José Saramago: Die Stadt der BlindenDie Blinden auf den Pritschen warteten darauf, dass der Schlaf Mitleid hatte mit ihrer Trostlosigkeit. Unauffällig, als könnten die anderen dem elenden Schauspiel zusehen, hatte die Frau ihrem Mann geholfen, sich so gut wie möglich zu säubern. Jetzt herrschte ein schmerzerfülltes Schweigen im Raum, wie in einem Krankenhaus, wenn die Kranken schlafen und im Schlaf leiden.

In einer Stadt steht ein Auto an der Ampel, neben vielen anderen Autos, und der Fahrer wartet auf Grün. Dann erblindet er plötzlich …

Eine detaillierte und weiterführende Inhaltsangabe möchte der Vor-Leser an dieser Stelle nicht bringen, weil ansonsten die Spannung des Buches flöten geht. Nur soviel: Es handelt sich um eine Epidemie, der fast alle namenlosen Bewohner einer namenlosen Stadt zum Opfer fallen.

Und was passiert, wenn den Menschen ein Sinn geraubt wird? Laut einiger Rezensenten werden sie zu Tieren. Ein dummer Vergleich, den der Autor selber in seinem Buch nur an zwei Stellen äußert, denn auch er weiß, dass das nicht stimmt.

Was José Saramago im übertragenen Sinne sehr eindringlich beschreibt, ist die Zerbrechlichkeit des Sozialverhaltens, und die Folge eines solchen Zusammenbruches für unsere Art. Dass der Leser damit zunächst Bilder totalitärer Regierungssysteme assoziiert, liegt auf der Hand, erst der zweite Blick lässt die Tiefe von Saramagos Parabel erkennen.

Ein spannendes, lesenswertes Buch ohne Pathos, Heldentum und Abenteuer, also nichts für den Hollywood verehrenden Effektjunkie.

José Saramago: Die Stadt der Blinden | Deutsch von Ray-Güde Merten
Rowohlt Taschenbuch 1999 (16. Auflage) | 398 Seiten | Jetzt bestellen

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