Ilija Trojanow: Der WeltensammlerDen Horizont, dem er viele Stunden entgegenritt, wähnte er voller Verheißung, seine Sinne von Luft und Bewegung angeregt, geschärft wie ein Messer. Die Wüste war versehrtes Terrain, eine rauhe Ruine, die Erhebungen zerfurcht wie Walnussschalen, doch sie beflügelte Sheikh Abdulah, der sich am nächtlichen Lager lebendiger fühlte als in der Früh, im Innenhof der Karawanserei noch, neben einigen anderen Pilgern, die ihre Dromedare in die Gasse des Aufbruchs trieben.

Grundlage des Romans »Der Weltensammler« ist das abenteuerliche Leben des britischen Offiziers Sir Richard Francis Burton (1821 – 1890), der im 19. Jahrhundert Nordindien, Arabien und Ostafrika intensiv bereiste. Um die Bräuche der verschiedenen Völker zu studieren, lernte er deren Sprachen, um nach Mekka reisen zu können, wurde er Mohammedaner. Er spionierte die fremden Völker aus, während er versuchte, sie zu verstehen, und gab sein pedantisch gesammeltes Wissen an die »Ostindische Kompanie« weiter, dem Handelsriesen jener Zeit.

Ilija Trojanow beschreibt die verschiedenen Regionen und ihre Menschen im 19. Jahrhundert sehr intensiv und farbenfroh. Er weiß, wovon er spricht, denn sein Lebenslauf ist ähnlich facettenreich wie der seines Protagonisten. Bis weit über die Mitte des Romans hinaus ist seine Prosa durch die schön gemalten Bilder und die ungewöhnlichen Metaphern sehr reizvoll. Sie ist den exotischen Schauplätzen durchaus angemessen. Das Buch macht Spaß allein schon wegen dieser Sprache.

Im Klappentext lobt die »taz« den raffinierten Aufbau des Romans. Dem kann ich mich nur bedingt anschließen. Der auktoriale Erzählstrang wird immer wieder von Ich-Erzählern durchbrochen: In Indien von einem Diener, in Arabien von einem türkischen Geheimpolizisten und auf der Afrikareise wieder von einem Diener.

Ich habe nicht immer verstanden, warum plötzlich der afrikanische Diener die Geschichte weitererzählt, es machte mir den dritten Teil des Buches mühsam zu lesen. Dass die Beschreibung der Afrika-Reise mich stark an »Die Vermessung der Welt« von Daniel Kehlmann erinnert hat, lag vielleicht an der Ähnlichkeit der Tropenkrankheiten. Insgesamt ist »Der Weltensammler« ein interessantes, ästhetisches und lesenswertes Buch.

Ilija Trojanow: Der Weltensammler | Deutsch
Hanser 2006 (27. Auflage) | 472 Seiten | Jetzt bestellen

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