Jeffrey Eugenides: Das große ExperimentSie begann, an den Treffen der Weight Watchers teilzunehmen. Della fuhr sie hin. Klein und vorwitzig, mit gesträhntem Haar, einer glänzenden Rayonbluse und einer großen Brille mit rosafarbener, durchscheinender Fassung, saß sie auf einem Kissen, um über das Lenkrad ihres Cadillacs sehen zu können. Sie trug kitschige Hummel- oder Dackelbroschen und roch, als hätte sie in Parfüm gebadet. Es war irgendeine blumig-verschämte Kaufhausmarke, dazu gedacht, den natürlichen Geruch einer Frau zu überdecken, statt ihn hervorzuheben, wie es die Körperöle taten, mit denen Cathy ihre Pulsstellen betupfte. Della, so stellte sie sich vor, versprühte ihr Parfüm mit einem Zerstäuber und stapfte in der Duftwolke herum.

Unappetitliche Themen wie eine Fastenkur mit Amöbenruhr oder eine künstliche Befruchtung mittels einer Bratenspritze klingen nicht unbedingt nach feinsinniger Literatur, aber einem Autor wie Jeffrey Eugenides, der mit der Lebensgeschichte eines Hermaphroditen den Pulitzerpreis erlangt hat, gelingt dieses Kunststück.

Die zehn Kurzgeschichten in diesem Erzählband stammen aus dem Zeitraum 1988 bis 2017. Sie stellen neben den drei Romanen »Die Selbstmord-Schwestern«, »Middlesex« und »Die Liebeshandlung« das Gesamtwerk des Autors dar. Es wäre also übertrieben, von einem hyperaktiven Vielschreiber zu sprechen.

Drei der zehn Kurzgeschichten wurden bereits 2005 nach dem Erfolg von »Middlesex« in einem schmalen Band veröffentlicht. Eine Geschichte darin, »Die Bratenspritze«, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, und ich halte sie nach wie vor für eine der besten Kurzgeschichten, die ich kenne. Sie wurde unter dem Titel »Umständlich verliebt« mit Jennifer Aniston verfilmt, wobei die Kurzgeschichte nur für das erste Drittel der Filmhandlung dient.

»Die Bratenspritze« hat auch nach dreizehn Jahren nichts von ihrem Reiz verloren, obwohl ich sie ganz anders in Erinnerung hatte und die Befruchtungsparty nur wenige Seiten einnimmt.

Weitere Favoriten in dieser Sammlung sind »Such den Bösewicht«, eine bitterböse Geschichte über das Scheitern einer Ehe aus der Sicht des wehleidigen Ehemanns, »Das Orakel von Vulva«, das wie eine Vorstudie seines Welterfolges »Middlesex« wirkt, und »Launenhafte Gärten«, seine älteste Geschichte von 1988. Letztere spielt in einem irischen Landhaus, in dem zwei Männer und zwei Frauen aufeinandertreffen. Aus wechselnden Perspektiven verfolgt man den Abend, erfährt die Wünsche jedes Anwesenden und erlebt, wie alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Aber auch die Erzählungen »Alte Musik« und »Nach der Tat« mochte ich sehr.

Nicht alle Geschichten konnten mich gleichermaßen überzeugen, aber diejenigen, die es taten, lohnten auf jeden Fall die Anschaffung dieses Buches.

Die Geschichten handeln von Gefühlen, Erlebnissen und Fehlentscheidungen, bei denen sich jeder angesprochen fühlen kann. Die Bissigkeit, mit der Eugenides kleine und große Dramen, selbstverschuldete Probleme und unverschuldete Verwicklungen beschreibt, verdient schon Respekt, denn er hält seinen Lesern unerbittlich den Spiegel vor und nicht alle werden den Blick hinein ertragen können. Aber man kann auch nicht wegsehen, weil man unbedingt erfahren möchte, wie es ausgeht. Auch in diesem Punkt erinnern diese Erzählungen sehr an die Kurzgeschichten von T.C. Boyle.

Ich warte wirklich sehnsüchtig auf den nächsten Roman von Eugenides, angeheizt von den vielen tollen Geschichten in diesem Band.

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment
Deutsch von Gregor Hens, Cornelia C. Walter und Eike Schönfeld
Rowohlt 2018 | 336 Seiten | Jetzt bestellen

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