Geschichte ist stets mit dem eigenen Blickwinkel verbunden. Man kann Ereignisse lebendig halten, aus dem Gedächtnis verbannen, verschweigen oder auch, wenn es kaum noch Überlebende gibt, einfach vergessen. Eine der letzten Überlebenden des Holocaust, die Erinnerungskultur bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr aktiv gelebt hat, war für mich Margot Friedländer. Doch auch wenn ein Familienangehöriger stirbt, können lästige Teile der Vergangenheit aus dem Gedächtnis verschwinden. Woher kommen wir? Welche Geschichte prägte unsere Vorfahren?
Genau diese Hintergründe haben mich an dem kleinen Büchlein mit dem poetischen Titel »In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied« von Usama Al Shamani gereizt, das 2025 im Schweizer Limmat Verlag erschienen ist. Hierin konfrontiert der in Bagdad geborene Autor seinen Protagonisten Gadi mit dem Schicksal seiner Familie. Erst der Tod seines Vaters, zu dem die Verbindung längst abgebrochen war, hebt die Ereignisse aus der Vergangenheit ans Licht, erzählt von Schrecken und dem Einfluss der Verdrängung.
Gadi lebt seit Jahrzehnten in Zürich und arbeitet als Dozent für hebräische Sprache. Als seine Schwester ihn an das Sterbebett des Vaters Zakai Mieche in das Krankenhaus in Jerusalem ruft, setzt er sich in den Flieger. Wegen seiner Schwester, wegen des Pflichtbewusstseins gegenüber seiner Familie. Gadi erlebte seinen Vater nicht als Fürsorgenden. Er kennt ihn als den, der irgendwann verschwand. Die Bindung zwischen Vater und Sohn riss. Gadis Vater Zakai Mieche hinterlässt seinen beiden Kindern neben einer Reihe Aufzeichnungen, Dokumenten, Heften und Briefen ein Testament, der seinen letzten Wunsch enthält. Die eine Hälfte seiner Asche soll in Israel verbleiben, die andere in den Tigris gestreut werden.
22.Juni 2017
Der Tigris ist der Letzte, der mir in Bagdad eine Stimme gibt. Viele meiner Träume blieben dort am Ufer zurück, von der Sonne umarmt und voller Hoffnung. In diesem Wasser nimmt mein Tod eine sanftere Gestalt an. Der Fluss wird mich zurück zu meinem alten Lied führen.
Auf eindrückliches Bitten seiner Schwester nimmt Gadi die Dokumente und die Asche an sich. Mit Unbehagen beginnt er bereits im Flugzeug mit dem Lesen der Dokumente. Ahnt er, welche Leidensgeschichte seiner Familie sich darin offenbart?
Dass die systematische Verfolgung der Juden in Gadis Heimatland Irak in größerem Ausmaß Anfang der 1940er Jahre begann und der Farhud (Pogrom 1941 in Bagdad) im Juni 1941 als Todesstoß der jüdischen Gemeinde gilt, war mir bis zu dieser Lektüre nicht bekannt. Nach 1948 verschlechterte sich die Lage der im Irak lebenden Juden noch einmal. Offene Verfolgung, Diskriminierung, Berufsverbote und willkürliche Verhaftungen gehörten auch dort zum rassistischen Tagesgeschäft. Der Protagonist Gadi taucht tief in die Geschichte seiner Familie ein, die all das verlor, was zuvor das Leben in Bagdad charakterisierte – nämlich das friedliche, respektvolle Zusammenleben mehrerer Religionen. Gadi liest von der Auslöschung einer mehr als zweitausendjährigen jüdischen Tradition durch Hitlers Helfer, amerikanische Bomben und Saddam Hussein. So wird ihm bewusst, wie wenig er über die Geschichte seiner Familie und die seines Herkunftslandes weiß. Mir persönlich ging das Schicksal von Gadis Großvater besonders nahe. Was wurde aus dem einst so geachteten Fabrikanten? Welche Krater hinterließen Fremdenhass, wütender Antisemitismus, willkürliche Verfolgung, Enteignung und Gewalt in einem Land, das sich wegen einer Allianz mit Hitler-Deutschland Vorteile erhoffte? Wohin trieb es Gadis Großvater und dessen Familie?
Gemeinsam mit einem Freund reist Gadi nach Bagdad, die Urne mit der Asche seines Vaters im Gepäck. Beeindruckend, wie Usama Al Shamani den Spannungsbogen bis hierhin hält und ihn erst auflöst, als er die 90-jährige Myra (eine der letzten Jüdinnen in Bagdad) kennenlernt und über die Aufzeichnungen seines Vaters mit ihr ins Gespräch kommt. Das ist insofern schwierig, weil Myra ihre Herkunft konsequent verschweigt. Al Shamani hat tiefgründig recherchiert und seine Geschichte trotz der dokumentarisch angelegten Textpassagen sehr poetisch und mit metaphernreicher Sprache gespickt. Das berührt zutiefst.
Aktueller kann ein Roman nicht sein, auch wenn mir das Hineininterpretieren fernliegt. Hier wird gezeigt, wohin die Reise geht, wenn Ideologien die Oberhand gewinnen, die Gier nach Macht so groß wird, dass ein Menschenleben nichts mehr bedeutet, ein ganzes Volk zum Schuldigen erklärt und brutal ausgelöscht wird.
Usama Al Shamani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied | Deutsch
Limmat Verlag 2025 | 224 Seiten | Jetzt bestellen
