenn sie doch ebenso nach Liebe, Nähe und Geborgenheit suchen? Woody Brown provoziert mit seinen Figuren das genaue Hinsehen, das nochmals Lesen. Nach und nach versteht man, wie viel Leben in den Schützlingen von »Upward Bound« steckt.</p>
<p>Stephan Kleiner hat mit seiner kongenialen Übertragung ins Deutsche aus diesem Roman ein Kraftpaket werden lassen, obwohl er leise und anrührend daherkommt. Das Buch feiert die Zugehörigkeit und zeigt, auf wie viele unterschiedliche Arten Menschen miteinander verbunden sein können. Die Lektüre lässt nachdenken, belehrt nicht und wirkt lange nach. Tino und seine Mutter müssen nun ein wenig zusammenrücken in meinem literarischen Herzen. Für Carlos, Tom, Ann, Walter und all die anderen aus »Upward Bound«.</p>
<p><strong>Woody Brown: Ein ganz normales Wunder</strong> | Deutsch von Stephan Kleiner<br />
Kiepenheuer &#038; Witsch 2026 | 224 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783462016482?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Paula Hawkins: Girl On The Train</title>
		<link>https://www.wortmax.de/paula-hawkins-girl-on-the-train/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 11:16:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Agatha Christie]]></category>
		<category><![CDATA[Paula Hawkins]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein »Girl On The Train«, das als Londoner Pendlerin vom Zugfenster aus Begebenheiten beobachtet, die ein Verbrechen betreffen, erdenkt Paula Hawkins, indem sie aus drei Frauenperspektiven ein kriminelles Whodunit erzählen lässt – jedoch darüber hinaus hauptsächlich Gejammer.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb.jpg" alt="Paula Hawkins: Girl On The Train" title="Paula Hawkins: Girl On The Train" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16618" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Der Zug mit den Agatha-Christie-Epigonen, die das Original zu kopieren versuchen, es aber um Längen verfehlen, startet um 16 Uhr 50 ab Paddington. Ein »Girl On The Train«, das als Londoner Pendlerin vom Zugfenster aus Begebenheiten beobachtet, die ein Verbrechen betreffen, erdenkt Paula Hawkins, indem sie aus drei Frauenperspektiven ein kriminelles Whodunit erzählen lässt – jedoch darüber hinaus hauptsächlich Gejammer. Die Lösung weiß man dann schon recht bald, man kennt ja seine Agatha Christie, und das Ende ist einem ohnehin längst egal. Kein gut ausgearbeiteter Fahrplan.</p>
<p>Es gibt eine Hauptfigur, ein Opfer und noch eine dritte Frau, nämlich die neue Gattin des Exmanns der ersten. Hauptfigur Rachel pendelt täglich mit dem Zug am Grundstück von Opfer Megan und deren Gatten Scott vorbei, zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft von Anna und Tom gelegen, also ihrem Ex und der dritten beteiligten Frau. Nun ist Rachel arbeitslose Alkoholikerin und permanent benebelt, weshalb ihre Beobachtungen zum Abend, an dem Megan verschwindet, lückenhaft sind; die zentrale Herausforderung ist es für Rachel folglich, den Abend zu rekonstruieren zu versuchen. Getrieben von Eifersucht auf Anna und dem Wunsch, das Verschwinden, das sich bald als Mord herausstellt, aufzuklären, verhält sich Rachel nun permanent bekloppt.</p>
<p>Als Clou erzählt Hawkins die Geschichte aus drei Ich-Perspektiven mit einem zeitlichen Versatz, und zwar Rachel und Anna in der Gegenwart und Megan so weit die Vergangenheit nachholend, dass ihr Schicksal sich gegen Ende mit den Erkenntnissen von Rachel deckt. So kommt man mit ihr den Geschehnissen auf die Spur, die sie fragmentarisch aufdeckt. Als weiteren Clou zerteilt Hawkins diese Ich-Erzählungen in Tageszeiten, zumeist in morgens und abends.</p>
<p>Dieser Thriller hat noch weitere Figuren, nämlich Rachels Vermieterin Cathy, einen rothaarigen Mann am Bahnhof, Megans Psychologen Kamal und – wenn man aufpasst – einen Lover von Megan, von dem sie nur in der dritten Person spricht, ohne seinen Namen zu nennen. Wenn man das nicht vergisst, während man das Buch liest und verfolgt, wie sich die wenigen Verdächtigen nach und nach die Köpfe aus den Schlingen ziehen, wird nach Agatha Christies Methode, dass immer der Unverdächtigste der Mörder ist, schnell klar, um wen es sich dabei handelt. So billig wie hier setzte Christie selbst ihre Regel indes nie um, obschon Hawkins das Thema <em>Gaslighting</em> einigermaßen ansprechend einbindet.</p>
<p>Aber das ist nicht der einzige Wermutstropfen. Rachel, Megan und Anna neigen dazu, zu jammern. Ausführlich. Ohne deren mit weiterhin selbstverletzendem Verhalten kombiniertes Selbstmitleid, das man hier nicht mal als literarisches Psychogramm kategorisieren mag, wäre der Roman nur ein Fünftel so dick, aber zügiger zu lesen. Man quält sich durch diese Wimmerstrecken, deren Anlass man noch nicht mal sofort erläutert bekommt. Dafür nutzt Hawkins die volle Dicke des Buches, dass sie die längst cotraumatisierten Lesenden mit den jeweiligen Hintergründen lang hinhält. Es gibt eben Gründe für das Alkoholproblem von Rachel, klar, und natürlich auch für das absurd promiskuitive Verhalten von Megan, die sich gleichzeitig vor ihrem offenbar seine Impulskontrolle nicht im Griff habenden Gatten fürchtet, mit dem Rachel dann aber auch noch im Bett landet. Besoffen, versteht sich. </p>
<p>Während man also das Gejammer elendig emotionalisierend ausgewalzt bekommt, setzt Hawkins die handgezählt zwei inhaltlich relevanten Überraschungen beiläufig wie einen Pflock in die Geschichte, ohne genau damit dann wirklich emotional zu werden. Schließlich mündet alles in einem Showdown, der auf diese Weise mit einer vorab getroffenen Absicherung unnötig gewesen wäre, somit abermals an Spannung einbüßt. Was indes danach folgt, geht durchaus als versöhnlicher Abschluss durch.</p>
<p>Mit der Vorgehensweise, die Handlung in Tageszeiten aufzuteilen, wie nach Art von Tagebüchern, ohne dass es solche sein sollen, zerstört Hawkins zudem ihre eigene Thrillerintention: Sie deutet Geschehnisse oder Vorhaben an, die durchaus Spannung generieren könnten, und erzählt diese dann in der nächsten Tageszeit als Rückschau nach, anstatt die Lesenden direkt mit hineinzuziehen. Das macht die Geschichte ungemein passiv und bremst die Spannung zusätzlich. Außerdem gelingt es Hawkins nicht, den drei Frauen individuelle Sprachweisen anzudichten, sie denken und sprechen alle gleich. Und das auch noch gleich belanglos, Hawkins schreibt in jeder Hinsicht banal.</p>
<p>Erstaunlich genug, dass dieses Buch gleich zweimal verfilmt wurde, das erste Mal offenbar sogar vertraglich vereinbart, noch bevor das Buch überhaupt geschrieben war. Jener Film lässt die Handlung in New York stattfinden, der zweite ist eine indische Produktion für Netflix, die wiederum in London spielt. Rätselhaft ist dabei, warum man den Titel für den deutschen Markt stets um sein einleitendes <em>The</em> kürzt. Da hätte es anderes Kürzungspotential gegeben, obschon das Ergebnis dann trotzdem inhaltlich kaum wertvoller als ein Jerry-Cotton-Heft geworden wäre.</p>
<p><strong>Paula Hawkins: Girl On The Train</strong> | Deutsch von Christoph Göhler<br />
