Domenico Müllensiefen: Manchmal muss man sich entscheiden

Bis vor wenigen Monaten hatte ich von dem in meiner Heimatstadt geborenen Autor Domenico Müllensiefen nur wenig gehört. Dass er aus Magdeburg stammt und in seinen Büchern über Menschen erzählt, die nach 1990 im Osten der Republik aufwuchsen, ließ mich neugierig werden. So landete sein von meinem Buchhändler empfohlener, aktueller Roman »Manchmal muss man sich entscheiden« auf meinen Bücherstapel. Das Buch erschien im Kanon Verlag Berlin.

Domenico Müllensiefen lebt in Leipzig, erwarb nach seiner Berufsausbildung einen Masterabschluss im »Literarischen Schreiben« am dortigen Literaturinstitut und unterrichtete bereits selbst »Kreatives Schreiben«. Er war Gastdozent an der Reportageschule in Reutlingen und für drei Monate Stadtschreiber von Rheinsberg. Sein erster Roman erschien 2022. Alle Protagonist*innen in Müllensiefens Büchern erlebten während der Wendezeit im Osten eine neue Freiheit, gleichzeitig jedoch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche, auf die auch oftmals Perspektivlosigkeit und besondere Schicksalsschläge folgten. Müllensiefens Figuren straucheln, erfinden sich neu und erleben dabei ihre ganz eigenen Hoffnungsmomente.

So, wie die Lkw-Fahrerin Sandra, die im Zentrum der neuen Geschichte steht. Sie muss mit schweren Verlusten umgehen und irrt durch ihre persönlichen Ausweglosigkeiten. Ihr Vater, der ebenfalls Lkw fuhr, kam auf der Straße ums Leben. Ihr Mann, ein Bundeswehrsoldat, starb während eines Einsatzes in Afghanistan. Sandras Leben gerät aus den Fugen. Sie kämpft mit ihrem Schmerz und einer Spielsucht. Letztere hat mit dazu geführt, dass Sandras vierzehnjährige Tochter Mia bei ihrer Großmutter väterlicherseits aufwächst und diese auch das Sorgerecht für das junge Mädchen hat. Durch eine gemeinsame Lkw-Fahrt sollen sich Mutter und Tochter wieder annähern.

Immer wieder ging Sandras Blick von der Straße weg zur Tochter. Mit jedem Kilometer, den sie zurücklegten, verkürzte sich die gemeinsame Zeit. Morgen würde sie Mia bei ihrer Großmutter abgeben – müssen. Noch eine gemeinsame Nacht.

Die Reise entwickelt sich jedoch zu einem gefährlichen Roadtrip quer durch Europa und konfrontiert die beiden mit brennenden Fragen unserer komplexen, unruhigen Gegenwart. Welchen Einfluss haben unsere Wurzeln auf unseren Lebensweg? Was gibt uns Stabilität in einer unbeständigen Welt? Die von der Politik enttäuschte Sandra wirkt von Beginn an gestresst. Vom Rest der Entschädigung der Bundeswehr kaufte sie sich ihren Lkw. Sie wollte Freiheit, ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Das Geld, das man ihr für Svens Tod gegeben hatte, war restlos aufgebraucht. Aber das war nicht nur ihr Fehler. Es war doch nicht ihre Schuld, dass Sven bei den Moslems ermordet worden war. Dafür konnte sie nichts. Und sie hatte auch nicht gewollt, dass Sven auf Auslandseinsatz ging. Sie hatte das alles nicht gewollt, aber niemanden hatte es interessiert.

War die Fahrerkabine ihre Rüstung, an der die Zwänge des Lebens abprallen? Warum bekommt sie nur Touren, die sich nicht rentieren? Wie soll sie ihre eigenen Rechnungen bezahlen? Was, wenn die Großmutter ihre Drohung wahr werden lässt und ihr den Umgang mit Mia ganz verwehrt? Letztere reift zur Jugendlichen heran und will sich von ihrer Mutter nicht bevormunden lassen. Woher rühren ihr Selbstbewusstsein und dieser Eigensinn?

Als ein ihr versprochener Tiertransport ausbleibt, weil andere Lkw-Fahrer sich noch preiswerter anbieten, gerät Sandra in Panik. Ihr alter Bekannter Dirk kommt ihr in dieser Situation gerade recht. Er bietet ihr die Übernahme aller Schulden an und will sie mit einträglichen Fahrten versorgen. Verführerisch, andererseits ist er auch für zweifelhafte Geschäfte bekannt, die ihn in der Vergangenheit auch in den Strafvollzug gebracht haben.

In Anbetracht ihrer Notlage kann Sandra zu dieser alles andere als legalen Fracht gar nicht »Nein« sagen. Als sie mit Dirks brandneuem Truck losfährt und anfangs ohne ihr Wissen zwei blinde Passagiere transportiert, liest man dieses Buch am Stück aus.

Dank seiner Scharfsinnigkeit gelingen Domenico Müllensiefen prägnante Dialoge, allen voran die zwischen Mutter und Tochter. So entsteht ein dicht gewobenes Kabinen-Drama, dass die räumliche Enge hautnah spüren lässt. Die Stärke der Geschichte liegt vor allem in der Vielschichtigkeit und wie der Autor dem Verdruss der Menschen nachfühlt. Wie gehen wir mit wirtschaftlichen Krisen um, welchen Wert legen wir auf unseren eigenen Schutz und wie begegnen wir Geflüchteten?

Am Ende trifft Sandra ihre Entscheidung. Ihre Figur wirkt authentisch und fasziniert durch ihre innere Zerrissenheit. Müllensiefens direkte, derbe Sprache kanalisiert angestaute Aggressionen genauso wie ihre Verlorenheit und tiefen Zweifel an sich selbst. Einfühlsam abgerundet mit Witz und Ironie hat diese Geschichte einer einfachen Frau einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Domenico Müllensiefen: Manchmal muss man sich entscheiden | Deutsch
Kanon Verlag 2026 | 192 Seiten | Jetzt bestellen