
Für ihren ersten Roman »Ohne mich« wurde die im Münsterland lebende Autorin Esther Schüttpelz 2023 mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE ausgezeichnet. Im vergangenen Monat erschien beim Schweizer Diogenes Verlag ihr zweites Buch mit dem Titel »Grüne Welle«. Darin verfährt sich eine Frau nach einem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer Freundin in einem alten Golf in einer Umleitung und findet den Weg zur Autobahn nicht. Sie nimmt sich vor, bei der nächsten roten Apel anzuhalten und zu wenden, doch sie fährt immer weiter. Sie hat genau das, was sich alle Autofahrenden auf dem späten Heimweg wünschen: eine Grüne Welle.
Die namenlose Protagonistin trifft sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino. Sie ist Künstlerin, jedoch nicht besonders erfolgreich. Nun fährt sie auf einsamen Landstraßen durch die Dunkelheit und entfernt sich immer mehr von der naheliegenden Kleinstadt, in der sie mit ihrem Mann (einem Anwalt) eine Stadtvilla bewohnt. Die Frau fährt und fährt, vertraut ein wenig orientierungslos dem Zufall der roten Ampel und gibt sich ihren dahinschlängelnden gedanklichen Monologen hin.
Was, wenn sie stimmen, dachte sie, die vielen Geschichten vom Ende der schönsten Dinge, was, wenn es uns längst nicht mehr gibt, wir es nur nicht wahrhaben wollen? Die Frau wurde panisch. Was war das Leben für ein Betrug. Gibt uns das beste nur, damit wir es wieder verlieren. Ganz ohne Grund, nur weil es anscheinend genug ist. Ganz ohne Grund hatten die Frau und die Freundin sich nichts zu sagen. Genau wie es vorher ohne Grund so viel zu reden gegeben hatte. In ihrem Mund erstickte die Frau ihre Fragen mit dem Rauch ihrer sechsten oder siebten oder siebzehnten Zigarette und schluckte sie runter in ihren Bauch.
Was für eine gespenstische Atmosphäre, die gleichzeitig einen solchen Sog erzeugt, dass man ohne Pause weiterliest. Während man dem einnehmenden Selbstgespräch folgt, passiert man mit ihr die alte Wohngemeinschaft, die Galerie, in der sie einst arbeitete und erfährt so mit jeder Seite etwas mehr. Da brodelt es unfassbar unter der Oberfläche. Man spürt direkt das bedrohliche Rauschen im Hintergrund. Von häuslicher Gewalt ist die Rede und beim Lesen entstehen Bilder im Kopf. Diese Frau fährt nicht einfach so weg. Sie ist unvorbereitet und hat doch eine Idee. Man erahnt die Metapher hinter der Grünen Welle. Ist die Frau ehrlich zu sich? Was treibt sie weg von ihrer Ehe, von der Enge ihres Lebens?
Ganze vierundzwanzig Stunden ist die Frau unterwegs. Im Morgengrauen überfährt sie ein Reh und lädt es in ihren Kofferraum. An einer Dorftankstelle nimmt sie zwei abenteuerlustige Anhalterinnen mit, die die bedrückend-getriebene Begrenztheit ihrer Gedanken und die des Autos durchbrechen. In einem zweiten Handlungsstrang sucht die beste Freundin den Ehemann der Protagonistin auf. Ihm gibt Esther Schüttpelz im gesamten Geschehen nur wenig Raum.
Schnörkellos, bildstark und kompakt auf nur 208 Seiten erzählt die Autorin ihre Geschichte und rückt am Ausgangspunkt die Psyche ihrer Protagonistin in den Fokus. In vierundzwanzig Kapiteln, konzentriert, direkt im Handlungskern beginnend und mit einem außergewöhnlichen Sound ist sie nah an ihrer Protagonistin und deren Freundin, während die anderen Figuren weiter entfernt scheinen. Am Ende muss die Protagonistin eine Entscheidung treffen. Doch wie chaotisch läuft die Entscheidungsfindung in ihrem Kopf ab? Weil Abwägen in ihrer Situation schwierig ist, wird es von der Ampel übernommen. Die bleibt diesmal ewig rot.
Eine sehr lesenswerte, betörende Geschichte, die einen auch nachdenklich zurücklässt. Können wir die Situation der Frau objektiv bewerten? Soll man die Wahrheit aussparen, weil es sie nicht gibt? Wie ehrlich sind wir mit uns selbst, wenn wir uns entscheiden müssen?
Esther Schüttpelz: Grüne Welle | Deutsch
Diogenes 2026 | 208 Seiten | Mehr lesen | Bestellen
