Joe Hill: HornsAls Ig Perrish eines Morgens mit dröhnendem Schädel vor seinem Badezimmerspiegel steht, traut er seinen Augen nicht. Ihm sind über Nacht Hörner gewachsen, wie sie sonst nur der Leibhaftige zur Schau trägt. Hat ihn der Wahnsinn übermannt oder ist dies möglicherweise nur eine Halluzination, geboren aus den Untiefen exzessiven Alkoholkonsums?

Zunächst hofft er auf Letzteres, denn Probleme hat er auch so schon weiß Gott genug. Schließlich ist Ig Perrish die meistgehasste Person in dem kleinen Städtchen Gideon, denn niemand zweifelt daran, dass er seine langjährige Freundin, die wunderbare und von allen vergötterte Merrin, zunächst vergewaltigt und dann brutal umgebracht hat. Für ganz Gideon ist das Fakt und das Unverständnis darüber, dass die Polizei ihn aufgrund mangelnder Beweise hat laufen lassen, dementsprechend groß. Ig selber kann sich nicht an das erinnern, was in besagter Nacht geschehen ist.

Leider erweisen sich die Teufelshörner als absolut real und auch ein Besuch beim Arzt bringt keine Linderung. Allerdings stellt Ig ziemlich schnell fest, dass das (unfreiwillige) Tragen der Hörner mit dem Gewinn einer neuen Fähigkeit einhergeht. Wenn Ig Menschen berührt, kann er ihre dunkelsten Geheimnisse lesen; außerdem hat jeder das Bedürfnis, einen unheiligen Seelenstriptease zu vollführen, indem man Ig Dinge mitteilt, die man normalerweise für sich behalten würde.

Diese Beichten laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Ig soll entscheiden, ob seine Gegenüber ihre abgründigen Wünsche ausleben sollen oder nicht, jeder möchte von ihm eine Bestätigung erhalten. So erzählt ihm seine gut im Futter stehende, leicht nuttig-verschlampte Freundin Genna, wie gerne sie anstelle eines Donuts die ganze Schachtel leer fressen würde; am liebsten würde sie wie ein Schwein ihr Gesicht in die Packung tauchen und grunzend leeren, ohne ihre Hände benutzen zu müssen: ihr Traum ist es, noch viel fetter und unansehnlicher zu werden.

Das ist noch so ziemlich das Harmloseste, womit Ig konfrontiert wird, auch wenn es natürlich abgrundtief traurig ist, denn Gennas kruder Wunsch zeugt von einem enormen Selbsthass, sie möchte geliebt werden, schafft es aber nicht einmal annähernd, sich selbst zu lieben. Ig beschließt, sich auf das Geschenk des Teufels einzulassen und mittels seiner neu gewonnenen Fähigkeiten Merrins Mörder ausfindig zu machen, nicht ahnend, welche Abgründe sich noch vor ihm auftun werden und worauf das Alles hinauslaufen wird.

»Horns« (dt. »Teufelszeug«) war nach »Heart-Shaped Box« (dt. »Blind«) Joe Hills zweiter Roman, und wie in allen seinen Büchern gefällt die Originalität, die seinen Geschichten zu eigen ist. Er bringt frischen Wind ins Horrorgenre und ist meiner Meinung nach schon jetzt ein würdiger Nachfolger seines omnipräsenten Vaters Stephen King. Es gibt im Übrigen auch eine – gelungene – Verfilmung des Romans mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle. Die deutschsprachige Ausgabe des Buches ist heutzutage leider nur noch antiquarisch zu bekommen.

Joe Hill: Horns | Englisch
Orion Publishing Group 2019 | 437 Seiten | Jetzt bestellen

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