Woher stammt eigentlich unsere Sehnsucht nach Heldentum? Wer ist ein Held? Und wer sind die Menschen, die alles daransetzen, als Helden in die Geschichte einzugehen? Interessante Fragen, die mich dazu bewegt haben, wieder einmal zu einem Sachbuch zu greifen. Da mich die Geschichte um den spektakulären Wettlauf zum geografischen Südpol zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Briten Robert Falcon Scott immer schon fasziniert hat, kam mir Jürgen Kehrers im März 2026 beim Quadriga Verlag erschienenes Buch »Heldenreise ins ewige Eis: Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13« wie gerufen.

Darin erzählt der bekannte Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller die ebenso spannende wie tragische Geschichte über die Deutsche Arktische Expedition in dieser Zeit. Während die Polarforschung boomte, zählten die Nordost- oder Nordwestpassage, aber auch der Nord- und Südpol zu den begehrten Zielen. Solche Unternehmungen bargen Risiken und wurden häufig mit dem Leben bezahlt (u.a. John Franklin oder Robert Falcon Scott).

»Hätten diese Leute ein klein wenig Erfahrung in Eis und Schnee gehabt, so hätte sich all dieses Elend leicht vermeiden lassen. Reisen in jene Gegenden können wahrhaftig genug Schwierigkeiten bieten, ohne dass man diese durch leichtsinnige Ausrüstung und Überfluss an Unkenntnis noch zu vergrößern braucht.« Fridtjof Nansen (1861 – 1930)

Andererseits konnte man auf diese Art und Weise auch berühmt oder gar als Held gefeiert werden. Genau das schwebte dem 1884 in Stranz geborenen Herbert Schröder vor, der (um sich aus der Masse herauszuheben) seinem gewöhnlichen Nachnamen den Geburtsort hinzufügte und später Schröder-Stranz hieß. Ohne Schulabschluss verpflichtete er sich zunächst bei der kaiserlichen »Schutztruppe«, die in Südwestafrika für den Völkermord an den Herero verantwortlich war. Als Offiziersanwärter entpuppte er sich jedoch als ungeeignet. Im Jahr 1905 hatte er die Idee, während einer wissenschaftlichen Expedition zu klären, ob sich die Nordostpassage für den Schiffsverkehr nutzen ließe. Würde er so als Polarreisender unsterblich werden und als Mann der Tat in die Geschichte eingehen?

Seine Suche nach Sponsoren war langwierig und dauerte mehrere Jahre. Dennoch vermutet Jürgen Kehrer hinter dem Hochstapler Schröder etwas Anziehendes, das den bekannten Polarforscher Ernst von Drygalski überzeugte, seine Pläne zu unterstützen. Um leichter Geldgeber zu finden, entschied sich Schröder-Stranz für eine Vorexpedition. Die finanzierte Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg.

Ausführlich und nacherlebbar beschreibt Jürgen Kehrer den Verlauf dieser Expedition. Ungenügende Vorbereitung, Überheblichkeit und mangelnde Kenntnisse dominierten den Misserfolg dieser Forschungsreise. Schröder-Stranz hatte seine Route wider besseren Wissens entlang der Nordküste Spitzbergens geplant. Gemeinsam mit drei weiteren Männern setzt er sich von der Mannschaft ab, um die zweitgrößte Insel von Spitzbergen (Nordostland) zu durchqueren. Diese kleine Gruppe kehrte nicht zu den anderen zurück und gilt seitdem als verschollen.

Eis umschließt das Expeditionsschiff. Es entbrennt ein harter Überlebenskampf, der einige dazu veranlasst, auf dem Landweg Hilfe zu generieren. Der Autor lässt die Lesenden hautnah miterleben, wie die Expeditionsteilnehmer in zu dünner Kleidung, mit zu wenig Nahrung über erodiertes Packeis und Berge von Gletscherschutt klettern. Manchmal mag man sich die Folgen nicht vorstellen: erfrorene Finger und Zehen, die ohne ausreichende medizinische Hintergründe und Narkose amputiert werden müssen. Auch das zwischenmenschliche Klima ist eisig – einer spricht dem anderen Zuständigkeiten und Fachwissen ab. Ähnlich ergeht es den ausgesandten Rettungsmannschaften. Sie gelangen nicht zur Hauptexpedition, scheitern an der eigenen Selbstüberschätzung und müssen am Ende selbst gerettet werden.

Jürgen Kehrer ist mit seiner plastischen Erzählweise ein spannendes Buch gelungen, das man ohne Pause durchliest. Sehr anschaulich und unterhaltsam beleuchtet er die Geschichte von Menschen, die Außergewöhnliches vollbringen wollten, allen voran Schröder-Stranz. Letzterer mag aus seiner Sicht gewiss alles in seiner Macht Stehende in seine Unsterblichkeit investiert haben, Anmaßung und Selbstüberschätzung stehen jedoch keinem Helden gut.

Jürgen Kehrer: Heldenreise ins ewige Eis. Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13 | Deutsch
Quadriga 2026 | 272 Seiten | Jetzt bestellen