Christopher Coake: Bis an das Ende der NachtDer Verlag macht es dem potenziellen Leser nicht wirklich leicht, sich für dieses Buch zu interessieren. Da prangt auf der Vorderseite ein Zitat von Nick Hornby, welches dem Leser prophezeit: »Beim Lesen dieser Geschichten werden Sie vergessen zu atmen.«

Jessas. Das fängt nicht wirklich gut an. Die Gestaltung der Titelseite verleitete zudem meine kleine Tochter zu der Frage: »Papa, hast du das da draufgeschrieben?« (Ich verbitte mir diesbezüglich jeglichen Kommentar…) Für alle diejenigen, die sich von solchen Äußerlichkeiten nicht abschrecken lassen (Gott sei Dank gehöre ich wohl auch zu diesem Kreis) ist diese Buchkritik gedacht.

»Bis an das Ende der Nacht« ist das erste Buch von Christopher Coake, und man kann nur hoffen, dass noch ganz viele weitere folgen werden, denn die sieben Kurzgeschichten, die in diesem Band gesammelt wurden, sind schlichtweg großartig. Coake’s literarisches Spielfeld ist das der ganz großen Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen, ohne jemals auch nur ansatzweise kitschig oder peinlich zu werden. Geschichten von Liebe und Verlangen, (unerfüllten) Sehnsüchten, von Hass, Trauer und Verzweiflung – dem wahren Leben halt. Was ihn aber weit über das Groß seiner Kollegen erhebt, ist die Meisterhaftigkeit, mit der er dies alles bewältigt. Wie ein Virtuose spielt er auf der großen Klaviatur menschlicher Regungen; da sitzt jeder Satz, da ist kein Wort zuviel, und zwischen allen Zeilen scheint ein immenses Einfühlungsvermögen durch.

Da gibt es zum Beispiel das lesbische Liebespaar, deren Beziehung durch den Kinderwunsch einer der beiden Partnerinnen auf eine harte Probe gestellt wird. Oder die Ehefrau, die mit dem Egoismus ihres Mannes hadert, der in selbstgewählter Isolation die höchsten Berge erklimmt – ungeachtet der seelischen Belastungen, die er seiner Familie damit zumutet. Schwer zu verdauen ist die Geschichte eines Mannes, der nach dem Tod eines befreundeten Paares die Verantwortung für deren kleinen Sohn übernehmen soll, der selig schlafend in seinem Bettchen liegt und noch nicht weiß, dass seine kleine Welt längst in Trümmern liegt.

Oder wie wäre es mit dem in einem Schneesturm in einer Hütte isolierten Liebespaar, welches von einer gemeinsamen Zukunft träumt, um beiderseitig dem eigenen bis dato elendigen Leben eine positive Wendung zu geben und endlich auch einmal das wahre Glück zu erfahren? Übrigens mein ganz persönlicher Favorit. Ich glaube, manche Szenen aus dieser Erzählung werde ich lange mit mir herumtragen.

Die letzte Geschichte des Bandes bereichert diese Zusammenstellung dann auch noch um eine sehr interessante Erzähltechnik, thematisch wagt sich Coake dort dann für meine Begriffe schon fast ein wenig in die Sparte Psychothriller – natürlich ebenfalls meisterhaft.

Die Danksagung am Ende des Buches gibt einen möglichen Hinweis darauf, warum sich Christopher Coake auf einem solchen Themengebiet bewegt. Sei es, wie es sei: »Bis an das Ende der Nacht« ist ein absolut lesenswertes Buch, eine der besten Kurzgeschichtensammlungen, die ich je gelesen habe.

Christopher Coake: Bis an das Ende der Nacht | Deutsch von Sabine Roth
Goldmann 2008 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Von dem Buch war ich ebenso begeistert wie Du, obwohl ich Kurzgeschichten normalerweise nicht besonders mag. Coake hat mir gezeigt, dass es auch da wahre Schätze zu entdecken gibt.

    Das Cover empfand ich allerdings nicht als abschreckend, ganz im Gegenteil. Ohne dieses Cover wäre mir das Buch auf der Buchmesse damals gar nicht aufgefallen. 🙂

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