Barbara Gowdy: Der weiße Knochen

Vor Barbara Gowdys Imaginationskraft kann man nur niederknien. Es bedarf ja schon einiger kognitiver Leistung, um fremde Welten in Science Fiction oder Fantasy literarisch zum Leben zu erwecken, mit fremden Lebensformen, deren Sozialverhalten und Glaubenswelten sich von den humanoiden eklatant unterscheiden, doch diese Mittel anzuwenden auf real existierende Wesen, die uns mindestens aus Funk und Fernsehen vertraut sind, und das dann auch noch schlüssig, das ist bemerkenswert. Mit »Der weiße Knochen« taucht man nämlich ab in die Welt von Elefanten und deren Mitbewohner. Doch weil sich unsere Spezies nicht ausschließlich durch eine solche Empathie auszeichnet, wie es bei der Kanadierin Gowdy der Fall ist, stellt sich die Welt dieser Giganten nicht eben als schreckensfrei dar. »Der weiße Knochen« fesselt bis zuletzt, brutal, erschütternd, liebevoll und mit Humor.

Wir begleiten vornehmlich Matsch, eine Elefantenkuh, die zu Beginn der Geschichte ihren Kuhnamen erhält, weil ein Bulle ihr den Kälbertunnel grub – und gleich mit dem ersten Kapitel zieht Gowdy die Leserschaft mitten hinein in diese kuriose Welt der Elefanten. Das erste Fünftel des Buches stellt vornehmlich eine Positionsbestimmung dar, eine Orientierungshilfe, um sich als Lesender in dieser komplexen Welt zurechtzufinden. Der Kälbertunnel, das ist der weibliche Geschlechtsbereich, und ein Bulle macht mit seiner ersten Besteigung ein weibliches Kalb zur Kuh. Das nun widerfährt Matsch, und sobald dieser Moment eintritt, wählen die anderen Kühe aus der Familie einen Sippen-Kuhnamen für sie, der mit Sie beginnt und gefolgt ist von einem Wort, das mit dem Sippenbuchstaben startet. In Matschs Falle fällt die Wahl der anderen Sie-Schs auf Sie-Schmollt, was sie schmollend ablehnt und damit bestätigt.

Dieses erste Fünftel ist möglicherweise etwas zäh, weil man sich orientieren muss und weil darin gefühlt eher wenig Handlung stattfindet, aber sobald eine handlungsrelevante Zäsur eintritt, begreift man, wie wichtig diese Sequenzen sind, mit ihren Rückblicken und Erläuterungen. Denn diese Zäsur bedeutet den Tod großer Teile der Bezugsfamilie von Matsch, ausgelöst durch von den Elefanten sogenannte Hinterbeiner, also Menschen, Wilderer, die ein Blutbad unter den Tieren anrichten und nur wenige entkommen lassen. Und da beginnt die eigentliche Geschichte, die frei auf den Erfahrungen fließt, die man im ersten Fünftel machte, und man fließt nun freihändig mit.

Fortan begleitet man nicht nur Matsch, sondern auch zwei wichtige Bezugstiere, nämlich ihre Freundin Dattelbett sowie Langschatten, den Bullen, der sie bestieg. Was sie drei verbindet, ist die Suche nacheinander und die nach dem mythischen Weißen Knochen, von dem es heißt, dass er, in die Luft geworfen, bei seiner Landung den Weg zeigt zum Sicheren Ort, einem Sehnsuchtsort, der umso dringlicher ein Ziel für die Tiere darstellt, seit sie das Schlachten miterleben mussten, und seit eine entsetzliche Dürre über das Land hereinbrach.

Auch jetzt ist es weniger die Handlung, die das Buch auszeichnet, als das, was Gowdy sich als Träger der Geschichte ausdenkt. Die Elefanten sind strukturiert, jeder hat bestimmte Eigenschaften und damit Rollen in der Familie. Manche haben Visionen, manche können Omen deuten, manche können in Gedanken sprechen, und das dann auch mit anderen Tieren. Zudem gibt es auch in diesen Familien diverse Charaktere, von Gowdy herzlich porträtiert, mit Sturheit, Egozentrik, Empathie, Trauer, Verrücktheit und mehr. Man gewinnt die Elefanten lieb, und das bereits im ersten Fünftel, was die genannte Zäsur umso furchtbarer macht.

