DBC Pierre: Bunny und BlairIn ihrem ersten Dezember als Individuen gehörten die Zwillinge zu einer Reihe von Heimbewohnern, die man für vier Wochen in der freien Wildbahn aussetzte. Man schickte sie nach London. Diese Entlassung ging mit einer letzten Welle von Privatisierungen einher, die das Albion-Heim – Englands letzte staatliche Institution für Gesundheitsfürsorge, die angeblich für einen unehelichen Sohn Charles‘ II. gestiftet worden war – zum ersten Mal in private Hände übergehen ließ, seit man Bettler eingekerkert hatte, weil sie arm waren. Die Gründe für diese Maßnahme kannte offenbar niemand. Manche munkelten, sie seien Testläufe für eine künftige längerfristige Entlassung in die Gesellschaft, vielleicht auch der Vorbote der Langzeitpflege. Andere sagten, der Deckel sei von der Mülltonne des Establishments geflogen und nun ergössen sich die peinlichsten Pflegefälle ins Freie.

Die siamesischen Zwillinge Bunny und Blair werden im Alter von dreiunddreißig Jahren operativ getrennt. Fortan leben sie gemeinsam in einer kleinen Kellerwohnung im Herzen Londons und entwickeln sich völlig gegensätzlich. Bunny hat die Trennung nicht gut überstanden und kränkelt vor sich hin, während sein Bruder vor Energie strotzt und seine frisch erworbene Freiheit mit Sex und Alkohol ausnutzt.

Gleichzeitig muss sich in einer fernen Bürgerkriegsregion im Kaukasus die junge Ludmilla Iwanowa gegen die Zudringlichkeiten ihres eigenen Großvaters wehren, der dabei zu Tode kommt. Da seine Rente das einzige Einkommen der Familie darstellte, bestehen nun alle darauf, dass sich Ludmilla prostituieren soll, um alle zu ernähren. Ihr Foto gerät auf die Webseite eines Heiratvermittlers, wo es Bunny entdeckt und sich sofort in Ludmilla verliebt. Mit seinem Bruder im Schlepptau macht er sich auf den Weg zu seiner Traumfrau.

Der Nachfolger des preisgekrönten Debüts »Jesus von Texas« stieß bei der Kritik auf wenig Gegenliebe und auch ich habe mich schwer getan mit dem Buch. Es gibt zwei Handlungsstränge, die abwechselnd in London und im Kaukasus spielen und genauso unterschiedlich sind wie ihre Handlungsorte.

Die Kabbeleien zwischen den Titelhelden fand ich langatmig und unerheblich. Man kann es sich bei dem Plot kaum vorstellen, aber die tragischen Helden des Buches sind schlicht uninteressant. Die Wortgefechte der Brüder sollen laut einigen Kritiken im Original sehr komisch und unterhaltsam sein, in der deutschen Fassung sind sie es leider überhaupt nicht und ich kann nicht so recht glauben, dass es sich dabei um ein Übersetzungsproblem handelt.

Von der Kritik wurde ebenfalls laut gemutmaßt, dass es sich bei dem Roman um schnell und schlecht zusammengeschusterte Reste aus der Schublade handelte, um von dem Erfolg des Erstlings profitieren zu können. Das mag stimmen, aber die Geschichte der Ludmilla wäre die Zierde jeder Schublade.

Bei diesem zweiten Handlungsstrang glaubt man durch einen Film von Emir Kusturica zu stolpern. Schmutzig, skurril, berührend und unvergesslich. Eine Comic-Klischee-Version des Wilden Ostens. Saftige Charaktere, die teilweise so widerlich sind, dass man betet, ihnen niemals außerhalb von zwei Buchdeckeln zu begegnen. Jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht in einer brutalen und beinahe unwirklichen Welt und mittendrin Ludmilla auf der Suche nach der Liebe.

Ludmilla stritt mit dem Mann über die kleinste Menge Diesel, die man laut Gesetz kaufen durfte. Nach ein paar Tränen und einem Hinweis auf ihren Großvater tankte sie ein ziemlich minimales Minimum. Nachdem sie sich mit einem Winken von den Männern im Lastwagen verabschiedet hatte, begab sie sich zum Landwirtschaftsdepot der Stadt, verkaufte dort den Lipezk-Traktor an einen Angestellten, der den Preis mit einem verhutzelten Vorgesetzten absprach, und rauschte dann voller Tatendrang durch die Straßen Kutschniks, erfüllt von einem Optimismus, der sie wie ein Mantel vor den eisigen Nadeln des Windes schützte. Neuntausend Rubelchen waren natürlich ein Witz für einen so guten Traktor, aber ein paar Sorgen weniger hatte sie auf jeden Fall.

Ich für meinen Teil bin sehr gespannt auf das nächste Buch von DBC Pierre, auch wenn mich »Bunny und Blair« nur streckenweise überzeugen konnte. Wenn es möglich wäre, nur Teile eines Buches zu bewerten, dann würde ich einer Hälfte die Höchstbewertung geben und die andere Hälfte überblättern. Aber vielleicht hätte man die beiden Teile dieses Buches bereits vor der Veröffentlichung trennen sollen.

DBC Pierre: Bunny und Blair | Deutsch von Henning Ahrens
Aufbau Verlag 2008 | 396 Seiten | Jetzt bestellen

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