Nick Harkaway: TigermanDer Sergeant und der Junge, der sich selbst Robin nannte, saßen auf den Stufen des alten Missionshauses und beobachteten, wie eine Taube von einem Pelikan verschluckt wurde.

Das Ganze kam überraschend für alle Beteiligten, offenbar nicht zuletzt für den Pelikan, der sich geistesabwesend darauf eingelassen hatte und nun zu wünschen schien, er hätte es bereits hinter sich. Von Natur aus war er ein friedfertiger Vogel, doch die Taube hatte seine Geduld schon seit Monaten überstrapaziert.

Sergeant Lester Ferris ist der letzte Vertreter Großbritanniens auf Mancreu. Offiziell weilt er als Ehrenkonsul auf der Insel, doch inoffiziell erfüllt er eher die Rolle eines Sheriffs auf verlorenem Posten. Das Ökosystem von Mancreu ist durch die Skrupellosigkeit von Chemiekonzernen komplett verseucht, deshalb soll die Bevölkerung evakuiert werden, bevor man die Insel zerstört. Der drohende Untergang lockt allerhand profitgieriges Gesindel auf die Insel und Lester steht auf verlorenem Posten.

Ein comicbesessener Junge, der in Lester Vatergefühle weckt, fordert ihn zum Widerstand auf. Als Lester eine Gruppe schwerbewaffneter Attentäter mit einer Bratpfanne besiegt und anschließend im volltrunkenen Zustand nach einer Beerdigung einen ausgewachsenen Tiger durch ausdauerndes Kraulen zum Schnurren bringt, ist er für den jungen Comicfan zum Superhelden gereift. Er tauft Lester auch Tigerman. In einem selbstgebastelten Kostüm tritt er für die Bewohner der Insel ein, und da er als Superheld Schusswaffen ablehnen muss, zieht er mit dem übrigen Teil seiner militärischen Ausrüstung und diversen Haushaltswaren in den Kampf.

»Tigerman« ist Harkaways drittes Buch und der dritte Knaller in Folge. Dabei könnten seine Romane inhaltlich kaum unterschiedlicher sein. »Die gelöschte Welt« war ein postapokalyptischer Science-Fiction-Roman, »Der goldene Schwarm« ein Mix aus Abenteuer-Gangster-Agenten- und Steampunk-Roman und nun diese Mischung aus einer Graham-Greene-Geschichte mit einem Batman-Comic.

Es ist der unverwechselbare Stil des Autors, der sich in jedem Genre entfaltet. Im Grunde macht er das Gleiche wie Quentin Tarantino. Er nimmt sich altbekannte Versatzstücke und erzählt sie auf bestmögliche Weise.

Zu Beginn des Romans schlurft man gemütlich in das Inselleben hinein, lernt die Bewohner und ihre Macken kennen und sieht erste dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Dann geht es Schlag auf Schlag. Großartige Actionszenen, dramatische Entwicklungen und herrlicher Slapstick. Und schließlich das Ende. Meine Güte, was für ein Ende: Überraschend, herzzerreißend und einfach großartig.

»Tigerman« eignet sich sehr gut zum Einstieg in das kunterbunte Werk dieses herausragenden Autors. Auch dieses Buch kann man mehrmals mit Genuss und Zugewinn lesen. Es ist Harkaways zugänglichstes Werk, mit einer stringenten und leicht nachvollziehbaren Handlung. Doch die Abschweifungen, die Fabulierfreude und die bissigen Kommentare zur Welt, in der wir leben, stehen jenen in seinen ersten Büchern in nichts nach.

Harkaway wechselt zwischen Szenen von absurdem und teilweise zynischem Humor, der einfach Freude bereitet, und solchen von unglaublicher Härte, die Grausamkeiten zeigen, von denen man genau weiß, dass sie gerade irgendwo auf diesem Planeten so oder so ähnlich geschehen. Er verpackt seine Kritik zwar in comichafte Bilder, doch das entschärft sie nicht im Geringsten.

Diese Mischung funktioniert, weil der Humor nie den Ernst der Geschichte verwässert und er andererseits gebraucht wird, um den Rest zu ertragen. Denn im Grunde erzählt »Tigerman« eine unglaublich deprimierende Geschichte von Imperialismus, Ausbeutung, Umweltzerstörung, Verrat, Drogenhandel, Tierquälerei und Einsamkeit.

In den Händen eines Könners wird dies zu einem großartigen Buch, und Harkaway ist ein Könner, das stellt er mit jedem Buch erneut unter Beweis. Bald wird dann in Rezensionen auch nicht mehr auf sein Verwandtschaftsverhältnis zu einem anderen berühmten Autoren hingewiesen werden. Es sei denn, irgendwann steht in einer Rezension zu einem neuen Buch von John Le Carré der Hinweis, es handele sich bei ihm um den Vater von Nick Harkaway.

Nick Harkaway: Tigerman | Deutsch von André Mumot
Knaus 2015 | 445 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. » …da er als Superheld Schusswaffen ablehnen muss, zieht er mit dem übrigen Teil seiner militärischen Ausrüstung und diversen Haushaltswaren in den Kampf.«

    Das erinnert mich an die tschechische Jules-Verfilmung »Auf dem Kometen« von Karel Zeman, wo man Saurier mit scheppernden Kochtöpfen in die Flucht schlägt, da Gewehre und Kanonen keine Wirkung zeigen.

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