
Es gibt vermutlich nur wenige Autorinnen und Autoren, die wir in unserem altehrwürdigen Bücherblog vom Anbeginn ihrer schriftstellerischen Karriere begleitet haben bzw. begleiten. Vea Kaiser ist eine von ihnen. Der Kollege Andreas Zwengel hat ihre ersten beiden Bücher, »Blasmusikpop« und »Makarionissi oder Die Insel der Seligen«, für wortmax besprochen – und war voll des Lobes. Ich habe mich jetzt ihrem aktuellen Roman gewidmet und schließe mich seiner Begeisterung an.
»Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels« ist ein Werk der Fiktion, wie im Vorwort zu lesen ist, basiert jedoch auf einer wahren Begebenheit. Vor einigen Jahren hatte die Chefbuchhalterin des Hotel Sacher in Wien über einen langen Zeitraum hinweg und lange Zeit unbemerkt rund vier Millionen Euro auf ihr eigenes Konto abgezweigt. Vea Kaiser stieß über die Meldung in einer österreichischen Boulevardzeitung auf diese Geschichte und entwickelte daraus ihre eigene. Der Schauplatz ist Wien und dort unter anderem das Grand Hotel Frohner. Hier arbeitet Angelika Moser Ende der 1980er Jahre als Buchhalterin.
Durch die Drehtür eines großen Hotels kamen und gingen die Menschen. Sie wünschten sich spezielle Kissen, brachten Begleitungen mit, mit denen niemand gerechnet hatte, blieben länger oder reisten früher ab, veranstalteten spontan ein Fest mit hundert Gästen an der Bar: kurzum, sie agierten so unberechenbar, wie Menschen es nun mal taten. Und in einem Grand Hotel standen Dienstleister zur Verfügung, die dieses Verhalten unterstützen, indem sie die Menschen auf weiche Kissen betteten, in größere Zimmer quartierten, neue Gläser aus dem Keller holten und Wein auf Temperatur brachten. Hinter ihnen kehrte die Zimmerreinigung auf, und die Buchhaltung rechnete ab. Alles ist möglich, jeder Wahnsinn kann auf Papier festgehalten und in Zahlen und Summen gebannt werden wie der Geist in der Flasche. Saubere Buchhaltung war der Flaschenkorken, der den Dschinn wegsperrte. Damit die, die Angst vor dem Chaos hatten, nachts schlafen konnten.
Eines Tages entdeckt Angelika Moser den Hoteldirektor Julius Frohner III. in einer misslichen Lage, bleibt jedoch diskret und gewinnt so sein Vertrauen. Sie steigt zur Chefbuchhalterin auf. Das muss sie auch. Denn um ihr herum türmen sich einige Probleme auf, für die Angelika immer mehr Geld benötigt. Da ist zum einen ihre drogensüchtige Freundin Ingi, dann ihre Mutter Erna, die an Demenz erkrankt ist (oder an Vergesslichkeit, wie man in Wien euphemistisch zu sagen pflegt), und schließlich eine ganze Reihe an Beziehungen zu Männern, die nur kurz das Glück der Liebe versprechen.
Einer dieser Männer ist der Musiker Freddy, den man sich wie einen jungen Falco vorstellen darf, nur dass er eben keinen Erfolg hat (ein Hallodri, wie man in Wien zu sagen pflegt). Freddy wird der Vater ihres Kindes, oder besser gesagt: der Erzeuger. Denn nach der schmerzhaften Geburt des Sohnes Sebastian bleibt Angelika weitgehend auf sich allein gestellt. Doch sie meistert alle Herausforderungen – mit Ausdauer, Willensstärke und »buchhalterischen Einfallsreichtum«.
Beschrieben sind damit lediglich die Ausgangspunkte. »Fabula Rasa« ist ein gelungenes Epos, das mit einer weiteren Erzählebene bis in die Gegenwart reicht. Weil diese in der Justizvollzugsanstalt spielt, weiß man schon früh, wie der Roman (für Angelika Moser) ausgeht. Der Spannung schadet dies aber nicht im Geringsten. Das Buch steckt voller Überraschungen, ist grandios unterhaltsam und trotz der mitunter schweren Themenkost wie moralisches Verhalten, Demenz oder Geschlechter(un)gerechtigkeit mit einer beeindruckenden Leichtigkeit geschrieben. Nichts wirkt belehrend, aufgesetzt oder steif konstruiert.
Wer darüber hinaus die Stadt Wien mag sowie den eigenartigen Humor ihrer Bewohnerinnen und Bewohner (ich gehöre dazu), dem sei »Fabula Rasa« auch als unentbehrlicher Reiseführer empfohlen.
Und noch ein Tipp: Sollte Vea Kaiser in der Nähe zu sehen sein (sie ist mit Unterbrechungen noch bis zum Herbst dieses Jahres auf Lesereise), unbedingt hingehen! Gestern war sie zu Gast im Literarischen Salon Hannover. Der Abend, vom NDR aufgezeichnet, gestaltete sich, gespickt mit zahlreichen Hotelanekdoten, nicht weniger unterhaltsam als das Buch und ließ am Ende nur eine Frage offen: Wer war der deutsche Dichter, der sturzbesoffen, mit zerrupften Klamotten und laut schnarchend noch am nächsten Morgen in der Hotelbar lag?
Vea Kaiser: Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch | 576 Seiten | Jetzt bestellen
