
Die Idee an sich ist schon originell: William Shakespeare, der wohl berühmteste Autor der Weltliteratur, wird in dem Roman »Hamnet« der irischen Autorin Maggie O’Farrell zu einer absoluten Nebenfigur degradiert. In den Mittelpunkt rückt Farrell stattdessen Shakespeares Ehefrau, Anne Hathaway, von ihr Agnes genannt, weil sie im historischen Testament ihres Vaters auch mit diesem Namen bezeichnet wird. Insgesamt war die Schreibweise von Namen und generell Wörtern zu Shakespeares Zeit – er lebte von 1564 bis 1616 – viel weniger festgelegt und mehr im Fluss als heute. So sind auch der Name der Titelfigur des Romans, Shakespeares Sohn Hamnet, und der Titel seines berühmtesten Stücks Hamlet, damals völlig austauschbar.
Farrell schildert das Leben der Shakespeares vom Kennenlernen des Paares in Stratford upon Avon bis zur Uraufführung von Hamlet in London – historisch um 1602. Zentrales Ereignis ist dabei der Tod von Shakespeares Sohn Hamnet im Jahr 1596, der im zarten Alter von nur elf Jahren stirbt, vermutlich an der Pest. Die einzelnen Familienmitglieder von der Mutter über die Zwillingsschwester und die ältere Schwester bis zum Vater gehen sehr unterschiedlich mit dem Verlust um. Die Erzählung springt dabei zwischen der Zeit, zu der Hamnet sich infiziert und stirbt, und Rückblenden zu der Zeit hin und her, in der sich die Eltern zum ersten Mal begegnet sind.
O’Farrell ist in »Hamnet« stets extrem nah und ohne jede Zwischeninstanz an ihren Figuren dran, hält sich jedoch relativ eng an die wenigen historischen Fakten, die über Shakespeares Leben überliefert sind oder interpretiert sie zumindest in einem plausiblen Rahmen. Sie weicht dabei aber auf äußerst angenehme Weise von den gängigen Fantasien über Shakespeares Ehefrau ab, die sich seit den ersten Shakespeare-Biografien als dominante Erzählung verfestigt haben: Meistens wird seine Ehefrau als eine Hassfigur dargestellt, die den acht Jahre jüngeren Dichter austrickst, indem sie sich von ihm schwängern lässt, ihn dann zur Heirat zwingt und ihm das Leben in Stratford so sehr zur Hölle macht, dass er einen Großteil davon getrennt von ihr in London verbringt.
Gegen diese weit verbreitete Sichtweise spricht auch ein in den 1970er-Jahren entdeckter Brief, den Shakespeare-Forscher erst letztes Jahr dahingehend interpretierten, dass das Ehepaar durchaus zwischen 1600 und 1610 zusammen in London gewohnt haben könnte.
Anfang 2026 wurde der Roman verfilmt und bekam einen Oscar für die beste Hauptdarstellerin. Der Film ist sicher gut, aber schwere Kost. Er mutet dem Zuschauer ohne jede Pause oder Erleichterung eine ständige Abfolge von Geburt und Tod zu; das Buch liest sich wesentlich angenehmer.
Hier noch zwei Links für alle, die mehr über die historischen Gründe wissen möchten:
- Letter reveals William Shakespeare did not abandon his wife
- William Shakespeare: Ein Porträt über den großen Dramaturgen und Dichter
Maggie O’Farrell: Hamnet | Englisch
Headline Publishing Group 2020 | 384 Seiten | Jetzt bestellen
Deutschsprachige Ausgabe:
Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet | Deutsch von Anne-Kristin Mittag
Piper Verlag 2021 | 416 Seiten | Jetzt bestellen
