Don DeLillo: UnderworldI’ll tell you what I long for, the days of disarray, when I didn’t give a damn or a fuck or a farthing. … I long for the days of disorder. I want them back, the days when I was alive on the earth, rippling in the quick of my skin, heedless and real. I was dumb-muscled and angry and real. This is what I long for, the breach of peace, the days of disarray when I walked real streets and did things slap-bang and felt angry and ready all the time, a danger to others and a distant mystery to myself.

Nick Shay, Protagonist und Ich-Erzähler in Don DeLillos Roman »Underworld«, führt ein gewöhnliches Leben: Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkeltochter, wohnt in der sauberen, wohlgeordneten Stadt Phoenix, Arizona, in einem durchschnittlichen, geschmackvoll eingerichteten Haus und geht als erfolgreicher und gefragter Experte für Müllentsorgung einem geregelten, gut bezahlten Beruf nach. Das ist Ende des 20. Jahrhunderts.

Ein halbes Jahrhundert zuvor jedoch ist Nick inmitten von italienischen Einwanderern und ihren Nachfahren der Bronx aufgewachsen, wo sein Vater eines Tages einfach verschwand und seine Mutter mit ihm und seinem kleinen Bruder Matty zurückließ. Lange Zeit hält Nick an dem Glauben fest, dass sein Vater, der ein kleines Geschäft als Buchmacher beim Pferderennen unterhielt, von der lokalen Mafia aus dem Weg geräumt wurde, und weigert sich zu glauben, dass er seine Familie einfach so verlassen haben könnte.

Als halbstarker Jugendlicher bricht Nick die Schule ab und führt ein wildes, von Gewalt und Sex geprägtes Leben, das schließlich abrupt damit endet, dass er einen Mann erschießt und in einer von Jesuiten geleiteten Besserungsanstalt landet, wo man sein Sprachtalent erkennt und ihm die Ausbildung ermöglicht, auf der seine spätere erfolgreiche Karriere aufbaut. Als er Jahrzehnte später einem alten Bekannten aus der Bronx wieder begegnet, stellt Nick fest, dass ihm der unabsichtliche Mord zu einem Lebenslauf verholfen hat, den er ohne ein Verbrechen zu begehen nie erreicht hätte:

Jerry knew I’d been in correction and then more or less lost to news and rumor and now here I was turned out in a tweed jacket and doing a job I liked and looking okay, stopped smoking, didn’t overdo the drinking, knew a woman with a sexy cello voice and was probably, regularly banging her, and then look at him, nice Catholic boy gone baggy and stale, hates going home … and he’s lighting one cigarette with the butt of another, and drinks so much he blacks out … and all because he’s never killed a man.

Es dauert Jahre, bis Nick sich dem verdrängten Trauma seiner Jugend zuwendet, obwohl er sich schon länger in dem Leben, das er jetzt führt, und der künstlich geschaffenen Persönlichkeit als Durchschnittsbürger, die damit einhergeht, fehl am Platz und inauthentisch fühlt. Und obwohl Nick einen roten Faden des Romans darstellt, ist seine Geschichte doch nur eine von vielen, die DeLillo erzählt.

Auslöser für Nicks Beschäftigung mit der Vergangenheit ist zum Beispiel seine Begegnung mit der viel älteren Klara Sax, einer Künstlerin, mit der er als 17jähriger eine kurze Affäre hatte und die in den 90er Jahren mit einem Team von Helfern ausgemusterte Bomber aus dem Kalten Krieg in der Wüste Texas‘ mit bunten Farben bemalt. Wie Nick ist sie so in gewisser Weise damit beschäftigt, »Müll« zu »beseitigen«; Abfall und seine Rolle in der Zivilisation ist eines der wichtigsten Themen in »Underworld«.

Parallel zu Nicks Geschichte und anhand eines Baseballs, der von Hand zu Hand wandert, bewegt sich der Roman immer tiefer in die Vergangenheit und umfasst schließlich die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, vom Kalten Krieg mit seinen Feindbildern, seiner Aufrüstungsproblematik und Verschwörungsparanoia bis hin zu der vom Internet und den Massenmedien beherrschten Gegenwart, in der alles mit allem verbunden und verlinkt ist und keiner mehr den Überblick hat oder weiß, was virtual reality ist und was echte Wirklichkeit.

Eine bunte Mischung von Figuren tritt auf, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber durch zahlreiche, unscheinbare Querverweise miteinander verbunden sind und dadurch ein wichtiges Prinzip des Romans und der heutigen Welt illustrieren: Die Nonne Schwester Edgar, die sich um die Armen der Bronx kümmert, einen Sauberkeitswahn hat und Nicks Bruder Matty in der Schule unterrichtete, ihr Namensvetter und Verwandter im Geiste, J. Edgar Hoover, der Chef des FBI, Klaras Exmann Alfred, der Matty im Schachspielen unterrichtete, Matty selbst, der zur Zeit des Vietnamkriegs an der Entwicklung eben jener Waffen mitarbeitete, die sein Bruder in den 90ern entsorgt, Cotter Martin, der schwarze Jugendliche, der direkt nach dem Spiel als erster den berühmten Baseball ergatterte, den Nick später für viel Geld kauft – um nur die wichtigsten zu nennen.

Alles in allem dürfte »Underworld« einer der Romane sein, die die amerikanische Geschichte und Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am detailliertesten und eindrücklichsten beleuchten, ohne jemals langweilig oder unlesbar zu werden, und die zugleich die Problematik alles menschlichen Lebens an sich erfassen.

Ein Nick, der mit seiner Vergangenheit fertig geworden ist – I … feel a quiet kind of power because I’ve done it and come out okay, done it and won, gone in weak and come out strong – lässt den Leser mit dem hoffnungsvollen peace als letztem Wort zurück, sehnt sich aber anscheinend immer noch nach dem breach of peace seiner Jugend, versteht sich nun selbst, wäre sich aber lieber weiterhin a distant mystery geblieben, während er im Internet Schwester Edgars Geschichte verfolgt, die gegen Ende ihres Lebens einer Art des Glaubens verfällt, der the things we fear in the night entspringt und ihren Frieden durch ein Waisenkind in der Bronx findet, das brutal vergewaltigt und ermordet wurde, dessen Gesicht aber nach seinem Tod für kurze Zeit auf einer Werbetafel für Orangensaft erscheint (die von einem der zeitweiligen Besitzer des Baseballs entworfen wurde).

Don DeLillo: Underworld | Englisch
Scribner 1998 | 832 Seiten | Jetzt bestellen

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