Blanvalet 2016 | 448 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783734100512?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Wolf Haas: Wackelkontakt</title>
		<link>https://www.wortmax.de/wolf-haas-wackelkontakt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 07:35:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Maurits Cornelis Escher]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Haas]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sobald Wolf Haas Experiment und Erzählung kombiniert, erweitert er literarische Dimensionen, und das gilt auch für seinen jüngsten Roman »Wackelkontakt«, ein weiterer außerhalb seiner Simon-Brenner-Reihe. Brillant, detailverliebt, witzig, spannend und doch leider mit einem Ende, das so nicht nötig gewesen wäre.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb.jpg" alt="Wolf Haas: Wackelkontakt" title="Wolf Haas: Wackelkontakt" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16615" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Sobald Wolf Haas Experiment und Erzählung kombiniert, erweitert er literarische Dimensionen, und das gilt auch für seinen jüngsten Roman »Wackelkontakt«, ein weiterer außerhalb seiner Simon-Brenner-Reihe. Eine der Figuren heißt Escher mit Nachnamen, und damit gibt Haas die Struktur vor: Wie verschachtelte Zeichnungen – MC Eschers »Drawing Hands« – finden hier zwei Geschichten parallel statt, und zwar jeweils als Lektüre in der anderen. Was man zunächst nicht glauben kann: Sie laufen aufeinander zu. Brillant, detailverliebt, witzig, spannend und doch leider mit einem Ende, das so nicht nötig gewesen wäre.</p>
<p>Mit seiner erzähltechnischen Idee hält Haas selbst in dem Roman nicht hinterm Berg: Die erste Figur heißt Franz Escher, und jenem Franz Escher dichtet Haas Verwicklungen und Probleme damit an, den Nachnamen von Maurits Cornelis Escher zu tragen, dem niederländischen Grafiker, der mit seinen Zeichnungen Perspektiven sprengte. Dessen Bilder sowie die anderer Künstler puzzelt Franz Escher gern, sofern er nicht gerade liest, und zwar Mafiaromane, wie den über den Italiener Elio Russo, der im Zuge eines Zeugenschutzprogramms als Marko Steiner zunächst in Duisburg und später in Österreich ein neues Leben anfängt. Wenn jener nicht irgendwelche technischen Gerätschaften repariert, liest er Romane, etwa den über den Österreicher Franz Escher, der in seiner Wohnung sitzt und wegen eines Wackelkontakts in seiner Steckdose auf einen Elektriker wartet.</p>
<p>Mit der Grundidee reißt Haas die Lesenden sofort in das Buch hinein, zumal er sprachlich gewitzt vorgeht, ohne gottlob den auf seinen Ermittler Simon Brenner spezialisierten Tonfall zu übernehmen, und indem er seinen Figuren diverse Nebenstränge andichtet, Eigenschaften, Vorlieben, Vergangenheiten, Beziehungen, und die allesamt in eine zwingende bis logische Verbindung zueinander setzt; die »Madonna mit dem langen Hals« sei da exemplarisch angeführt. Das ergibt sozusagen ein literarisches Fraktal, ein Möbiusband. Dabei gönnt sich Haas indes keine erzählerische Ruhe: Selbst wenn er sich in Nebenschauplätzen austobt, scheint er durch die Geschichten zu eilen, man liest atemlos mit ihm. Was auch daran liegt, dass der erste Tote recht schnell zur Hand ist – und das unerwarteterweise nicht in der Mafia-Geschichte.</p>
<p>Als Escher nämlich gedankenverloren für seine gewohnte Ordnung sorgt, indem er die umgeklappten Sicherungen in eine aktive Reihe bringt, stürzt sein Elektriker im Nebenraum vom Schlag getroffen zu Boden. Währenddessen gründet der von seinen verratenen Ex-Mafiosi gejagte Steiner eine Familie mit einer Frau, die ihrerseits eine geheime Vergangenheit hat. Als dann deren Tochter von italienischen Erpressern entführt wird, sieht sich nunmehr der beruflich als Trauerredner arbeitende Escher in der Pflicht. Wie es dazu kommt, lässt staunen.</p>
<p>Nur webt Haas zum Ende hin so viele neue Stränge in den bereits dicht verknoteten Teppich ein, dass das Bild zuletzt leicht verschwommen wird, bis hin zu einem erst spät angedeuteten versöhnlichen Schluss, der zum wahnwitzigen Anfang nicht so recht passt. Da hätte er konsequent bleiben dürfen. Zudem ist es natürlich unmöglich, die Struktur eines Bildes in Literatur umzuformen, schließlich hat ein Bild keine vorgegebene Narration, keine Lesreihe, da kann das Auge so springen, wie es will, und nicht, wie Haas es verfasst. Doch nimmt man dies und den Schluss bei dem Gesamtvergnügen, das der literarische »Wackelkontakt« bereitet, wohlwollend in Kauf – und etwas zum Grübeln mit, wie es zu diesem Finale innerhalb der Geschichten kommen konnte. </p>
<p><strong>Wolf Haas: Wackelkontakt</strong> | Deutsch<br />
Penguin Verlag 2026 | 240 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328113393?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas lesen</title>
		<link>https://www.wortmax.de/wenn-einer-eine-reise-tut-dann-kann-er-etwas-lesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Axel Klingenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2026 09:55:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Häffner]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Heine]]></category>
		<category><![CDATA[Heinz Strunk]]></category>
		<category><![CDATA[Saša Stanišić]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Haas]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Urlaubszeit ist die schönste Zeit des Jahres. Weil man dann endlich Zeit zum Lesen hat. Also die Bücher liest, die man sonst nicht liest, weil man arbeiten muss. Und weil man in der restlichen Zeit damit beschäftigt ist, niedliche Katzenvideos zu gucken, zu liken und zu teilen!</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wenn-einer-eine-reise-tut-vb.jpg" alt="Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas lesen" title="Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas lesen" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16604" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wenn-einer-eine-reise-tut-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wenn-einer-eine-reise-tut-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Die Urlaubszeit ist die schönste Zeit des Jahres. Weil man dann endlich Zeit zum Lesen hat. Also die Bücher liest, die man sonst nicht liest, weil man arbeiten muss. Und weil man in der restlichen Zeit damit beschäftigt ist, niedliche Katzenvideos zu gucken, zu liken und zu teilen! Auch ich möchte etwas teilen. Beziehungsweise etwas mitteilen. Nämlich meine Erfahrungen mit einigen Werken, die ich in diesen Sommer zu lesen die große Freude hatte. </p>
<p>Fangen wir an mit »Herkunft« von Saša Stanišić. Das Buch ist mir eher zufällig in die Hände gefallen, denn ich habe es von jemanden weitergereicht bekommen, der es wiederum von jemanden geschenkt bekommen hat. Und zwar wahrscheinlich deshalb, weil er kosovarischer Herkunft ist. Der Beschenkte hat nämlich wie Stanišić das ehemalige Jugoslawien als Kind verlassen müssen, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Warum es mein Bekannter nicht lesen wollte, weiß ich nicht. Vielleicht fand er es übergriffig, so auf seine Herkunft reduziert zu werden. Und genau darum geht es ja auch in diesem Buch – um die Herkunft. Wie ist es, in Deutschland aufzuwachsen und zu leben, aber nicht aus diesem Land zu stammen?</p>
