
Sobald Wolf Haas Experiment und Erzählung kombiniert, erweitert er literarische Dimensionen, und das gilt auch für seinen jüngsten Roman »Wackelkontakt«, ein weiterer außerhalb seiner Simon-Brenner-Reihe. Eine der Figuren heißt Escher mit Nachnamen, und damit gibt Haas die Struktur vor: Wie verschachtelte Zeichnungen – MC Eschers »Drawing Hands« – finden hier zwei Geschichten parallel statt, und zwar jeweils als Lektüre in der anderen. Was man zunächst nicht glauben kann: Sie laufen aufeinander zu. Brillant, detailverliebt, witzig, spannend und doch leider mit einem Ende, das so nicht nötig gewesen wäre.
Mit seiner erzähltechnischen Idee hält Haas selbst in dem Roman nicht hinterm Berg: Die erste Figur heißt Franz Escher, und jenem Franz Escher dichtet Haas Verwicklungen und Probleme damit an, den Nachnamen von Maurits Cornelis Escher zu tragen, dem niederländischen Grafiker, der mit seinen Zeichnungen Perspektiven sprengte. Dessen Bilder sowie die anderer Künstler puzzelt Franz Escher gern, sofern er nicht gerade liest, und zwar Mafiaromane, wie den über den Italiener Elio Russo, der im Zuge eines Zeugenschutzprogramms als Marko Steiner zunächst in Duisburg und später in Österreich ein neues Leben anfängt. Wenn jener nicht irgendwelche technischen Gerätschaften repariert, liest er Romane, etwa den über den Österreicher Franz Escher, der in seiner Wohnung sitzt und wegen eines Wackelkontakts in seiner Steckdose auf einen Elektriker wartet.
Mit der Grundidee reißt Haas die Lesenden sofort in das Buch hinein, zumal er sprachlich gewitzt vorgeht, ohne gottlob den auf seinen Ermittler Simon Brenner spezialisierten Tonfall zu übernehmen, und indem er seinen Figuren diverse Nebenstränge andichtet, Eigenschaften, Vorlieben, Vergangenheiten, Beziehungen, und die allesamt in eine zwingende bis logische Verbindung zueinander setzt; die »Madonna mit dem langen Hals« sei da exemplarisch angeführt. Das ergibt sozusagen ein literarisches Fraktal, ein Möbiusband. Dabei gönnt sich Haas indes keine erzählerische Ruhe: Selbst wenn er sich in Nebenschauplätzen austobt, scheint er durch die Geschichten zu eilen, man liest atemlos mit ihm. Was auch daran liegt, dass der erste Tote recht schnell zur Hand ist – und das unerwarteterweise nicht in der Mafia-Geschichte.
Als Escher nämlich gedankenverloren für seine gewohnte Ordnung sorgt, indem er die umgeklappten Sicherungen in eine aktive Reihe bringt, stürzt sein Elektriker im Nebenraum vom Schlag getroffen zu Boden. Währenddessen gründet der von seinen verratenen Ex-Mafiosi gejagte Steiner eine Familie mit einer Frau, die ihrerseits eine geheime Vergangenheit hat. Als dann deren Tochter von italienischen Erpressern entführt wird, sieht sich nunmehr der beruflich als Trauerredner arbeitende Escher in der Pflicht. Wie es dazu kommt, lässt staunen.
Nur webt Haas zum Ende hin so viele neue Stränge in den bereits dicht verknoteten Teppich ein, dass das Bild zuletzt leicht verschwommen wird, bis hin zu einem erst spät angedeuteten versöhnlichen Schluss, der zum wahnwitzigen Anfang nicht so recht passt. Da hätte er konsequent bleiben dürfen. Zudem ist es natürlich unmöglich, die Struktur eines Bildes in Literatur umzuformen, schließlich hat ein Bild keine vorgegebene Narration, keine Lesreihe, da kann das Auge so springen, wie es will, und nicht, wie Haas es verfasst. Doch nimmt man dies und den Schluss bei dem Gesamtvergnügen, das der literarische »Wackelkontakt« bereitet, wohlwollend in Kauf – und etwas zum Grübeln mit, wie es zu diesem Finale innerhalb der Geschichten kommen konnte.
Wolf Haas: Wackelkontakt | Deutsch
Penguin Verlag 2026 | 240 Seiten | Jetzt bestellen
