Daniel Depp: Stadt der Verlierer»Wir arbeiten jetzt für Bobby Dye. Das wollte ich dir bloß gesagt haben.«

»Super. Und was genau machen wir für ihn?«

»Er wird erpresst.«

»Ich dachte, sein Leben wird bedroht.«

»Das war gestern«, sagte Spandau. »Heute wird er erpresst. So schnell kann’s gehen im Showbusiness.«

Das erste Kapitel des Buches macht keinen besonderen Eindruck. Zwei kleine Gauner sollen eine minderjährige Drogentote aus einer Hollywood-Villa entsorgen, poltern tollpatschig und labernd durch die Szene. Von Dialogen erwartet man, dass sie geschliffen, witzig oder zumindest interessant sind. An dieser Stelle sucht man vergebens. Streitereien zwischen zwei grenzdebilen Kleingangstern in epischer Breite darzustellen, mag zwar seit Tarantino als hip gelten oder ein Versuch von Authenzität sein, aber hier wirkt es nur ermüdend.

Dieser erste Eindruck wird im zweiten Kapitel sofort weggewischt: Auftritt David Spandau, ehemaliger Stuntman, Gelegenheits-Rodeoreiter und Privatdetektiv mit Fachgebiet Hollywood, in Armanianzug und Cowboystiefel. Eine prägnante Figur, die zwar das Genre nicht neu erfindet, aber einen soliden guten Eindruck macht. Mit einer guten Hauptfigur steht man bereitwillig einiges durch, sogar einer mittelmäßigen Story.

Seien wir ehrlich, keiner mag »Big Lebowski« so sehr wegen seiner Krimihandlung. Die ist auch hier schnell erzählt: Berühmter Hollywoodstar wird wegen des toten Mädchens vom Anfang erpresst, in dem grottigen Filmdebüt eines Nachtclubbesitzers mitzuspielen. Spandau soll es richten.

Er ruft seinen Freund Terry McGuinn zur Hilfe, einen kleinen, trinkfesten Iren mit Kampfsporterfahrung. Zunächst muss man ihn für den klassischen Sidekick halten, doch schnell zeigt sich, dass er weit mehr ist, als der Handlanger und Stichwortgeber des Helden. Am Ende wird er sogar zur tragischen Figur des Romans.

In der zweiten Hälfte tritt Spandau immer mehr in den Hintergrund und überlässt verschiedenen Nebenfiguren die Bühne, unter anderen einem Nachtclubbesitzer mit Mafiaverbindungen, seinen beiden Schlägern und der begehrten Geschäftsführerin des Clubs. Depp zeigt sehr viel Sympathie für seine Figuren und scheint sogar einigen üblen Figuren ein Happy End zu gönnen. Doch er ist ein gewitzter Autor und lässt seine kleinen Loser nur deshalb ihr Kinn heben, um es in eine bessere Position für den endgültigen Niederschlag zu bringen. Das ist mal mehr, mal weniger überraschend, aber immer packend und oftmals ergreifend.

Das Buch erinnert sehr an die Romane von Elmore Leonard, nur etwas gefälliger in der Handlungsführung. Hollywood eben. Dass dort jeder jeden betrügt und die Stadt L.A. ein Haifischbecken ist, sind nicht unbedingt neue oder überraschende Erkenntnisse. Man muss auch kein Insider sein, um sich das Schicksal alternder Schauspieler vorzustellen, die keine Rollenangebote mehr bekommen und in der Versenkung verschwinden. Was mir jedoch sehr gefallen hat, sind die positiven Aspekte, die der Autor seiner Stadt abgewinnt.

Spandau war nie klargewesen, warum er hier wohnen blieb und was ihn immer wieder nach L.A. zurückkehren ließ, bis er eines Nachts in Nevada mit einem betrunkenen Cowboy ins Gespräch gekommen war, der sich in eine abgetakelte Nutte verliebt hatte. Schon wahr, sagte der Cowboy, sie sei alt, geldgeil und komplett verlottert. Aber wenn sie schlief, hatte sie manchmal das Gesicht eines jungen Mädchens, und in dieses junge Mädchen verliebte sich der Cowboy immer wieder neu. Außerdem fügte er noch hinzu, habe sie, wenn sie in der richtigen Stimmung sei, Tricks auf Lager, mit denen sie einen Mann unendlich glücklich machen könne.

Daniel Depp ist der Halbbruder des Schauspielers Johnny Depp und war für das Drehbuch zu dessen Regiedebüt »The Brave« in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Sein Romandebüt »Stadt der Verlierer« ist eine angenehme und sehr unterhaltsame Lektüre mit einem Helden, der tatsächlich Profil besitzt und nicht nur aus einer Ansammlung von Eigenschaften besteht. Laut Klappentext schreibt der Autor bereits an einem zweiten Spandau-Krimi. Ich werde ihn lesen.

Daniel Depp: Stadt der Verlierer | Deutsch von Regina Rawlinson
C. Bertelsmann 2009 | 318 Seiten | Jetzt bestellen

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