<p>Zur Beantwortung dieser Frage nimmt uns Stanišić mit in seine Familie in Heidelberg, stellt uns seine Freunde von der ARAL-Tankstelle vor. Und er fährt mit uns nach Vǐsegrad an der Drina, wo er geboren wurde, nachdem es »ununterbrochen geregnet« hat. Wir lernen auch seine Eltern kennen und seine Großeltern und andere Menschen aus seiner Heimatstadt. Wir erfahren also wie es ist, mit Migrationsgeschichte aufzuwachsen und demütigend oft dämlichen Polizeikontrollen ausgesetzt zu sein, weil der Teint zu dunkel ist. Und wie man es dann doch schafft, Schriftsteller zu werden. Also deutscher Schriftsteller oder vielleicht auch deutschsprachiger Schriftsteller, denn das ist ja die Sprache in der Stanišić schreibt: Deutsch.</p>
<p>Ich brauchte einige Anläufe, um das Buch zu lesen, denn der Autor schreibt zwar unterhaltsam und witzig und gleichzeitig auch anspruchsvoll und traurig, aber neigt ein wenig zu Abschweifungen und nichtlinearem Erzählen. Da muss man schon manchmal ein bisschen aufpassen, dass man den Anschluss nicht verpasst! Aber das ist es ja auch, was das Buch so lesenswert macht, literarisch meine ich: das assoziative, reflektierte Schreiben. Manchmal lässt uns der Autor auch am Schreibprozess teilhaben. Welche Erinnerungen stimmen? Und welche hat man bloß von anderen übernommen oder selbst erdacht? Hat der Vater wirklich höchstpersönlich eine gefährliche Schlange getötet? War der Staffelstab, den der kleine Saša 1986 (oder war es 1987?) tragen durfte beim Großen Lauf durch das sozialistische Jugoslawien aus Holz oder aus Plastik?</p>
<p>Wir erfahren auch, warum die Familie flüchten musste. Wir lesen von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Morden. Wir erfahren, wie es ist, wenn die Nationalität so wichtig wird, dass sie zu unsäglichen Verbrechen führt. »Ich verstehe nicht«, schreibt Stanišić, »dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen.«</p>
<p>Vielleicht werden wir uns noch an diese Worte erinnern, in ein paar Jahren, wenn die EU genauso auseinandergebrochen sein wird, wie es Jugoslawien einst ergangen ist, als die Völker dieses Landes über einander hergefallen sind und angefangen haben, einander zu bekriegen. Und am Ende seines Buches lässt uns der Autor an einem kleinen literarischen Experiment teilhaben, an einer Art Fortsetzungsgeschichte, deren Fortgang wir selbst bestimmen. Man kennt das aus manchen Kinderbüchern oder aus Fantasy-Rollenspielen.</p>
<p>In seinem Erzählungsband »Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne« führt Stanišić diese Innovationsfreudigkeit fort. Dabei sind einige Geschichten durchaus konventionell geschrieben, was ich auch keineswegs abwertend meine. Stanišić nimmt uns wiederum mit in seine Clique von der ARAL-Tankstelle, aber auch nach Helgoland, das er zweimal bereist hat: einmal in Gedanken und einmal in echt. Er berichtet von seiner Liebe zu Heinrich Heine, diesem undeutschesten und gleichzeitig deutschesten aller deutschen Schriftsteller. Außerdem stellt er uns eine Kleinfamilie vor und eine alte Dame, die um ihren Mann trauert und doch nicht allein sein will. Warum sollte sie auch? Niemand sollte auf Dauer alleine sein auf dieser Welt. Das weiß der Autor nur zu gut.</p>
<p>Die Geschichten sind witzig und traurig zugleich, erheiternd und anrührend. Manchmal hätte ich mir allerdings ein wenig mehr inhaltliche und stilistische Einheitlichkeit gewünscht. Und am Ende stellt sich die Frage: Was bringt die Zukunft? Und wenn man die Wahl hätte, für welche würde man sich entscheiden?</p>
<p>Auch Hannah Häffner stellt in ihrem Roman »Die Riesinnen« die Frage nach der Herkunft, die ja mehrere Dimensionen hat: die räumliche, die zeitliche und die soziale. Und dann bestimmen ja natürlich auch noch das Geschlecht und andere körperliche Merkmal das Schicksal eines Menschen. Sie erzählt in diesem meisterlichen Roman die Geschichte von drei Frauen aus drei Generationen und liefert damit nicht zuletzt ein Gesellschafts- und Sittenbild der letzten Jahrzehnte. Sie verwendet dabei konsequent eine weibliche Perspektive, was mir sehr gut gefällt, da es mir ungeahnte Einblicke gestattet. Lakonisch erzählt sie, aber auch ironisch und durchaus auch auf eine gewisse Weise romantisch (auch wenn sie meine Erwartungshaltungen in dieser Beziehung durchaus gelegentlich unterläuft). Das reizt manchmal zum Lachen, ist aber durchaus auch traurig. Man wird förmlich hineingezogen in das Leben in diesem Dorf im dunklen Wald. Das Buch erzählt vom schönen Scheitern und von hässlichen Siegen. Die Protagonistinnen sind starke Frauen – und manchmal erstaunlich wortkarg (eine Eigenschaft, die ja sonst gerne Männern zugeschrieben wird). Ein schönes Buch, poetisch bis zum Schluss.</p>
<p>Verlassen wir den Schwarzwald, kehren wir zurück in die Stadt, in der Saša Stanišić seine Jugend verbracht hat. »Memories of Heidelberg« heißt das Buch von Heinz Strunk, das behauptet, ein Roman zu sein. Das ist natürlich ein bisschen Etikettenschwindel, denn ein Roman ist es eben nicht, sondern vielmehr eine Erzählung. Strunk schildert acht Tage im Leben eines Ehepaares, das auf Familienbesuch in der berühmten Stadt in Süddeutschland ist. Bertram und Isolde quartieren sich in ein völlig überteuertes Boutique-Hotel ein und verbringen jeden ihrer Abende in einem Restaurant auf einem Neckarboot. Die traurig-tragische Geschichte wird durch witzige Dialoge und Situationskomik aufgeheitert. Das ist streckenweise so absurd wie ein hartgekochter Loriot. Und im Hintergrund laufen Italo-Pop-Songs und der titelgebende Schlager »Memories of Heidelberg«, gesungen von Peggy March (die älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern). Mehr möchte ich auch gar nicht erzählen, da Ihr das Büchlein ja selbst lesen sollt.</p>
<p>Noch viel weniger möchte ich eigentlich über das Buch »Wackelkontakt« von Wolf Haas erzählen. Hierbei handelt es sich tatsächlich um einen Roman, auch wenn es nur ganz klein vorne draufsteht. Und zwar um einen experimentellen. Aber keinen, der auf eine anstrengende Art innovativ sein will, sondern einen, der es auf eine witzige Weise ist. Man kennt das schon aus <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783455008845?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Das Wetter vor 15 Jahren«</a>, der ja auch schon sehr ungewöhnlich war. »Wackelkontakt« ist wiederum ganz anders erzählt, auf originelle Weise werden verschiedene Handlungsebenen miteinander verknüpft, das es eine wahre Freude ist. </p>
<p>Genug geschwärmt! Lest los!</p>
<p><strong>Wolf Haas: Wackelkontakt</strong> | Deutsch<br />
Hanser 2025 | 240 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783446282728?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>Hannah Häffner: Die Riesinnen</strong> | Deutsch<br />
