Jonathan Safran Foer: Here I Am»Here I Am« (deutsch »Hier bin ich«, übersetzt von Henning Ahrens) ist der dritte Roman des jüdischen Bestsellerautors Jonathan Safran Foer nach »Everything is Illuminated« (»Alles ist erleuchtet«) von 2002 und »Extremely Loud and Incredibly Close« (»Extrem laut und unglaublich nah«) aus dem Jahr 2005. In »Alles ist erleuchtet« erzählte Foer, der aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden stammt, die Vernichtung eines jüdischen Schtetls in Polen durch die Nationalsozialisten mithilfe einer humorvoll gebrochenen Sprache und kunstvoll miteinander verwobenen Erzählsträngen. In »Extrem laut und unglaublich nah«, formal kaum weniger gewagt, stellte er die Anschläge des 11. Septembers und die Luftangriffe auf Dresden während des Zweiten Weltkriegs in einen Zusammenhang.

Im Gegensatz zu diesen Werken, die beide erfolgreich verfilmt wurden, ist »Here I Am« stilistisch wesentlich weniger innovativ. Nur wenige Rezensenten, darunter Daniel Menaker von der New York Times, sehen eine formale Kontinuität. Menaker sieht »Here I Am« sogar auf einer Stufe mit T. S. Eliots »The Waste Land«, einem der wegweisendsten Gedichte der modernen Literatur: Schließlich beinhalte auch »Here I Am« widersprüchliche Darstellungen derselben Ereignisse und baue textuelle Fremdkörper ein – Zitate aus Chatrooms, Nachrichten, Drehbüchern.

Umstritten unter den Rezensenten ist auch: Sind Sprüche wie »In all of human history, nothing has ever gone away on its own«, »Living the wrong life is far worse than dying the wrong death«, »Recklessness is the only fist to throw at nothingness« Weisheiten, leere Phrasen oder nur Glückskeksniveau, wie Nicholas Lezard im Evening Standard meint? Der Roman bietet jedenfalls genug solcher Sentenzen.

Zumindest inhaltlich entwirft Foer auch in »Here I Am« ein gewagtes Szenario: Er lässt den Staat Israel nach einem Erdbeben in einen Krieg geraten. Doch die Zukunftsvision wirkt wenig überzeugend und nicht wirklich durchdacht. Rezensent Jonathan Dee schreibt im Harper’s Magazine, er habe den Eindruck, Foer hätte dieses Untergangsszenario mit großem Tamtam ins Leben gerufen, dann aber nicht so recht gewusst, was er damit anfangen solle. Für Jason Cowley (Financial Times) zeigt es Foers lückenhaftes Verständnis der geopolitischen Lage: Das Erdbeben führt in dem Roman zur raschen Vereinigung »der muslimischen Welt«, etwa zu einem vereinten Jordanien und Saudi Arabien oder einem Bündnis zwischen der Hisbollah und dem IS. »Wer’s glaubt«, ist Cowleys knapper Kommentar.

Aber der epochale Krieg passiert auch erst in der zweiten Hälfte des fast 600 Seiten langen Buchs. Die erste Hälfte liest sich eher wie ein ganz gewöhnliches Familiendrama. Es geht um das jüdische Ehepaar Jacob und Julia Bloch und die schleichende Zerstörung ihrer Ehe. Sie haben drei gesunde Kinder und einen Hund, leben gut situiert in Washington D.C. und haben sich im Lauf der Jahre entfremdet, ohne sagen zu können, wie genau ihnen das nur passieren konnte. