Salman Rushdie: Die elfte Stunde

In jener Nacht, der Nacht des neuen Millenniums, schien nur ein Sichelmond – laut Almanach die dritte Nacht nach Neumond -, doch leuchtete er trotzdem hell, weshalb Raheem und Meena ihre Tochter nach diesem prophetischen Mondlicht benannten. Chandni. Chandni Contractor. Das ist unser Mädchen.

Eines aber will ich klarstellen. Diese Chandni ist nicht das Milliarden-Dollar-Baby, von dem schon die Rede war. Ach was, nein. Sie wuchs heran und wurde, könnte man behaupten, nicht eine, sondern gleich zwei bedeutende Persönlichkeiten, erst die gefeierte Musikerin von Kahani und danach, wie wir noch sehen werden, die Mutter jenes gewissen Babys.

Der Erzählband beginnt mit der kürzesten Geschichte. Zwei alte Männer leben in benachbarten Wohnungen. Vorgeblich können sie sich nicht leiden, möchten einander aber auch nicht missen. Eine Geschichte über das Leben, das Alter und die Verluste, die dazu gehören.

Die meisten der fünf Geschichten in diesem Band handeln von älteren Menschen und ihrer Nähe zum Tod. In »Saumselig« geht Rushdie sogar noch darüber hinaus und berichtet von einem verstorbenen Professor, der als Geist an seine Uni zurückkehrt. Doch trotz dieser Thematik sind die Erzählungen keineswegs altersmilde oder versöhnlich, die aktuelle Weltlage ist stets präsent.

Ich bin ein großer Fan von Salman Rushdie. Er hat einen hervorragenden Stil, einen guten Humor und einen klaren Blick auf die Welt. Ich bin erst spät in sein Werk eingestiegen, aber dieser Umstand erfüllt mich weniger mit Bedauern als mit großer Vorfreude auf alle Bücher von ihm, die noch vor mir liegen.

Trotzdem hat dieser Erzählband bei mir einen etwas durchwachsenen Eindruck hinterlassen. Jede einzelne Geschichte hat mehrere Passagen, die ich für absolut meisterhaft halte, aber mit den beiden längeren Erzählungen konnte ich mich einfach nicht anfreunden, und die beiden kürzeren empfand ich – was man Kurzgeschichten nicht wirklich vorwerfen kann – als zu kurz.

Aber dann gibt es noch »Die Musikerin von Kahani«, und diese Erzählung geht in die Vollen. Die Geschichte eines musikalischen Wunderkindes ist von Anfang bis Ende faszinierend und beweist eindrucksvoll, was Erzählen bedeutet. Verfasst im lockeren Plauderton eines namenlosen Erzählers ist sie gleichzeitig humorvoll und tragisch. Und darüber hinaus so komplex, dass der Stoff für einen kompletten Roman gereicht hätte. Diese knapp 90 Seiten sind von einer Schönheit und Perfektion, dass sie allein den Kauf des ganzen Buches lohnen.

Salman Rushdie: Die elfte Stunde | Deutsch von Bernhard Robben
Penguin 2025 | 288 Seiten | Jetzt bestellen