Penguin 2026 | 416 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328604334?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>Saša Stanišić: Herkunft</strong> | Deutsch<br />
Luchterhand 2019 | 360 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783630874739?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>Saša Stanišić. Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne</strong> | Deutsch<br />
Luchterhand 2025 | 256 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783630877686?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><strong>Heinz Strunk: Memories of Heidelberg</strong> | Deutsch<br />
Rowohlt 2026 | 176 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783498009748?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</title>
		<link>https://www.wortmax.de/barbara-gowdy-der-weisse-knochen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2026 09:03:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Gowdy]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit »Der weiße Knochen« taucht man ab in die Welt von Elefanten und deren Mitbewohner. Doch weil sich unsere Spezies nicht ausschließlich durch eine solche Empathie auszeichnet, wie es bei der Kanadierin Barbara Gowdy der Fall ist, stellt sich die Welt dieser Giganten nicht eben als schreckensfrei dar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb.jpg" alt="Barbara Gowdy: Der weiße Knochen" title="Barbara Gowdy: Der weiße Knochen" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16597" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Vor Barbara Gowdys Imaginationskraft kann man nur niederknien. Es bedarf ja schon einiger kognitiver Leistung, um fremde Welten in Science Fiction oder Fantasy literarisch zum Leben zu erwecken, mit fremden Lebensformen, deren Sozialverhalten und Glaubenswelten sich von den humanoiden eklatant unterscheiden, doch diese Mittel anzuwenden auf real existierende Wesen, die uns mindestens aus Funk und Fernsehen vertraut sind, und das dann auch noch schlüssig, das ist bemerkenswert. Mit »Der weiße Knochen« taucht man nämlich ab in die Welt von Elefanten und deren Mitbewohner. Doch weil sich unsere Spezies nicht ausschließlich durch eine solche Empathie auszeichnet, wie es bei der Kanadierin Gowdy der Fall ist, stellt sich die Welt dieser Giganten nicht eben als schreckensfrei dar. »Der weiße Knochen« fesselt bis zuletzt, brutal, erschütternd, liebevoll und mit Humor.</p>
<p>Wir begleiten vornehmlich Matsch, eine Elefantenkuh, die zu Beginn der Geschichte ihren Kuhnamen erhält, weil ein Bulle ihr den Kälbertunnel grub – und gleich mit dem ersten Kapitel zieht Gowdy die Leserschaft mitten hinein in diese kuriose Welt der Elefanten. Das erste Fünftel des Buches stellt vornehmlich eine Positionsbestimmung dar, eine Orientierungshilfe, um sich als Lesender in dieser komplexen Welt zurechtzufinden. Der Kälbertunnel, das ist der weibliche Geschlechtsbereich, und ein Bulle macht mit seiner ersten Besteigung ein weibliches Kalb zur Kuh. Das nun widerfährt Matsch, und sobald dieser Moment eintritt, wählen die anderen Kühe aus der Familie einen Sippen-Kuhnamen für sie, der mit Sie beginnt und gefolgt ist von einem Wort, das mit dem Sippenbuchstaben startet. In Matschs Falle fällt die Wahl der anderen Sie-Schs auf Sie-Schmollt, was sie schmollend ablehnt und damit bestätigt.</p>
<p>Dieses erste Fünftel ist möglicherweise etwas zäh, weil man sich orientieren muss und weil darin gefühlt eher wenig Handlung stattfindet, aber sobald eine handlungsrelevante Zäsur eintritt, begreift man, wie wichtig diese Sequenzen sind, mit ihren Rückblicken und Erläuterungen. Denn diese Zäsur bedeutet den Tod großer Teile der Bezugsfamilie von Matsch, ausgelöst durch von den Elefanten sogenannte Hinterbeiner, also Menschen, Wilderer, die ein Blutbad unter den Tieren anrichten und nur wenige entkommen lassen. Und da beginnt die eigentliche Geschichte, die frei auf den Erfahrungen fließt, die man im ersten Fünftel machte, und man fließt nun freihändig mit.</p>
<p>Fortan begleitet man nicht nur Matsch, sondern auch zwei wichtige Bezugstiere, nämlich ihre Freundin Dattelbett sowie Langschatten, den Bullen, der sie bestieg. Was sie drei verbindet, ist die Suche nacheinander und die nach dem mythischen Weißen Knochen, von dem es heißt, dass er, in die Luft geworfen, bei seiner Landung den Weg zeigt zum Sicheren Ort, einem Sehnsuchtsort, der umso dringlicher ein Ziel für die Tiere darstellt, seit sie das Schlachten miterleben mussten, und seit eine entsetzliche Dürre über das Land hereinbrach.</p>
<p>Auch jetzt ist es weniger die Handlung, die das Buch auszeichnet, als das, was Gowdy sich als Träger der Geschichte ausdenkt. Die Elefanten sind strukturiert, jeder hat bestimmte Eigenschaften und damit Rollen in der Familie. Manche haben Visionen, manche können Omen deuten, manche können in Gedanken sprechen, und das dann auch mit anderen Tieren. Zudem gibt es auch in diesen Familien diverse Charaktere, von Gowdy herzlich porträtiert, mit Sturheit, Egozentrik, Empathie, Trauer, Verrücktheit und mehr. Man gewinnt die Elefanten lieb, und das bereits im ersten Fünftel, was die genannte Zäsur umso furchtbarer macht. </p>
<p>Nicht nur haben die Elefantenfamilien eigene Wesenszüge, es gibt sogar Familien, die nicht mit Sie beginnen, sondern mit Wir, weil sie intelligenter sind, somit überheblicher, sich aber als weniger widerstandsfähig erweisen. Deren Augen senden grüne Strahlen aus; das klingt wirr, aber man glaubt es Gowdy. Ebenso, dass manche Elefanten ihre Imagination für Erinnerung halten, dass sie – auch aufgrund ihres sprichwörtlichen Nicht-vergessen-Könnens – gelegentlich in solchen und in echten Erinnerungen verweilen, dass sie unendlich weit riechen und kommunizieren können und mehr. Mittlerweile hat man sich auch daran gewöhnt, dass einem die Elefanten als zivilisiert dargestellt werden, sie aber gleichzeitig koten und urinieren, sobald sie emotional aufgewühlt sind, dass sie Exkremente und Erbrochenes essen und dass auch ihre Sexualität nichts so Privates ist wie bei den Menschen, die sie trotz einer annährend anthropomorphen Darstellung eben nicht sind. Da erzählt Gowdy radikal, aber effektiv, denn dieser Holzhammer ist nötig, um während der Lektüre nicht auf die Idee zu kommen, dass man eigentlich doch wieder nur Menschen begleitet. Sondern die Siejenigen, wie die matriarchalisch ausgerichteten Elefanten sich selbst nennen, angelehnt an ihre Gottheit, die Sie, deren Auge die Sonne ist. Ganz nebenbei handelt Gowdy überdies auch noch spirituelle Diskurse ab, man staunt.</p>
