Tomer Gardi: Liefern

Dass Zeit eine ebenso wertvolle Ressource ist wie Geld, wusste bereits Benjamin Franklin. Mit seiner berühmten Metapher betonte er in seinem Werk »Ratschläge für junge Kaufleute« aus dem Jahr 1748 den wirtschaftlichen Wert der Arbeit. Dass Zeit Geld ist, wissen auch die Kuriere auf dem Fahrrad, die abgehetzt mit lautstarkem Klingelgeräusch in meinem Wohnviertel die Fußgänger aufscheuchen. Die »Rider« bringen überall Essen von einem Ort zum anderen, und doch sehen wir sie nicht. Sind wir zu verwöhnt?

In seinem neuen Roman »Liefern« lässt der israelische Autor Tomer Gardi genau solche Kuriere zu Wort kommen. Dafür hat er drei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt recherchiert und Betroffene interviewt. Gardis Figuren arbeiten unter Zeitdruck in einem erbarmungslosen Job mit langen Arbeitszeiten und den ständig drohenden Gefahren auf der Straße. Alle kämpfen für sich allein als selbständige Dienstleister*innen unter permanentem Druck der Konkurrenz. Mafiöse Mittelspersonen verschaffen Geflüchteten ohne Arbeitserlaubnis falsche Identitäten, gegen Kohle, versteht sich.

Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, benötigt dringend Geld. Er möchte seiner Frau und Tochter (die er noch nie gesehen hat) nach Berlin folgen. Deshalb heuert er unter falschem Namen bei einem Lieferservice an. Seine Frau lernt inzwischen Deutsch bei Nina in Berlin. Die wiederum verliebt sich während ihres Aufenthaltes in Neu-Delhi in den Argentinier Ramon. Dort beobachten die Lesenden, wie eine Frau das Essen auf einem »brüllenden, glänzend schwarzen Scooter« ausfährt. Hinter ihr sitzt ein Kind mit einer roten Bonanza-Tasche auf dem Rücken. Der Venezolaner Ciervo liefert das Essen in Buenos Aires aus. Ständig stürzt sein Handy ab. Zufälligerweise findet er ein anderes, nämlich das von Ramon. Wer bis hierher leicht den Überblick verloren hat, findet Halt beim Ich-Erzähler. Doch alles hat auch er nicht im Griff, deutet der Autor doch manche Story nur an.

Während der Erzählende nach Istanbul reist, um sich von einem Preisgeld eine Haartransplantation zu leisten, genießt man Gardis feinsinnigen Humor. Wie schelmisch er über die Schummeleien in der Literaturpreisjury, die blutigen kahlen Köpfe in der Klinik für Haartransplantationen oder die unverschämte Wissbegier deutscher Autoren in der afrikanischen Provinz plaudert. Als der Ich-Erzähler an seiner haarigen Unternehmung noch zweifelt, trifft er den Lieferanten Resul. Der erzählt ihm seine Lebensgeschichte.

Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.

Tomer Gardi lotst die Lesenden durch ein Dickicht an Figuren und Handlungsorte. Seine prekär Beschäftigten reiben sich in Tel Aviv ebenso auf, wie in Berlin, Istanbul, Delhi, Buenos Aires oder Naivasha. Neben den Kurieren begegnet man Küchenhelfern, Döner-Verkäufern, Gästebetreuern und Rosenpflückerinnen. Alle sind einem System gnadenlos ausgeliefert: der App, den Algorithmen, den Bewertungen.

Gardis Sprache ist einfach, kreativ und dabei sehr poetisch. Bei ihm steht jemand nachts »im Unschein«, die Rosenpflückerin »will werden« statt sein. Er gebraucht für uns fremde Wörter, denn wir sind privilegiert und kennen die absurden Prozesse im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration nicht. Wer von uns hat je eine »Flüchtlingsunterkunft«, ein »Ankunftszentrum« oder eine »Erstaufnahmeeinrichtung« von innen gesehen?

Der Text berührt. Er schmerzt. Das ist gewiss auch der Übersetzerin Anne Birkenhauer zu verdanken, mit der Tomer Gardi für dieses Buchprojekt zusammengearbeitet hat. Anne Birkenhauer hat außerdem den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.

Tomer Gardi lässt einen so nah an die Figuren, auch, weil man ihre Wärme spürt. Er erzählt seine Geschichten tiefgründig und doch mit dem gewissen Schalk im Nacken. Bewusst lässt er die Grenzen der autofiktionalen Erzählung verschwimmen. Das ist großartig. Dieser Roman hat mich umdenken lassen. Habe ich bis vor kurzem einem »Rider« auch manchmal böse etwas hinterhergerufen, wenn er mich gestreift hat, gehe ich nun respektvoll zur Seite, bevor dies passiert. Hinter den Essenslieferanten mit ihren quadratischen Taschen verbergen sich Menschen mit ihren eigenen Geschichten, Sehnsüchten und Träumen. Ihre Heimatlosigkeit geht uns alle etwas an!

Tomer Gardi: Liefern | Deutsch von Anne Birkenhauer
Tropen 2026 | 320 Seiten | Jetzt bestellen