Clifford Jackman: Winter Family»Mister Empire, ich habe keinen falschen Eindruck von ihnen«, sagte Service. »Für Sie ist dieser Krieg nichts weiter als eine Gelegenheit zu kriminellen Handlungen. Ich weiß das, und der Lieutenant weiß es auch.«

Empire blieb stehen, und Service folgte seinem Beispiel.

»Nun ja«, sagte Empire. »Was ist Krieg denn anderes als das Aussetzen der sonst gültigen Regeln? Und warum sollte man nicht von diesem kleinen Ausflug ein wenig profitieren, wenn es möglich ist?«

»Es gibt Regeln für die Kriegsführung«, sagte Service.

»Regeln? Für das hier? Für das, was wir tun?«

Der Roman beginnt im Jahr 1889, springt dann zurück ins Jahr 1864, zur Zeit des Bürgerkrieges, und erzählt über mehrere Stationen die Geschichte der Winter Family. Der Leser erfährt, wie sich die Figuren, die man im Prolog kennengelernt hat, getroffen haben und zu jenen Persönlichkeiten wurden, zwischen denen es am Ende eskaliert. Die einzelnen Personen trafen im Krieg aufeinander, standen teilweise sogar auf verschiedenen Seiten und taten sich anschließend zusammen, um raubend und mordend durch das Land zu ziehen. Namensgeber der Gruppe ist der psychopathische Augustus Winter, der auf seiner Reise wohl kein bekanntes Verbrechen auslässt und seine Probleme ausschließlich mit Gewalt löst.

Dies ist kein Western für John-Wayne-Fans. Helden sucht man hier vergebens, aber selbst ansatzweise normale Menschen tauchen nur selten auf und meist als Opfer. Im Grunde ist auch die Kategorie Western viel zu eng für »Winter Family«. Viel zutreffendere Genres wären der historische Roman oder der Kriegsroman. Abgesehen von technischen Errungenschaften könnte das erste Drittel der Handlung auch in jedem anderen Kriegsgebiet zu jeder anderen Zeit stattfinden.

Im Mittelteil, der in Chicago spielt, wirkt der Roman wie ein Kriminalroman. Die Winter Family soll dort helfen, eine Wahl zu beeinflussen. Auch die Großstadt kann den wilden Haufen nicht bezähmen, wütet dort ähnlich wie in der Wildnis. Anschließend verfolgt der Leser das Psychoduell zwischen einen Sheriff und einem Kindermörder, bevor beide den Weg der Winter Family kreuzen. Immer weiter geht die Reise und führt zu den dramatischen Ereignissen aus dem Prolog.

Der Roman ist eine Mischung aus Cormac McCarthy und Larry McMurtry. So düster hat nicht einmal Quentin Tarantino den Wilden Westen gezeichnet. Mich hat das Buch sehr an Tom Franklins Romane »Smonk« und »Die Gefürchteten« erinnert, obwohl es an deren berauschenden Irrsinn nicht ganz heranreicht.

»Winter Family« ist düster, unglaublich spannend und in seiner Weltsicht verstörend. Die Charakterzeichnung bleibt zwar meist an der Oberfläche und an manchen Stellen droht das Personal unübersichtlich zu werden, aber dennoch entfaltet der Roman eine Wucht, die einen immer weiterlesen lässt. Das Buch lag sehr lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weil ich immer anderen den Vorzug gab. Als ich schließlich anfing, es zu lesen, konnte ich gar nicht mehr aufhören und las es an einem Wochenende durch. Da es keine Helden gibt, ist die Handlung nie vorhersehbar. Alles ist möglich und meist wählen die Figuren den übelsten Weg.

»Winter Family« von Clifford Jackman ist eine klare Leseempfehlung. Eine Fortsetzung, die Novelle »California 1901«, wurde bereits als E-Book veröffentlicht.

Clifford Jackman: Winter Family | Deutsch von Robert Brack
Heyne Hardcore 2016 | 512 Seiten | Jetzt bestellen

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