<p>Noch mehr Imaginationskraft belegt Gowdy bei der Beschreibung der anderen Tiere. Deren Welten sind handlungsrelevant, weil jede Absurdität etwas zum Fortgang der Geschehens beiträgt, und zudem abermals so schlüssig erdacht, als könnte Gowdy wahrhaftig in die Seelen der Tiere blicken. Adler halten ihr Spiegelbild, das sie beim Überfliegen von Gewässern sehen, für ihr Geister-Ich. Wildhunden glimmt ein Feuer hinter den Augen. Mangusten wiederholen im Chor jedes Wort mehrfach, bis sie endlich einen vollständigen Satz zusammen haben. Auch die Lebenswahrheit von Gnus, Nashörnern, Straußen und vielen anderen Tieren bringt einem Gowdy nahe, und man wähnt sich in einem SciFi- oder Fantasyroman voller absurd-exotischer Wesen mit kuriosen Glaubenssätzen, nur dass die Autorin diese auf Tiere der afrikanischen Steppe anwendet. Das ist verblüffend.</p>
<p>Dafür verwendet Gowdy eine beinahe sachliche Sprache, was die Authentizität der Inhalte nur steigert, und durchsetzt sie mit poetischen, blumigen Bildern und einem entwaffnenden Humor. Die Dialoge zwischen den Elefanten sowie den anderen Tieren folgen den jeweiligen Charaktereigenschaften und bekommen dadurch eine doppelte pointierte Schlagkraft, auch schildert Gowdy manche Geschehnisse mit Lakonie. Im Rahmen der mühseligen Begebenheiten ereilen einen solche ironischen Momente umso überraschender, man bricht oft in lautes Lachen aus. Das tut gut, weil die Geschichte selbst nicht darauf angelegt ist, lustig zu sein, im Gegenteil, bereits im Vorwort deutet Gowdy an, dass es der Mensch ist, der den Elefanten die Existenz streitig macht, und dieser Umstand hängt als unvermittelt zustoßendes Damoklesschwert über dem gesamten Buch.</p>
<p>Ohne Kenntnis des Originals muss man der Übersetzung von Ulrike Becker und Claus Varrelmann ausnehmend dankbar sein. Vergleicht man etwa die teils furchtbaren deutschsprachigen Namensgebungen bei Terry Pratchett, sind die hier in »Der weiße Knochen« gefundenen Bezeichnungen ausnehmend passend, sie nisten sich beinahe gemütlich im Herzen der Leserschaft ein. Man mag einfach Wesen, die Hagelkorn, Sturm oder Blitz heißen. Brillant ist der Name Mir-Mir für die hinterlistige Gepardin, die den Elefanten suggeriert, den Weg zum Sicheren Ort zu kennen, ihn jedoch ausschließlich im Tausch gegen eines der Kälber als Mahlzeit verraten will. Kurios ist einzig, dass die trächtigen Elefantenkühe von den ungeborenen Kälbern in ihren Leibern bereits als »Neugeborene« sprechen.</p>
<p>Diesem Buch muss eine immense Recherche zugrunde liegen. Gowdy zeichnet diese Wanderungen so plastisch, als wäre »Der weiße Knochen« nicht einfach ein Roman, sondern eine Mitschrift. Man taucht bereitwillig ab in diese Welt, man lässt sich von ihrem Sog mitreißen, und man ist emotional aufgewühlt über all das, was das Arschloch Mensch mit seinem Planeten anrichtet. Das Böse hier ist stets der Mensch; so verschlagen manche anderen Tiere hier auch sein mögen, an die Tödlichkeit der Hinterbeiner kommt keines heran. Wir wissen ja selbst, dass es auf der Erde keinen Sicheren Ort gibt.</p>
<p>»Der weiße Knochen« ist eine Empfehlung von <a href="https://www.wortmax.de/irgendwo-muessen-buecher-ja-schliesslich-spielen-hardy-crueger-1962-2025/">Hardy Crueger</a>.</p>
<p><strong>Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</strong> | Deutsch von Ulrike Becker und Claus Varrelmann<br />
Unionsverlag 2013 (Original 1998, Antje Kunstmann 1999) | 320 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783293205970?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/barbara-gowdy-der-weisse-knochen/">Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Tomer Gardi: Liefern</title>
		<link>https://www.wortmax.de/tomer-gardi-liefern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 09:12:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Birkenhauer]]></category>
		<category><![CDATA[Tomer Gardi]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.wortmax.de/?p=16590</guid>

					<description><![CDATA[<p>In »Liefern« lässt Tomer Gardi Kuriere zu Wort kommen. Dafür hat er drei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt recherchiert und Betroffene interviewt. Gardis Figuren arbeiten unter Zeitdruck in einem erbarmungslosen Job mit langen Arbeitszeiten und den ständig drohenden Gefahren auf der Straße.</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb.jpg" alt="Tomer Gardi: Liefern" title="Tomer Gardi: Liefern" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16592" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Dass Zeit eine ebenso wertvolle Ressource ist wie Geld, wusste bereits Benjamin Franklin. Mit seiner berühmten Metapher betonte er in seinem Werk »Ratschläge für junge Kaufleute« aus dem Jahr 1748 den wirtschaftlichen Wert der Arbeit. Dass Zeit Geld ist, wissen auch die Kuriere auf dem Fahrrad, die abgehetzt mit lautstarkem Klingelgeräusch in meinem Wohnviertel die Fußgänger aufscheuchen. Die »Rider« bringen überall Essen von einem Ort zum anderen, und doch sehen wir sie nicht. Sind wir zu verwöhnt?</p>
<p>In seinem neuen Roman »Liefern« lässt der israelische Autor Tomer Gardi genau solche Kuriere zu Wort kommen. Dafür hat er drei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt recherchiert und Betroffene interviewt. Gardis Figuren arbeiten unter Zeitdruck in einem erbarmungslosen Job mit langen Arbeitszeiten und den ständig drohenden Gefahren auf der Straße. Alle kämpfen für sich allein als selbständige Dienstleister*innen unter permanentem Druck der Konkurrenz. Mafiöse Mittelspersonen verschaffen Geflüchteten ohne Arbeitserlaubnis falsche Identitäten, gegen Kohle, versteht sich.</p>
<p>Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, benötigt dringend Geld. Er möchte seiner Frau und Tochter (die er noch nie gesehen hat) nach Berlin folgen. Deshalb heuert er unter falschem Namen bei einem Lieferservice an. Seine Frau lernt inzwischen Deutsch bei Nina in Berlin. Die wiederum verliebt sich während ihres Aufenthaltes in Neu-Delhi in den Argentinier Ramon. Dort beobachten die Lesenden, wie eine Frau das Essen auf einem <em>»brüllenden, glänzend schwarzen Scooter«</em> ausfährt. Hinter ihr sitzt ein Kind mit einer roten Bonanza-Tasche auf dem Rücken. Der Venezolaner Ciervo liefert das Essen in Buenos Aires aus. Ständig stürzt sein Handy ab. Zufälligerweise findet er ein anderes, nämlich das von Ramon. Wer bis hierher leicht den Überblick verloren hat, findet Halt beim Ich-Erzähler. Doch alles hat auch er nicht im Griff, deutet der Autor doch manche Story nur an.</p>
<p>Während der Erzählende nach Istanbul reist, um sich von einem Preisgeld eine Haartransplantation zu leisten, genießt man Gardis feinsinnigen Humor. Wie schelmisch er über die Schummeleien in der Literaturpreisjury, die blutigen kahlen Köpfe in der Klinik für Haartransplantationen oder die unverschämte Wissbegier deutscher Autoren in der afrikanischen Provinz plaudert. Als der Ich-Erzähler an seiner haarigen Unternehmung noch zweifelt, trifft er den Lieferanten Resul. Der erzählt ihm seine Lebensgeschichte. </p>
<blockquote><p><em>Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.</em></p></blockquote>
<p>Tomer Gardi lotst die Lesenden durch ein Dickicht an Figuren und Handlungsorte. Seine prekär Beschäftigten reiben sich in Tel Aviv ebenso auf, wie in Berlin, Istanbul, Delhi, Buenos Aires oder Naivasha. Neben den Kurieren begegnet man Küchenhelfern, Döner-Verkäufern, Gästebetreuern und Rosenpflückerinnen. Alle sind einem System gnadenlos ausgeliefert: der App, den Algorithmen, den Bewertungen.</p>
