Tom Rachman: Die UnperfektenEr hat ihrer Freundschaft mit Didier, dem Mann von gegenüber, niemals im Weg gestanden. Eileen ist noch nicht fertig mit diesem Teil des Lebens, mit Sex, so wie Lloyd. Sie ist achtzehn Jahre jünger als er, und früher hat ihn diese Kluft scharf gemacht, jetzt mit siebzig trennt sie ihn von ihr wie tiefes Wasser. Er wirft ihr einen Kuss zu und geht wieder an seinen Fensterplatz.

Das Buch berichtet von einer internationalen Zeitung in Rom und den Menschen, die sie betreiben: dem Nachrichtenchef, dem Chefkorrektor, dem Verleger, den Auslandskorrespondenten in Paris und Kairo, der Finanzchefin und dem Redakteur für die Nachrufe. Sogar eine Leserin wird vorgestellt, die jede Ausgabe so gewissenhaft liest, dass sie inzwischen dreizehn Jahre hinter der aktuellen Ausgabe zurückliegt.

Während man die Einzelschicksale der Betreiber verfolgt, erhält man Einblick in die Welt einer Tageszeitung im Medienzeitalter. Man erfährt am Ende jedes Kapitels in Fortsetzungen die fünfzigjährige Geschichte der Zeitung: Gegründet wurde sie von dem Millionär Cyrus Ott und von dessen Sohn und Enkel mit schwindendem Interesse weitergeführt. Sie sollte nie Gewinn abwerfen, sondern als eine Art Denkmal für den ambitionierten Cyrus weiterbestehen.

Erst hatte das Fernsehen den Zeitungen jahrelang das Wasser abgegraben, dann hatten ihnen die Nachrichtenkanäle, die vierundzwanzig Stunden am Tag sendeten, den nächsten Schlag versetzt. Morgenblätter, die am Nachmittag davor gemacht wurden, waren nicht mehr aktuell genug. (…) Die nächste Herausforderung sollte sich als noch schwieriger erweisen: Das Internet. Anfangs machten viele Blätter ihre eigenen Websites auf und ließen sich den Zugang bezahlen. Daraufhin wechselten die Leser einfach zu Free-Content-Angbeboten. Und so stellten die Pressekonzerne immer mehr Inhalte umsonst online, in der Hoffnung, irgendwann würde die Internetwerbung die niederschmetternden Verluste bei den gedruckten Ausgaben ausgleichen.

Genau genommen handelt es sich bei »Die Unperfekten« um keinen Roman, sondern um Kurzgeschichten, die teilweise die Handlung der Vorangegangenen aufgreifen und sich auch das Personal teilen. Ähnlich wie in Daniel Kehlmanns »Ruhm« oder David Mitchells »Chaos«. Der prägnante Stil erinnert an James Freys »Strahlend schöner Morgen«. Hier wird auf jedes überflüssige oder unoriginelle Wort verzichtet.

Die Lobeshymnen auf dem Buchrücken sind so euphorisch, dass sie schon wieder misstrauisch machen. Doch bereits nach der ersten Geschichte hat man die Gewissheit, dass jedes lobende Wort absolut berechtigt ist. Die zweite Geschichte festigt und verstärkt diesen Eindruck und so setzt es sich bis zum Ende fort.

Die Sympathie des Autors für seine Figuren überträgt sich auch auf den Leser. Die Charaktere sind so unglaublich lebendig, wie sie einem Leser leider nur zu selten begegnen. Deutlich spürt man den Druck, unter dem die Zeitungsmacher stehen und dem sie ihr gesamtes Leben unterordnen. Keiner von ihnen hat ein funktionierendes Privatleben, selbst diejenigen nicht, bei denen es auf den ersten Blick so aussieht. Sie trauern verpassten Lebenschancen nach, ertragen stoisch ihr Schicksal oder begehen Verzweiflungstaten. Sie erleben Betrug und Enttäuschung, aber auch Erfolg und Hoffnung.

Alle Figuren werden mit drastischen Veränderungen konfrontiert, die manchmal schleichend, in anderen Fällen blitzartig in ihr Leben treten. Wie sie damit umgehen, ist so fesselnd und berührend, dass man sich dem Sog dieses Buches nicht entziehen kann. Ein wirklich erfüllendes Lesevergnügen.

Tom Rachman: Die Unperfekten | Deutsch von Pieke Biermann
dtv 2010 | 400 Seiten | Jetzt bestellen

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