Daniel Depp: Nächte in BabylonIn einem Restaurant in Beverly Hills dachte Anna Mayhew, Oscar-Preisträgerin und ehemaliger Darling der Paparazzi, über das Verfallsdatum von Titten und Ärschen nach und überlegte, wie viele Tage sie sich noch gönnen sollte, bevor sie sich umbrachte. Sie hielt das Giftröhrchen wie einen Talismann in der Hand. Es war ein gutes Gefühl.

Detektiv Spandau wird engagiert, um die Schauspielerin Anna zu beschützen und muss schnell feststellen, dass seine Klientin ein äußerst wankelmütiges Gemüt hat. Mal ist sie zuckersüß, mal beschimpft sie jeden in ihrer Umgebung und mal entzündet sie die wodkagetränkte Hose eines aufdringlichen russischen Regisseurs. Sie schafft sich viele Feinde. Die größte Gefahr für sie geht allerdings von einem Fan aus.

Der Frisör Perec, der allein mit seiner Mutter lebt, bearbeitet Fotos von Anna bevorzugt mit seinem Rasiermesser. Als sie in die Jury der Filmfestspiele von Cannes berufen wird, muss Spandau sie begleiten. Auch Perec erfährt von der Reise, und zufällig hat er gerade einen größeren Geldbetrag von einem Zuhälter erbeutet. Dieser macht sich natürlich sofort auf die Suche nach dem räuberischen Frisör und dem Geld. Special, der Zuhälter, droht nicht mit Gewalt oder besticht mit Geld, sondern hat eine ganz eigene Methode, die Leute zum Reden zu bringen (und die muss man gelesen haben). Mühelos findet er heraus, wohin Perec verschwunden ist und folgt ihm nach Cannes.

Die Konfrontation amerikanischer und französischer Lebensart amüsiert über die gesamte zweite Hälfte des Buches. Depp, der in Frankreich seinen zweiten Wohnsitz hat, weiß genau, wovon er schreibt. Aber der Kulturclash ist bei weitem nicht der einzige Pluspunkt für diesen Roman. Depp unterstreicht hier noch einmal den außerordentlich positiven Eindruck seines Debüts »Stadt der Verlierer«.

Der Mann kann tatsächlich schreiben und hat seine Story jederzeit im Griff. Sein Detektiv Spandau ist keine zynische Schnodderschnauze und das hebt ihn so wohltuend aus der Massenware hervor. Stattdessen erleben wir einen Mann mit Charakter und Prinzipien, der weder durch eine weinerliche Nabelschau langweilt noch durch diverse Süchte oder ein desolates Familienleben belastet ist.

Klischeefrei, spannend, wendungsreich, mit interessanten Charakteren bis hinein in die kleinste Nebenfigur und von einer luftigen Leichtigkeit, die man viel zu selten erlebt. Vor allem bei Krimis. Hier hält man während der Lektüre manchmal inne, nur um sich zu bestätigen, wie viel Spaß man gerade beim Lesen hat. Das ist perfekte Unterhaltung. Ich freue mich bereits auf den nächsten Spandau-Roman.

Daniel Depp: Nächte in Babylon | Deutsch von Regina Rawlinson
Carl’s Books 2011 | 352 Seiten | Jetzt bestellen

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