Nicht nur haben die Elefantenfamilien eigene Wesenszüge, es gibt sogar Familien, die nicht mit Sie beginnen, sondern mit Wir, weil sie intelligenter sind, somit überheblicher, sich aber als weniger widerstandsfähig erweisen. Deren Augen senden grüne Strahlen aus; das klingt wirr, aber man glaubt es Gowdy. Ebenso, dass manche Elefanten ihre Imagination für Erinnerung halten, dass sie – auch aufgrund ihres sprichwörtlichen Nicht-vergessen-Könnens – gelegentlich in solchen und in echten Erinnerungen verweilen, dass sie unendlich weit riechen und kommunizieren können und mehr. Mittlerweile hat man sich auch daran gewöhnt, dass einem die Elefanten als zivilisiert dargestellt werden, sie aber gleichzeitig koten und urinieren, sobald sie emotional aufgewühlt sind, dass sie Exkremente und Erbrochenes essen und dass auch ihre Sexualität nichts so Privates ist wie bei den Menschen, die sie trotz einer annährend anthropomorphen Darstellung eben nicht sind. Da erzählt Gowdy radikal, aber effektiv, denn dieser Holzhammer ist nötig, um während der Lektüre nicht auf die Idee zu kommen, dass man eigentlich doch wieder nur Menschen begleitet. Sondern die Siejenigen, wie die matriarchalisch ausgerichteten Elefanten sich selbst nennen, angelehnt an ihre Gottheit, die Sie, deren Auge die Sonne ist. Ganz nebenbei handelt Gowdy überdies auch noch spirituelle Diskurse ab, man staunt.

Noch mehr Imaginationskraft belegt Gowdy bei der Beschreibung der anderen Tiere. Deren Welten sind handlungsrelevant, weil jede Absurdität etwas zum Fortgang der Geschehens beiträgt, und zudem abermals so schlüssig erdacht, als könnte Gowdy wahrhaftig in die Seelen der Tiere blicken. Adler halten ihr Spiegelbild, das sie beim Überfliegen von Gewässern sehen, für ihr Geister-Ich. Wildhunden glimmt ein Feuer hinter den Augen. Mangusten wiederholen im Chor jedes Wort mehrfach, bis sie endlich einen vollständigen Satz zusammen haben. Auch die Lebenswahrheit von Gnus, Nashörnern, Straußen und vielen anderen Tieren bringt einem Gowdy nahe, und man wähnt sich in einem SciFi- oder Fantasyroman voller absurd-exotischer Wesen mit kuriosen Glaubenssätzen, nur dass die Autorin diese auf Tiere der afrikanischen Steppe anwendet. Das ist verblüffend.

Dafür verwendet Gowdy eine beinahe sachliche Sprache, was die Authentizität der Inhalte nur steigert, und durchsetzt sie mit poetischen, blumigen Bildern und einem entwaffnenden Humor. Die Dialoge zwischen den Elefanten sowie den anderen Tieren folgen den jeweiligen Charaktereigenschaften und bekommen dadurch eine doppelte pointierte Schlagkraft, auch schildert Gowdy manche Geschehnisse mit Lakonie. Im Rahmen der mühseligen Begebenheiten ereilen einen solche ironischen Momente umso überraschender, man bricht oft in lautes Lachen aus. Das tut gut, weil die Geschichte selbst nicht darauf angelegt ist, lustig zu sein, im Gegenteil, bereits im Vorwort deutet Gowdy an, dass es der Mensch ist, der den Elefanten die Existenz streitig macht, und dieser Umstand hängt als unvermittelt zustoßendes Damoklesschwert über dem gesamten Buch.

Ohne Kenntnis des Originals muss man der Übersetzung von Ulrike Becker und Claus Varrelmann ausnehmend dankbar sein. Vergleicht man etwa die teils furchtbaren deutschsprachigen Namensgebungen bei Terry Pratchett, sind die hier in »Der weiße Knochen« gefundenen Bezeichnungen ausnehmend passend, sie nisten sich beinahe gemütlich im Herzen der Leserschaft ein. Man mag einfach Wesen, die Hagelkorn, Sturm oder Blitz heißen. Brillant ist der Name Mir-Mir für die hinterlistige Gepardin, die den Elefanten suggeriert, den Weg zum Sicheren Ort zu kennen, ihn jedoch ausschließlich im Tausch gegen eines der Kälber als Mahlzeit verraten will. Kurios ist einzig, dass die trächtigen Elefantenkühe von den ungeborenen Kälbern in ihren Leibern bereits als »Neugeborene« sprechen.

Diesem Buch muss eine immense Recherche zugrunde liegen. Gowdy zeichnet diese Wanderungen so plastisch, als wäre »Der weiße Knochen« nicht einfach ein Roman, sondern eine Mitschrift. Man taucht bereitwillig ab in diese Welt, man lässt sich von ihrem Sog mitreißen, und man ist emotional aufgewühlt über all das, was das Arschloch Mensch mit seinem Planeten anrichtet. Das Böse hier ist stets der Mensch; so verschlagen manche anderen Tiere hier auch sein mögen, an die Tödlichkeit der Hinterbeiner kommt keines heran. Wir wissen ja selbst, dass es auf der Erde keinen Sicheren Ort gibt.

»Der weiße Knochen« ist eine Empfehlung von Hardy Crueger.

Barbara Gowdy: Der weiße Knochen | Deutsch von Ulrike Becker und Claus Varrelmann
Unionsverlag 2013 (Original 1998, Antje Kunstmann 1999) | 320 Seiten | Jetzt bestellen