
Die Urlaubszeit ist die schönste Zeit des Jahres. Weil man dann endlich Zeit zum Lesen hat. Also die Bücher liest, die man sonst nicht liest, weil man arbeiten muss. Und weil man in der restlichen Zeit damit beschäftigt ist, niedliche Katzenvideos zu gucken, zu liken und zu teilen! Auch ich möchte etwas teilen. Beziehungsweise etwas mitteilen. Nämlich meine Erfahrungen mit einigen Werken, die ich in diesen Sommer zu lesen die große Freude hatte.
Fangen wir an mit »Herkunft« von Saša Stanišić. Das Buch ist mir eher zufällig in die Hände gefallen, denn ich habe es von jemanden weitergereicht bekommen, der es wiederum von jemanden geschenkt bekommen hat. Und zwar wahrscheinlich deshalb, weil er kosovarischer Herkunft ist. Der Beschenkte hat nämlich wie Stanišić das ehemalige Jugoslawien als Kind verlassen müssen, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Warum es mein Bekannter nicht lesen wollte, weiß ich nicht. Vielleicht fand er es übergriffig, so auf seine Herkunft reduziert zu werden. Und genau darum geht es ja auch in diesem Buch – um die Herkunft. Wie ist es, in Deutschland aufzuwachsen und zu leben, aber nicht aus diesem Land zu stammen?
Zur Beantwortung dieser Frage nimmt uns Stanišić mit in seine Familie in Heidelberg, stellt uns seine Freunde von der ARAL-Tankstelle vor. Und er fährt mit uns nach Vǐsegrad an der Drina, wo er geboren wurde, nachdem es »ununterbrochen geregnet« hat. Wir lernen auch seine Eltern kennen und seine Großeltern und andere Menschen aus seiner Heimatstadt. Wir erfahren also wie es ist, mit Migrationsgeschichte aufzuwachsen und demütigend oft dämlichen Polizeikontrollen ausgesetzt zu sein, weil der Teint zu dunkel ist. Und wie man es dann doch schafft, Schriftsteller zu werden. Also deutscher Schriftsteller oder vielleicht auch deutschsprachiger Schriftsteller, denn das ist ja die Sprache in der Stanišić schreibt: Deutsch.
Ich brauchte einige Anläufe, um das Buch zu lesen, denn der Autor schreibt zwar unterhaltsam und witzig und gleichzeitig auch anspruchsvoll und traurig, aber neigt ein wenig zu Abschweifungen und nichtlinearem Erzählen. Da muss man schon manchmal ein bisschen aufpassen, dass man den Anschluss nicht verpasst! Aber das ist es ja auch, was das Buch so lesenswert macht, literarisch meine ich: das assoziative, reflektierte Schreiben. Manchmal lässt uns der Autor auch am Schreibprozess teilhaben. Welche Erinnerungen stimmen? Und welche hat man bloß von anderen übernommen oder selbst erdacht? Hat der Vater wirklich höchstpersönlich eine gefährliche Schlange getötet? War der Staffelstab, den der kleine Saša 1986 (oder war es 1987?) tragen durfte beim Großen Lauf durch das sozialistische Jugoslawien aus Holz oder aus Plastik?
Wir erfahren auch, warum die Familie flüchten musste. Wir lesen von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Morden. Wir erfahren, wie es ist, wenn die Nationalität so wichtig wird, dass sie zu unsäglichen Verbrechen führt. »Ich verstehe nicht«, schreibt Stanišić, »dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen.«
Vielleicht werden wir uns noch an diese Worte erinnern, in ein paar Jahren, wenn die EU genauso auseinandergebrochen sein wird, wie es Jugoslawien einst ergangen ist, als die Völker dieses Landes über einander hergefallen sind und angefangen haben, einander zu bekriegen. Und am Ende seines Buches lässt uns der Autor an einem kleinen literarischen Experiment teilhaben, an einer Art Fortsetzungsgeschichte, deren Fortgang wir selbst bestimmen. Man kennt das aus manchen Kinderbüchern oder aus Fantasy-Rollenspielen.
In seinem Erzählungsband »Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne« führt Stanišić diese Innovationsfreudigkeit fort. Dabei sind einige Geschichten durchaus konventionell geschrieben, was ich auch keineswegs abwertend meine. Stanišić nimmt uns wiederum mit in seine Clique von der ARAL-Tankstelle, aber auch nach Helgoland, das er zweimal bereist hat: einmal in Gedanken und einmal in echt. Er berichtet von seiner Liebe zu Heinrich Heine, diesem undeutschesten und gleichzeitig deutschesten aller deutschen Schriftsteller. Außerdem stellt er uns eine Kleinfamilie vor und eine alte Dame, die um ihren Mann trauert und doch nicht allein sein will. Warum sollte sie auch? Niemand sollte auf Dauer alleine sein auf dieser Welt. Das weiß der Autor nur zu gut.
