Stephen King: Zwischen Nacht und DunkelDer Altmeister des Schreckens ist in jeglichem Format gut unterwegs, sei es die klassische (bei Stephen King oft und gerne ausufernde) Romanform, der konzentrierte Schrecken in Gestalt von Kurzgeschichten oder wie in seinem neuesten Werk das, was dazwischen liegt: die Novelle.

Nach »Different Seasons« (dt.: »Frühling, Sommer, Herbst und Tod«) und »Four Past Midnight« (dt.: »Langoliers« bzw. »Nachts«) liegt nun also die dritte Novellensammlung mit dem anheimelnden Titel »Full Dark, No Stars« (dt.: »Zwischen Nacht und Dunkel«) vor. Der Name ist Programm, denn diese vier Erzählungen gehören zum düstersten, was Stephen King je geschrieben hat. Es geht um Menschen in absoluten Extremsituationen und ihre Reaktion darauf. So etwas findet sich u.a. auch in den Kurzgeschichten von Christopher Coake »Bis an das Ende der Nacht«), aber während Coake das Thema facettenreicher angeht (schließlich ist er ja auch kein Horrorautor), lotet King die tiefschwarzen Schatten menschlicher Existenz aus.

Es kommt nicht von ungefähr, wenn er im Nachwort zu diesem Band zugibt, dass es ihm schwer gefallen ist, diese Geschichten zu schreiben. Das mag man für eine geschickte, marktschreierische Maßnahme zur Vermarktung des Buches halten, aber nach der Lektüre bin ich geneigt, ihm zu glauben.

Wir treffen einen Ehemann, der seinen Sohn dazu anstiftet, gemeinsam mit ihm die Ehefrau und Mutter zu ermorden. Der unbeschreibliche Horror der blutigen Tat ist nichts, aber auch gar nichts, gegen die Schrecken, denen sich die beiden danach zu erwehren haben. Eine Schriftstellerin wird nach einer Lesung brutal vergewaltigt und kommt nur mit sehr viel Glück mit dem Leben davon. Danach startet sie ihren persönlichen Rachefeldzug und deckt erschreckende Abgründe menschlicher Existenz auf. Ein todkranker Mann schliesst einen Pakt mit dem Teufel. Das Sprichwort »Quid pro quo« bekommt hier eine ganz eigene, grausige Bedeutung.

In der letzten Erzählung entdeckt eine Ehefrau, dass sie jahrelang ahnungslos mit einem Monster verheiratet war. Sie muss sich der Frage stellen, wie (und ob) sie mit diesem Wissen leben kann. Diese Geschichte geht dann auch dem Leser am meisten an die Nieren und enthält einen der erschreckendsten und brutalsten Sätze, die ich jemals bei Stephen King gelesen habe. Das Schlimme daran: So etwas kann durchaus Realität sein.

So, und jetzt atmen wir erstmal alle tief durch.

Stephen King hat erneut ein großartiges Buch hingelegt, die vier Geschichten lassen sich hervorragend lesen und entführen den Leser eine Zeitlang in absolut tiefschwarze Gefilde. Wer so etwas gerne liest, wird begeistert sein. Zartbesaiteten Lesern möchte ich aber fairerweise von der Lektüre abraten.

Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel | Deutsch von Wulf Bergner
Heyne 2010 | 528 Seiten | Jetzt bestellen

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