<p>Gardis Sprache ist einfach, kreativ und dabei sehr poetisch. Bei ihm steht jemand nachts »im Unschein«, die Rosenpflückerin »will werden« statt sein. Er gebraucht für uns fremde Wörter, denn wir sind privilegiert und kennen die absurden Prozesse im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration nicht. Wer von uns hat je eine »Flüchtlingsunterkunft«, ein »Ankunftszentrum« oder eine »Erstaufnahmeeinrichtung« von innen gesehen?</p>
<p>Der Text berührt. Er schmerzt. Das ist gewiss auch der Übersetzerin Anne Birkenhauer zu verdanken, mit der Tomer Gardi für dieses Buchprojekt zusammengearbeitet hat. Anne Birkenhauer hat außerdem den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.</p>
<p>Tomer Gardi lässt einen so nah an die Figuren, auch, weil man ihre Wärme spürt. Er erzählt seine Geschichten tiefgründig und doch mit dem gewissen Schalk im Nacken. Bewusst lässt er die Grenzen der autofiktionalen Erzählung verschwimmen. Das ist großartig. Dieser Roman hat mich umdenken lassen. Habe ich bis vor kurzem einem »Rider« auch manchmal böse etwas hinterhergerufen, wenn er mich gestreift hat, gehe ich nun respektvoll zur Seite, bevor dies passiert. Hinter den Essenslieferanten mit ihren quadratischen Taschen verbergen sich Menschen mit ihren eigenen Geschichten, Sehnsüchten und Träumen. Ihre Heimatlosigkeit geht uns alle etwas an!</p>
<p><strong>Tomer Gardi: Liefern</strong> | Deutsch von Anne Birkenhauer<br />
Tropen 2026 | 320 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783608502633?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang</title>
		<link>https://www.wortmax.de/t-c-boyle-das-ende-ist-nur-ein-anfang/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Reichard]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Aug 2026 10:05:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[T.C. Boyle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer bisher die Romane von T.C. Boyle bevorzugt hat, sollte sein Augenmerk unbedingt auf seine Kurzgeschichten lenken. (...) Sie sind keine Appetithäppchen, keine Fingerübungen zwischen den großen Werken. Sie sind wie kleine Romane — komprimiert, verdichtet, mit der Wucht eines vollen Romans. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/das-ende-ist-nur-ein-anfang-vb.jpg" alt="T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang" title="T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16557" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/das-ende-ist-nur-ein-anfang-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/das-ende-ist-nur-ein-anfang-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Mit nur 240 Seiten kommt das neueste Buch unserer Blog-Inspiration T.C. Boyle im Vergleich zu seinen anderen Werken recht schmal daher. Aber das ist verkraftbar. Immerhin veröffentlicht Boyle so gut wie jährlich ein neues Buch. Und inhaltlich heben seine neuen Short Storys die Leichtigkeit des Bandes vollständig auf. Es sind keine Wohlfühlgeschichten. Aber die erwartet von dem gefeierten US-Schriftsteller wohl auch niemand.</p>
<p>T.C. Boyle hat inzwischen einen Sound gefunden, den man gut mit dem Begriff Gegenwartsdystopie bezeichnen könnte. Was wir lange als Science Fiction verbuchten, ist mittlerweile bittere Gegenwart. Genau das führt uns Boyle in seinen jüngeren Kurzgeschichten vor Augen. Oder auch – besonders gelungen – in seinem vorletzten Roman <a href="https://www.wortmax.de/t-c-boyle-blue-skies/">»Blue Skies«</a>, wo die Folgen des von Menschenhand drastisch beschleunigten Klimawandels nicht als Zukunftsszenario daherkommen, sondern als etwas, das bereits stattfindet. Dem stehen wir tatenlos gegenüber, in einer Mischung aus Ignoranz, Sorglosigkeit, Apathie und schlechtem Gewissen — wohl aber auch mit einem Funken Hoffnung, dass sich irgendwann, irgendwie noch alles zum Guten wendet.</p>
<p>In diesem Sinne haben mich vier Geschichten des neuen Bandes nachhaltig beeindruckt. In »Kalter Sommer« lebt ein Paar seinen Aussteigertraum — autarkes Haus, Solarpaneele, weit weg von den Städten. Doch ein durchgeknallter Milliardär versprüht Schwefelsäure in der Stratosphäre, die Sonne verschwindet, im Juli fällt Schnee. Ohne Strom, ohne E-Auto, mit einem Beinbruch, sind die Solar-Utopisten plötzlich auf ihre grantelnden Klimawandelleugner-Nachbarn mit Verbrenner angewiesen. Boyle zeigt: Wer allein auf Technik setzt, um die Welt zu bändigen, hat die  Gefahr nicht verstanden.</p>
<p>Die Titelgeschichte, »Das Ende ist nur ein Anfang«, beginnt dagegen fast heiter: Ein amerikanischer Schriftsteller besucht seinen europäischen Verlag in Paris, ein langweiliger Termin, der sich zu einem kleinen Fest fürs Leben entwickelt. Zurück in Kalifornien stirbt seine Frau an Corona — er hat sie, ohne etwas zu ahnen, infiziert. Religiöser Trost wird zu einer Phrase:</p>
<blockquote><p><em>»Ich weiß nicht, wo du Jesus findest, aber Carolines Moleküle sind da drüben, in der Urne mit dem Blumenkranz – und ein paar vielleicht noch im Kamin des Krematoriums.«</em></p></blockquote>
<p>In »Ich rate zu Kunstfaser« kommen zwei Elternpaare ins Gespräch, deren Söhne kurz vor der Einschulung stehen. Die einen haben für ihr Kind einen schusssicheren Ranzen gekauft und Waffen zu Hause. Das andere Paar ist davon befremdet und verunsichert. Boyle zeigt hier den Waffenfetischismus der USA im Mikrokosmos.</p>
<p>»2036« schließlich ist die wütendste Geschichte des Bandes. Die USA sind eine Diktatur, Grönland wurde »befriedet«, und ein harmloser Social-Media-Post über holländische Tulpen reicht für eine Festnahme. Der Protagonist Frazier landet in einem Umerziehungslager, muss die gesammelten Reden des Präsidenten auswendig lernen — zehn Bände, je fünfhundert Seiten — und fügt sich, bis er Mitgefangene verrät und die »Staatsbürgerschaft Plus« erhält. Dass Boyle dabei auf Donald Trump zielt, braucht weder in seiner Geschichte noch in dieser Rezension näher erwähnt werden; es ist die bitterböse Groteske eines Mannes, der seinen Abscheu eloquent von der Seele schreibt. Übrigens auch täglich in seinen Social-Media-Kanälen bei X und <a href="https://bsky.app/profile/tcboyle.com" target="_blank">Bluesky</a> sowie in seinem <a href="https://www.tcboyle.de/whats-new/" target="_blank">monatlichen Blog</a>.</p>
<p>Wer bisher die Romane von T.C. Boyle bevorzugt hat, sollte sein Augenmerk unbedingt auf seine Kurzgeschichten lenken. Sie sind keine Appetithäppchen, keine Fingerübungen zwischen den großen Werken. Sie sind wie kleine Romane — komprimiert, verdichtet, mit der Wucht eines vollen Romans, nur ohne Längen. Boyle in Bestform, im Kleinformat. Lesen können wir die Mini-Romane einstweilen nur in deutscher Sprache (hervorragend übersetzt von Dirk van Gunsteren), sieht man davon ab, dass einige Erzählungen des neuen Bandes bereits in amerikanischen Magazinen erschienen sind. Im Original zwischen zwei Buchdeckeln erscheinen sie erst im nächsten Jahr.</p>
