Moderne Literatur
Rafik Schami: Der ehrliche Lügner
»Mein Name ist Sadik, aber nicht einmal das ist sicher. (...)« Jeden Abend begibt sich der passionierte Geschichtenerzähler Sadik in die Manege des Circus India und verzaubert das Publikum. Er gibt Weisheiten und Geschichten zum Besten, er lädt seine Zuhörer zu einer Reise ins Reich der Fabelwesen...
Ingrid Noll: Röslein rot
»Herrgott noch mal, kapierst du denn nicht, dass bei Imke eine Schraube locker ist! Du lässt dich als Prinz anhimmeln und bist in Wahrheit eine aufgeblähte Kröte, ein eingebildeter Hohlkopf ...« (...) »... du bist ein stinknormaler Familienvater, durchschnittlicher geht's gar nicht.« (Annerose zu...
John le Carré: Marionetten
Dieser Lift hält unterwegs nicht an. Er hat keine Knöpfe, keinen Spiegel, kein Sichtfenster. Er riecht nach Diesel und nach Äckern. Es ist ein Viehlift. Er riecht wie der Sportplatz deiner Schule im Herbst. Erörtern sie. Wer in diesem Lift fährt, tut das nicht aus freien Stücken. Du stehst...
Andrew Davidson: Gargoyle
Ein Metalldorn bohrt sich seitlich in den Wagen, spreizt ihn auf. Uniformen. Herrgott, ich bin in der Hölle und sie tragen Uniform. Einer brüllt. Ein anderer sagt: »Wir holen Sie da raus. Keine Sorge.« Er trägt eine Dienstmarke. »Das wird schon«, verspricht er mir durch seinen Schnauzbart...
Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa
Montesecco ist ein kleines, sterbendes Dorf in Italien. Von ursprünglich achthundert Bewohnern sind nur fünfundzwanzig geblieben. Meist starrköpfige Alte, die sich weigern, den Ort aufzugeben. Wenn jemand sie fragte, was sie in diesem toten Kaff halte, zuckten sie nur die Achseln und dachten, dass...
Wallace Stegner: Angle of Repose
How do I know what you should do? You'll do what you think you want to do, or what you think you ought to do. If you're very lucky, luckier than anybody I know, the two will coincide. »Angle of Repose« ist ein Western der besonderen Art. Aus der Perspektive von Lyman Ward, einem älteren, invaliden...
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
Manchmal fürchtet man sich vor etwas, weil man sich vor etwas anderem fürchtet. Raimund Gregorius, genannt Mundus, ist mit Leib und Seele Gymnasiallehrer für Latein, Griechisch und Hebräisch. Niemand kennt sich in den alten Sprachen und Texten so gut aus wie er, nie macht er einen Fehler und bei...
Anna Cypra Oliver: Assembling My Father
»I think you knew my father?« A pause. »What was his name?« »Lewis Weinberger.« Another brief pause, an intake of breath. »I did,« Lee Driver says. »I understand that you saw him the day before he died?« I ask. »I was living in the same house,« Lee says. »I had to clean up the mess.« The intake of...
Charles Bukowski: Den Göttern kommt das große Kotzen
»Warum gibt es so wenig interessante Menschen?«, seufzte Charles Bukowski in sein Tagebuch. »Wenn ich nur einen mal erleben könnte, der was Außergewöhnliches sagt oder tut, es würde mir das Weiterleben schon erleichtern.« Für seine Fans sind solche Worte nichts Neues. Sie kommen in fast jeder...
Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes
In einer langatmigen Abhandlung über die chemische Zusammensetzung von psilocybinhaltigen Pilzen fand er einen Hinweis auf MAOHS. Es handelte sich dabei um Stoffe, die zweierlei bewirkten: Erstens setzten sie die Enzyme außer Gefecht, die die Aminosäuren - und damit die meisten Drogen im Körper -...
Ilija Trojanow: Der Weltensammler
Den Horizont, dem er viele Stunden entgegenritt, wähnte er voller Verheißung, seine Sinne von Luft und Bewegung angeregt, geschärft wie ein Messer. Die Wüste war versehrtes Terrain, eine rauhe Ruine, die Erhebungen zerfurcht wie Walnussschalen, doch sie beflügelte Sheikh Abdulah, der sich am...
Don DeLillo: Underworld
I'll tell you what I long for, the days of disarray, when I didn't give a damn or a fuck or a farthing. ... I long for the days of disorder. I want them back, the days when I was alive on the earth, rippling in the quick of my skin, heedless and real. I was dumb-muscled and angry and real. This is...
José Saramago: Die Stadt der Blinden
Die Blinden auf den Pritschen warteten darauf, dass der Schlaf Mitleid hatte mit ihrer Trostlosigkeit. Unauffällig, als könnten die anderen dem elenden Schauspiel zusehen, hatte die Frau ihrem Mann geholfen, sich so gut wie möglich zu säubern. Jetzt herrschte ein schmerzerfülltes Schweigen im...
Cormac McCarthy: Blood Meridian
Loose strands of ambercolored kelp lay in a rubbery wrack at the tideline. A dead seal. Beyond the inner bay part of a reef in a thin line like something foundered there on which the sea was teething. He squatted in the sand and watched the sun on the hammered face of the water. Out there island...
Martin Walser: Ein liebender Mann
Er stand im Ankleidezimmer vor dem raumhohen Spiegel. Die sechs Lampen links und rechts spendeten wieder das günstigste Licht. Er konnte den nackten Mann in diesem Spiegel nicht abstoßend oder nur im mindesten ekelerregend finden. Er konnte sich nicht wehren gegen eine Art Zärtlichkeitsempfindung,...
Mary Lawson: Crow Lake
I am not from a background where people talk about problems in their relationships. If someone does or says something that upsets you, you don't say so. Maybe it's another Presbyterian thing; if the Eleventh Commandment is Thou Shalt Not Emote, the Twelfth is Thou Shalt Not Admit to Being Upset,...
Gillian Bradshaw: Cleopatra’s Heir
I'm not »enough«, not good enough or wise enough or strong enough. They reverence what I'm supposed to be, but me ... the me that is here, now, talking to you - they don't even see. If I do something that makes them notice me - like have a seizure, or fail - then they're embarrassed, and they try...
Mary Lawson: The Other Side of the Bridge
The thought came into his mind - not drifting gently in but appearing suddenly, fully formed, like a cold hard round little pebble - that Jake hated him. The thought had never occurred to him before but suddenly, there it was. Though he couldn't imagine a reason. Surely he was the one who should...

