Die Geschichten sind witzig und traurig zugleich, erheiternd und anrührend. Manchmal hätte ich mir allerdings ein wenig mehr inhaltliche und stilistische Einheitlichkeit gewünscht. Und am Ende stellt sich die Frage: Was bringt die Zukunft? Und wenn man die Wahl hätte, für welche würde man sich entscheiden?
Auch Hannah Häffner stellt in ihrem Roman »Die Riesinnen« die Frage nach der Herkunft, die ja mehrere Dimensionen hat: die räumliche, die zeitliche und die soziale. Und dann bestimmen ja natürlich auch noch das Geschlecht und andere körperliche Merkmal das Schicksal eines Menschen. Sie erzählt in diesem meisterlichen Roman die Geschichte von drei Frauen aus drei Generationen und liefert damit nicht zuletzt ein Gesellschafts- und Sittenbild der letzten Jahrzehnte. Sie verwendet dabei konsequent eine weibliche Perspektive, was mir sehr gut gefällt, da es mir ungeahnte Einblicke gestattet. Lakonisch erzählt sie, aber auch ironisch und durchaus auch auf eine gewisse Weise romantisch (auch wenn sie meine Erwartungshaltungen in dieser Beziehung durchaus gelegentlich unterläuft). Das reizt manchmal zum Lachen, ist aber durchaus auch traurig. Man wird förmlich hineingezogen in das Leben in diesem Dorf im dunklen Wald. Das Buch erzählt vom schönen Scheitern und von hässlichen Siegen. Die Protagonistinnen sind starke Frauen – und manchmal erstaunlich wortkarg (eine Eigenschaft, die ja sonst gerne Männern zugeschrieben wird). Ein schönes Buch, poetisch bis zum Schluss.
Verlassen wir den Schwarzwald, kehren wir zurück in die Stadt, in der Saša Stanišić seine Jugend verbracht hat. »Memories of Heidelberg« heißt das Buch von Heinz Strunk, das behauptet, ein Roman zu sein. Das ist natürlich ein bisschen Etikettenschwindel, denn ein Roman ist es eben nicht, sondern vielmehr eine Erzählung. Strunk schildert acht Tage im Leben eines Ehepaares, das auf Familienbesuch in der berühmten Stadt in Süddeutschland ist. Bertram und Isolde quartieren sich in ein völlig überteuertes Boutique-Hotel ein und verbringen jeden ihrer Abende in einem Restaurant auf einem Neckarboot. Die traurig-tragische Geschichte wird durch witzige Dialoge und Situationskomik aufgeheitert. Das ist streckenweise so absurd wie ein hartgekochter Loriot. Und im Hintergrund laufen Italo-Pop-Songs und der titelgebende Schlager »Memories of Heidelberg«, gesungen von Peggy March (die älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern). Mehr möchte ich auch gar nicht erzählen, da Ihr das Büchlein ja selbst lesen sollt.
Noch viel weniger möchte ich eigentlich über das Buch »Wackelkontakt« von Wolf Haas erzählen. Hierbei handelt es sich tatsächlich um einen Roman, auch wenn es nur ganz klein vorne draufsteht. Und zwar um einen experimentellen. Aber keinen, der auf eine anstrengende Art innovativ sein will, sondern einen, der es auf eine witzige Weise ist. Man kennt das schon aus »Das Wetter vor 15 Jahren«, der ja auch schon sehr ungewöhnlich war. »Wackelkontakt« ist wiederum ganz anders erzählt, auf originelle Weise werden verschiedene Handlungsebenen miteinander verknüpft, das es eine wahre Freude ist.
Genug geschwärmt! Lest los!
Wolf Haas: Wackelkontakt | Deutsch
Hanser 2025 | 240 Seiten | Jetzt bestellen
Hannah Häffner: Die Riesinnen | Deutsch
Penguin 2026 | 416 Seiten | Jetzt bestellen
Saša Stanišić: Herkunft | Deutsch
Luchterhand 2019 | 360 Seiten | Jetzt bestellen
Saša Stanišić. Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne | Deutsch
Luchterhand 2025 | 256 Seiten | Jetzt bestellen
Heinz Strunk: Memories of Heidelberg | Deutsch
Rowohlt 2026 | 176 Seiten | Jetzt bestellen