<p><strong>T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang</strong> | Deutsch von Dirk van Gunsteren<br />
Hanser 2026 | 240 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783446288393?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling</title>
		<link>https://www.wortmax.de/frank-miller-push-the-wall-my-life-writing-drawing-and-the-art-of-storytelling/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Karsten Weyershausen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Jul 2026 07:35:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Originale]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Miller]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Janson]]></category>
		<category><![CDATA[Lynn Varley]]></category>
		<category><![CDATA[Neal Adams]]></category>
		<category><![CDATA[Norman Rockwell]]></category>
		<category><![CDATA[Quentin Tarantino]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Rodriguez]]></category>
		<category><![CDATA[Saul Bellow]]></category>
		<category><![CDATA[Will Eisner]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als seine Karriere anfing, war Frank Miller nur ein unbedarftes Landei aus Vermont, dessen geistiger Horizont von Fernsehkrimis, Comics und schlechten Filmen geprägt war. Knappe 50 Jahre später kommt er als »Man About Town« daher, der von Michelangelo schwärmt und Aristoteles zitiert ... </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/push-the-wall.jpg" alt="Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling" title="Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling" width="120" height="188" class="alignleft size-full wp-image-16549" />Als seine Karriere anfing, war Frank Miller nur ein unbedarftes Landei aus Vermont, dessen geistiger Horizont von Fernsehkrimis, Comics und schlechten Filmen geprägt war. Knappe 50 Jahre später kommt er als »Man About Town« daher, der von Michelangelo schwärmt, Aristoteles zitiert, Einsteins Konzept der Quantenverschränkung erklärt und seinen Saul Bellow auswendig kennt. Seit »Robocop 2« hat er es weit gebracht. Miller war in kürzester Zeit der Wunderknabe der amerikanischen Comics. Ein junger Kerl, der quasi in der Gosse lebte, bis er als Zeichner des Marvel-Superhelden »Daredevil« fast über Nacht zum Hoffnungsträger der amerikanischen Comicszene wurde. Die Intelligenz, die hinter seinen perfekt arrangierten Panels steckte, war unübersehbar. Nach nur zehn Ausgaben gab er mit einer Rachegeschichte, in der eine Ninja-Killerin, namens Elektra auftaucht, seinen Einstand als Autor. Wie später Quentin Tarantino verstand er es, ein Genre zu demontieren und mit den Versatzstücken seiner Obsessionen neu zusammenzusetzen.</p>
<p>Die Weltsicht des Newcomers war schon damals bedenklich, passte aber ganz zum Zeitgeist der Reagan-Ära, in der Typen wie Rambo gefragt waren, auch wenn Miller dies heute sicher anders sieht. 1986, ein Schicksalsjahr der amerikanischen Comics, brachte Art Spiegelmans »Maus«, »Watchmen« von Alan Moore und Dave Gibbons sowie Millers »The Dark Knight Returns« hervor, allesamt Meilensteine, die enorme Bestseller wurden. »Comics Aren&#8217;t Just For Kids Anymore«, hieß es plötzlich.</p>
<p>Das ließ Hollywood aufhorchen. So kam es, dass der gefeierte Comicmacher an die Westküste zog, um neben der Drehbuchschreiberei »Wein, Weib und Gesang« zu frönen, wie er in seinem Buch, »Push the Wall«, offenbart. »My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling« lautet der Untertitel. Doch wenn eine Wikipedia-Seite mehr verrät, als der Autor selbst, verheißt das nichts Gutes. Hätte er sein Buch als »The Art of Storytelling – unter Zuhilfenahme eingestreuter Anekdötchen« herausgebracht, wäre dies treffender gewesen. Vielleicht wollte er nur seinem Idol Will Eisner nacheifern, der mit »Comics and Sequential Art« eines der ersten Bücher über die Mechanismen der Comics schrieb. Miller jedoch möchte sich nicht auf ein Medium allein beschränken, zu divers ist die Bandbreite seiner Ambitionen.</p>
<p>Er beginnt sein Buch mit einem Brief an sein jugendliches Selbst, um in den darauffolgenden 16 Lektionen zu erklären, worauf es beim Geschichtenerzählen ankommt. Fast alle dieser Lektionen werden mit biografischen Details unterfüttert. Wenn er jedoch den Western »High Noon« seziert oder über Norman Rockwell, den Maler einer heilen amerikanischen Welt, schwadroniert, macht er gewaltige Umwege, um einen simplen Standpunkt zu verdeutlichen. Dazu muss man etliche Passagen erdulden, in denen er bemüht ist, literarisch zu klingen, wie beispielsweise in seiner Beschreibung von Los Angeles, die nur Chandlerismen aneinanderreiht.</p>
<p>»Lass Dich überfallen und verliebe Dich« lautet die Überschrift der 3. Lektion, in der es um Lebenserfahrung und die Herstellung von Kunst geht. Doch wie will man die erlangen? Die meiste Zeit seines Lebens verbringt ein Comickünstler über seinem Zeichentisch gebeugt. Dramatische Ausreißer gibt es höchstens, wenn ein Bleistift abbricht oder die Katze mit schmutzigen Pfoten über das Zeichenpapier läuft. Astronauten haben es da besser, denn der Akt des Schreibens und des Zeichnens ist unspektakulär. Dieses Problem hatten schon einige Künstler mit ihrer Autobiografie. Zum Glück gibt es Sex, Alkohol und Drogen, die helfen, das Ganze ein wenig aufzulockern. Nur leider hat Miller nicht vor, uns an seinem zweifellos vorhandenen Erfahrungsschatz auf diesen Gebieten teilhaben zu lassen. Schon sein Gesicht verrät, dass er in seinem Leben sicher einiges durchmachen musste. Doch das wird bestenfalls angedeutet. Sein Erinnerungsvermögen ist höchst selektiv. Einzig die Entstehung von »RoboCop 2« und »Sin City« wird eingehend beleuchtet. Alle anderen Filmprojekte finden keine Erwähnung.</p>
<p>Bedauerlicherweise ist er bei Menschen, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, ebenso diskret. Fast alle auftauchenden Zeitgenossen werden auf unverbindlichste (sprich: langweiligste) Art und Weise abgehandelt. Selbst seine beiden Vaterfiguren, Neal Adams und Will Eisner, zwei höchst komplizierte Charaktere, werden auf eindimensionales Gutmenschentum reduziert. Auch sein kreativer Partner Klaus Janson, mit dem er nach »The Dark Knight Returns« jahrzehntelang kein Wort wechselte, und seine Ex-Frau und Ex-Koloristin Lynn Varley treten als farblose Randfiguren in Erscheinung. Die Ehre einer etwas differenzierten Sicht wird höchstens Robert Rodriguez zuteil, der Miller während der Verfilmung von »Sin City« gegen erhebliche Widerstände zum Co-Regisseur machte.</p>
<p>Vielleicht ist diese Zurückhaltung die Reaktion auf einen gewaltigen Shitstorm, den er 2011 auslöste, nachdem er die Occupy-Bewegung als »einen Haufen Flegel, Diebe und Vergewaltiger« beschimpfte. Im selben Jahr erschien seine Graphic Novel »Holy Terror«, die ihm den Vorwurf einbrachte, islamophob zu sein.</p>
