Ich mag frische, unkonventionelle und verrückte Geschichten. Geschichten über Alligatoren in der Kanalisation, elfjährige Finanzgenies, Pornos aus dem Führerbunker oder Pinocchios Rückkehr nach Venedig als alter Mann wecken unweigerlich mein Interesse. Gibt es unwiderstehlichere McGuffins als einen geheimnisvollen Film, der so unterhaltsam ist, dass die Leute ihn immer wieder anschauen, bis sie förmlich vor der Glotze verhungern?

Natürlich können viele Bücher durch interessante Umsetzungen bekannter Ideen punkten, aber gerade im Krimigenre erlebt man viel zu selten noch Überraschungen. Bei der Ankündigung eines Kommissars mit privaten Problemen oder einer Psychologin mit Kindheitstrauma auf der Suche nach einem Serienkiller endet meine Lektüre schon beim Klappentext.

Wie verheißungsvoll klingt es dagegen, wenn sich die Erbin eines Babynahrungsimperiums auf die Suche nach einem Notizbuch mit den Aufzeichnungen einer Wittgenstein-Vorlesung macht, das zusammen mit ihrer Urgroßmutter und 25 anderen Bewohnern aus deren Altenheim verschwunden ist (David Foster Wallace, »Der Besen im System«).

Skurrilität allein reicht natürlich nicht, und ein paar abgedrehte Ideen ergeben noch keine gute Geschichte. Viele hochgepriesene Romandebüts, die mit den Reizwörtern beworben werden, auf die ich anspringe, habe ich enttäuscht weggelegt. Es muss stimmig sein und plumpe Absurditäten schrecken mich eher ab, was z. B. eine ganze Reihe von Bestsellern aus dem Bereich humorvoller Fantasy für mich ausschließt.

Meine Lieblingsautoren lassen sich nur schwer einem bestimmten Genre zurechnen und passen in keine Schublade. Sie mischen Genres oder ignorieren die Grenzen völlig, und sie verkaufen ihren Lesern die absurdesten Begebenheiten in einem ernsthaften Ton und als etwas völlig Normales.

Den Thron belegt unangefochten Thomas Pynchon, dessen Romane alles verkörpern, was ich mir von einem Buch wünsche. Natürlich nur, wenn man nicht viel Wert auf glaubwürdige Charaktere, eine nachvollziehbare Handlung und ein übersichtliches Personal legt. Außerdem sollte man als Leser ein Faible für Naturwissenschaften, Cartoons und Verschwörungen haben. Seit 1993 »Vineland« auf Deutsch erschien, lese ich Pynchon jederzeit und immer wieder. Ich brauche regelmäßig diesen ganz speziellen Sound, über den nur er verfügt. »Vineland« war meine Einstiegsdroge ins Pynchon-Universum und ist bis heute mein Lieblingsbuch.

Überhaupt waren die frühen Neunziger eine Hochphase. Tom Robbins schrieb in dieser Zeit seine besten Bücher, Neal Stephenson betrat die literarische Bühne, und ich entdeckte Matt Ruff. Man nehme nur einmal die Themenauswahl der ersten fünf Bücher von Ruff: »Fool on the Hill« ist ein College-Roman mit Tolkien-Flair, bei dem Elfen, Rocker, sprechende Hunde und viele andere den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse auf einem Universitätscampus austragen.

Die Science-Fiction-Satire »G.A.S.« thematisiert den Turbokapitalismus in einer nahen Zukunft und lässt unter anderem einen mutierten Riesenhai, eine Veteranin aus dem amerikanischen Sezessionskrieg und eine U-Boot-Besatzung aus Öko-Terroristen auftreten. Die verrückten Ideen dieses Buches aufzuzählen, würde jeden Rahmen sprengen. In »Ich und die Anderen« lernt ein Mann eine Frau kennen. Klingt recht einfach. Allerdings sind beide multiple Persönlichkeiten und dadurch steigen das Personal des Romans und die Verwicklungen der Handlung rapide an.

