Kent Haruf: Abendrot»Abendrot« ist das vierte von sechs Büchern des amerikanischen Autors Kent Haruf. Sie alle spielen in dem fiktiven Städtchen Holt, Colorado.

Holt ist eine Kleinstadt, in der fast jeder jeden kennt und so verwundert es kaum, dass sich die Lebenslinien und Schicksale der einzelnen Figuren des öfteren kreuzen. Nehmen wir zum Beispiel die beiden McPheron-Brüder Harold und Raymond, die seinerzeit die junge Victoria samt ihrer Tochter Katie bei sich aufgenommen haben. Die beiden kümmern sich rührend um Mutter und Tochter, die für die alten Farmer einen liebgewonnenen Familienersatz darstellen. Als ihr Schützling wie geplant seine Schullaufbahn wieder aufnimmt und mit seiner kleinen Tochter in die große Stadt zieht, lastet die Einsamkeit schwer auf den beiden alten Männern und es soll sogar noch schlimmer kommen.

Da sind Betty und Luther Wallace, die mit ihren Kindern an Rande des Existenzminimums in ihrem verdreckten Wohnmobil hausen, ständig in der Angst, ihre Kinder zu verlieren, ohne wirkliche Hoffnung auf Besserung ihres Daseins. Ihre scheinbar ausweglose Situation und die immergleiche Tristesse ihres Alltags lässt sie nur noch tiefer in Depressionen verfallen. Und als ob dies alles noch nicht deprimierend genug ist, tritt eines Tages Hoyt Raines, ein Onkel Bettys, in ihr Leben – auf eine Art und Weise, wie sie sich in ihren schrecklichsten Träumen nicht hätten vorstellen können.

Die Figuren in Kent Harufs Büchern stehen nicht auf der Sonnenseite des Lebens, aber sie versuchen zumindest, mit ihren bescheidenen Mitteln – mehr oder weniger erfolgreich – dem Schicksal zu trotzen und manchmal findet sich tatsächlich eine barmherzige Seele, die sich ihrer annimmt, oder man tut sich zusammen, um das Leid gemeinsam zu stemmen. Die große Kunst des Autors besteht darin, seinen Figuren Würde zu verleihen – auch in Situationen, die zunächst unüberwindbar scheinen.

Die Charaktere sind mit viel Tiefgang gezeichnet und der Leser gewinnt schnell Zugang zu ihnen und schliesst sie in sein Herz. Wie wird es den einzelnen Personen auf ihrem Lebensweg weiterhin ergehen? Aus jeder seiner Figuren spricht eine große Menschenliebe. Kent Haruf hat offenbar bei der Erschaffung der Einwohner seiner imaginären Kleinstadt sehr genau hingeschaut und man fragt sich des öfteren, ob es für die eine oder andere Figur wohl ein reales Vorbild gegeben hat. Leider ist Kent Haruf vor ein paar Jahren gestorben, sodass er uns dies nicht mehr verraten kann.

Mir drängt sich immer wieder der Vergleich mit Joey Goebels kürzlich erschienenem Erzählband »Irgendwann wird es gut« auf. Auch hier sind die Erzählungen und Charaktere miteinander verbunden und auch hier hat jeder sein Päckchen zu tragen, allein der wunderbare Humor Goebels fehlt in Harufs Geschichten. Das würde bei den hier geschilderten Schicksalen aber auch nicht passen.

Beim Schreiben seiner Bücher trug Kent Haruf eine Strickmütze, um »blind« schreiben und sich so vollständig in seine kleine Traumstadt einfühlen zu können und sich in der ersten Fassung nicht von Schreibfehlern ablenken zu lassen. Das vorliegende Resultat zeigt, dass ihm dies offenbar hervorragend gelungen ist.

Kent Haruf: Abendrot | Deutsch von pociao
Diogenes 2019 | 416 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. An Ken Harufs Erzählton erinnere ich mich auch gerne aus seinem Roman „Unsere Seelen bei Nacht“. Die Geschichte über die Beziehung der Witwe Addie zu ihrem ebenfalls alleinlebenden Nachbarn Louis, und wie deren erwachsene Kinder und die Nachbarn in dem Städtchen Holt damit umgehen, hat mich bewegt.

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