<p>Heute distanziert sich der 69-Jährige von seinen damaligen Aussagen. Ist es späte Einsicht oder die allgegenwärtige Angst gecancelt zu werden? Kontroverses sucht man in diesem Buch daher vergebens. Richtig interessant wird es nur, wenn es vom eigentlichen Schaffensprozess berichtet: Wie als Miller zu Schere und Klebstoff greift, nachdem er merkt, dass der erste Teil von »The Dark Knight Returns« nicht auf die benötigte Seitenzahl zu bringen ist. Die resultierende Cut + Paste-Aktion sorgt für ein völlig anderes Erzähltempo. Für das Multitalent ein Aha-Erlebnis. Nur sind solche Momente selten.</p>
<p>Für wen ist dieses Buch also gedacht? Für die Fans seiner Comics? Für alle, die seine Filme mögen? Ist es eine Motivationshilfe für Anfänger? Eine Ergänzung für den Frank-Miller-Fan, der alles hat? Als Lehrbuch ist es zu diffus, als Autobiografie viel zu oberflächlich. Wer mehr über den Künstler erfahren möchte, findet dies eher in den zahlreichen Interviews, die er besonders am Anfang seiner Laufbahn gab. Schade eigentlich. Nach 50 Jahren in der Branche wüsste er sicher eine Menge zu erzählen. Nur leider nicht in diesem Buch.</p>
<p><strong>Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling</strong> | Englisch<br />
Simon &#038; Schuster/Saga Press 2026 | 224 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9781837262144?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</title>
		<link>https://www.wortmax.de/daniel-fassbender-heavens-gate-ein-fall-fuer-caruso/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 07:51:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Faßbender]]></category>
		<category><![CDATA[Dashiell Hammet]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Fauser]]></category>
		<category><![CDATA[Raymond Chandler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Daniel Faßbender studierte Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte und stand 2018 mit seinem Debütroman »Die weltbeste Geschichte vom Fallen« auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Für »Heaven’s Gate« erhielt er ein Stipendium des 1:1-Mentoring-Programms des Literaturbüros Nordrheinwestfalens und des Literaturhauses Bonn.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16540" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Der Schweizer Diogenes Verlag veranstaltet regelmäßig Zoom-Konferenzen für Buchhändler*- und Blogger*innen, in denen er seine aktuellen Bücher vorstellt. Anfang des Jahres las Daniel Faßbender dort aus seinem Krimi-Debüt »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso«. Dies ist der erste Teil einer Reihe, der die Lesenden auf die philippinische Insel Surogao entführt, auf der sich der ehemalige Profisurfer Caruso als Privatdetektiv niedergelassen hat. Die eindrucksvolle Leichtigkeit des Augenblicks, in dem die Hauptfigur die titelgebende, anspruchsvolle Riesen-Welle bezwingt, hat mich so fasziniert, dass das Buch umgehend auf meinem Bücherstapel landete.</p>
<blockquote><p><em>Ich stehe auf der Stelle, während ich mich mit hoher Geschwindigkeit auf ein gleißendes Licht zubewege. Ein Rausch. Ein konturloses Jetzt. Freiheit.</em></p></blockquote>
<p>Daniel Faßbender studierte Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte und stand im Jahr 2018 mit seinem Debütroman <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783981848465?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Die weltbeste Geschichte vom Fallen«</a> auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Für »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso« erhielt er ein Stipendium des 1:1-Mentoring-Programms des Literaturbüros Nordrheinwestfalens und des Literaturhauses Bonn. Daniel Faßbender lebt in Köln, ist selbst leidenschaftlicher Surfer und arbeitet in einer TV-Nachrichtenredaktion.</p>
<p>Seine Hauptfigur, Privatdetektiv Caruso, lebt seit ungefähr einem Jahr auf der philippinischen Insel Surogao. Er will surfen, frönt dem Nichtstun in seiner Hängematte und ertränkt seinen Trübsinn im Alkohol. Kleinere Aufträge, wie etwa das Wiederfinden gestohlener Roller oder Surfboards, halten ihn mehr, meistens jedoch eher weniger über Wasser. Er braucht unbedingt Geld. Da kommt ihm die geheimnisvolle Spanierin Ángel Guzmán Gaviria gerade recht. Sie möchte, dass er ihren seit zwei Wochen verschwundenen Sohn findet. Caruso fühlt sich von Ángel angezogen, weil sie ihn an seine Verflossene erinnert. Ihr Sohn ist ebenfalls ein begeisterter Surfer. Also sagt er zu. Übernimmt sich Caruso mit diesem Fall?</p>
<p>Zunächst geht er die Suche nach dem jungen Mann gelassen an. Doch schon bald versinkt er tief im Sumpf von Drogen, Gewalt, Korruption und den damit einhergehenden Problemen. An Carusos Seite steht der ehemalige Häftling, Zuhälter und Drogenhändler Dieter »Diego« Mühle. Der clevere Mann der »alten Schule« ist auch der Vater des Gesuchten. Durch ihn entsteht Spannung, er sorgt für genügend Widerspruch und verleiht Faßbenders Erzählstil den Hardboiled-Charakter. Vortrefflich geling dem Autor der Einsatz von althergebrachten Genre-Stereotypen (jovialer Umgangston, Diegos sexistische Verhaltensweisen, nachvollziehbare Zuspitzung durch Gewalt am Ende).</p>
<p>Offen sprach Faßbender während der Online-Lesung über seine Vorbilder: Dashiell Hammet, Raymond Chandler, Jörg Fauser. Man spürt sie insoweit, dass sie sogar im Text genannt werden. Doch man spürt auch Faßbenders Weiterentwicklung. Caruso entspricht nicht den klassischen Männlichkeitsbildern. Man empfindet seine innere Zerrissenheit, erlebt, wie er mit seinen eigenen Lastern kämpft oder welche Auswirkungen Trostlosigkeit, Gewalt und die gesellschaftlichen Missstände auf ihn haben. </p>
<p>Mit Diego stellt der Autor der Hauptfigur einen grandiosen zweiten Protagonisten an die Seite, der ebenso komplex angelegt ist wie Caruso selbst. Ist er sympathisch oder eher nicht? Auf jeden Fall ist er eine raffiniert angelegte Figur in dem actiongeladenen, einfallsreich konzipierten Kriminialfall à la »Surf Noir« vor einer interessant gewählten Kulisse, der zudem vorzüglich unterhält. Die gut nachvollziehbare, packende Auflösung fesselt bis zur letzten Zeile, auch wenn die gesellschaftliche Misere ebenso unverändert bleibt wie Carusos persönliche Situation. Auf eine Fortsetzung darf man sich gespannt freuen.</p>
<blockquote><p><em>Ich verstaute mein Gepäck und wechselte auf das Oberdeck. In der Ferne erschien Heaven’s Gate, dahinter wankte der Surftower im Wind. …Für einen kurzen Moment drehte der Wind, blies von der Küste aufs Meer, und die Welle entfaltete ihre volle Pracht. Ein verirrter Funken Sonne ließ die Kathedrale erstrahlen. Ich schloss die Augen und kehrte zurück in ihr Innerstes.</em></p></blockquote>
<p><strong>Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</strong> | Deutsch<br />
Diogenes 2026 | 304 Seiten | <a href="https://www.book2look.com/book/9783257301182(wortmax.de)" target="_blank">Mehr lesen</a> | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783257301182?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Bestellen</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/daniel-fassbender-heavens-gate-ein-fall-fuer-caruso/">Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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