»Bad Monkeys« ist ein Verschwörungsthriller im Stil von Philip K. Dick. Das bedeutet, nichts ist wahr, jeder täuscht jeden, und wenn man als Leser endlich zu wissen glaubt, wie der Hase läuft, wird im nächsten Kapitel alles wieder auf den Kopf gestellt. In »Mirage« stellt er schließlich die ganze Welt auf den Kopf: Am 9. November 2001 fliegen amerikanische Fundamentalisten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des Welthandelszentrums in Bagdad. Drei irakische Polizisten versuchen, die Hintergründe des Anschlags zu ergründen. Dabei treffen sie auf einen Waffenhändler namens Saddam Hussein und den undurchsichtigen Geheimdienstmann Osama Bin Laden.

So viele Themenwechsel schafft der englische Schriftsteller David Mitchell sogar in einem einzigen Buch. Seine Romane »Chaos« und »Die Knochenuhren« sind aufgebaut wie Kurzgeschichten-Sammlungen, deren einzelne Teile durch einen roten Faden miteinander verbunden sind. Sein bekanntestes Werk dürfte »Der Wolkenatlas« sein, auch wegen der gleichnamigen Verfilmung. Mein Favorit von ihm ist allerdings »Number 9 dream«.

Neueinsteiger in meiner ewigen Bestellerliste ist Nick Harkaway mit allen drei Romanen, die er bisher veröffentlicht hat. »Der goldene Schwarm« erzählt von Joe Spork, dem Sohn einer verstorbenen Londoner Unterweltgröße, der in die jahrzehntealte Auseinandersetzung zwischen einer 90-jährigen Ex-Geheimagentin und einem asiatischen Superschurken gerät. Und das nur, weil Joe aus Versehen eine Weltuntergangsmaschine aktiviert hat. Pures Romangold. Sehnsüchtig erwarte ich Harkaways vierten Roman »Gnomon«, der diesen Herbst auf Englisch erscheint.

Ich greife bei meiner Suche nach ungewöhnlichen und abgedrehten Romanen meist zu englischen und amerikanischen Autoren, aber auch im deutschsprachigen Raum wird man reich beschenkt: Markus Orths, Daniel Kehlmann, Dietmar Dath, Sascha Macht und Tobias O. Meißner sind nur einige, deren Bücher mir viel Freude bereiten. Besonders Meißner hat sehr interessante Romane geschrieben, bevor er sich fast ausschließlich der Fantasy zuwandte. Seine drei Bände von »Hiobs Spiel« sprengen so ziemlich alles, was es an Romankonventionen gibt und sind bei jedem Wiederlesen ein Genuss. Bitte fortsetzen!

Eines haben alle diese Bücher gemeinsam: Sie sind keine gemütliche und entspannende Strandlektüre, die man nebenher liest. Einige der oben erwähnten Bücher habe ich bei der ersten Lektüre weggelegt und brauchte einen zweiten oder dritten Versuch. Manche Stellen sind ermüdend, unverständlich oder stellen eine solche Reizüberflutung dar, dass man nur wenige Seiten am Stück schafft und anschließend verschnaufen muss.

Aber diese Bücher lassen mich auch Jahre nach der eigentlichen Lektüre nicht los, und ich ziehe sie immer wieder aus dem Regal. Ich erinnere mich an schöne Passagen, Erkenntnisse und Denkanstöße. Ich kann und möchte sie immer wieder lesen, und bei jedem einzelnen Mal ziehe ich neuen Gewinn und Genuss aus ihnen. Diese Bücher demonstrieren auf eindrucksvolle Weise, wie erfüllend, bereichernd und beglückend Literatur sein kann, und ich möchte auf keines von ihnen verzichten.

1 Kommentar

  1. Schöner Artikel. Ich teile Deine Leidenschaft für diese Art von Romanen.
    „Infinite Jest“ von David Wallace und „Gegen den Tag“ von Pynchon sind bleibende Meilensteine der jüngeren US-amerikanischen Belletristik.
    Sick Literature, kann man sagen, wenn man mag. Ich nenne es lieber „Awesome Great Literture“. 😉
    lg_jochen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close