T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang

Mit nur 240 Seiten kommt das neueste Buch unserer Blog-Inspiration T.C. Boyle im Vergleich zu seinen anderen Werken recht schmal daher. Aber das ist verkraftbar. Immerhin veröffentlicht Boyle so gut wie jährlich ein neues Buch. Und inhaltlich heben seine neuen Short Storys die Leichtigkeit des Bandes vollständig auf. Es sind keine Wohlfühlgeschichten. Aber die erwartet von dem gefeierten US-Schriftsteller wohl auch niemand.

T.C. Boyle hat inzwischen einen Sound gefunden, den man gut mit dem Begriff Gegenwartsdystopie bezeichnen könnte. Was wir lange als Science Fiction verbuchten, ist mittlerweile bittere Gegenwart. Genau das führt uns Boyle in seinen jüngeren Kurzgeschichten vor Augen. Oder auch – besonders gelungen – in seinem vorletzten Roman »Blue Skies«, wo die Folgen des von Menschenhand drastisch beschleunigten Klimawandels nicht als Zukunftsszenario daherkommen, sondern als etwas, das bereits stattfindet. Dem stehen wir tatenlos gegenüber, in einer Mischung aus Ignoranz, Sorglosigkeit, Apathie und schlechtem Gewissen — wohl aber auch mit einem Funken Hoffnung, dass sich irgendwann, irgendwie noch alles zum Guten wendet.

In diesem Sinne haben mich vier Geschichten des neuen Bandes nachhaltig beeindruckt. In »Kalter Sommer« lebt ein Paar seinen Aussteigertraum — autarkes Haus, Solarpaneele, weit weg von den Städten. Doch ein durchgeknallter Milliardär versprüht Schwefelsäure in der Stratosphäre, die Sonne verschwindet, im Juli fällt Schnee. Ohne Strom, ohne E-Auto, mit einem Beinbruch, sind die Solar-Utopisten plötzlich auf ihre grantelnden Klimawandelleugner-Nachbarn mit Verbrenner angewiesen. Boyle zeigt: Wer allein auf Technik setzt, um die Welt zu bändigen, hat die Gefahr nicht verstanden.

Die Titelgeschichte, »Das Ende ist nur ein Anfang«, beginnt dagegen fast heiter: Ein amerikanischer Schriftsteller besucht seinen europäischen Verlag in Paris, ein langweiliger Termin, der sich zu einem kleinen Fest fürs Leben entwickelt. Zurück in Kalifornien stirbt seine Frau an Corona — er hat sie, ohne etwas zu ahnen, infiziert. Religiöser Trost wird zu einer Phrase:

»Ich weiß nicht, wo du Jesus findest, aber Carolines Moleküle sind da drüben, in der Urne mit dem Blumenkranz – und ein paar vielleicht noch im Kamin des Krematoriums.«

In »Ich rate zu Kunstfaser« kommen zwei Elternpaare ins Gespräch, deren Söhne kurz vor der Einschulung stehen. Die einen haben für ihr Kind einen schusssicheren Ranzen gekauft und Waffen zu Hause. Das andere Paar ist davon befremdet und verunsichert. Boyle zeigt hier den Waffenfetischismus der USA im Mikrokosmos.

»2036« schließlich ist die wütendste Geschichte des Bandes. Die USA sind eine Diktatur, Grönland wurde »befriedet«, und ein harmloser Social-Media-Post über holländische Tulpen reicht für eine Festnahme. Der Protagonist Frazier landet in einem Umerziehungslager, muss die gesammelten Reden des Präsidenten auswendig lernen — zehn Bände, je fünfhundert Seiten — und fügt sich, bis er Mitgefangene verrät und die »Staatsbürgerschaft Plus« erhält. Dass Boyle dabei auf Donald Trump zielt, braucht weder in seiner Geschichte noch in dieser Rezension näher erwähnt werden; es ist die bitterböse Groteske eines Mannes, der seinen Abscheu eloquent von der Seele schreibt. Übrigens auch täglich in seinen Social-Media-Kanälen bei X und Bluesky sowie in seinem monatlichen Blog.

Wer bisher die Romane von T.C. Boyle bevorzugt hat, sollte sein Augenmerk unbedingt auf seine Kurzgeschichten lenken. Sie sind keine Appetithäppchen, keine Fingerübungen zwischen den großen Werken. Sie sind wie kleine Romane — komprimiert, verdichtet, mit der Wucht eines vollen Romans, nur ohne Längen. Boyle in Bestform, im Kleinformat. Lesen können wir die Mini-Romane einstweilen nur in deutscher Sprache (hervorragend übersetzt von Dirk van Gunsteren), sieht man davon ab, dass einige Erzählungen des neuen Bandes bereits in amerikanischen Magazinen erschienen sind. Im Original zwischen zwei Buchdeckeln erscheinen sie erst im nächsten Jahr.

T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Hanser 2026 | 240 Seiten | Jetzt bestellen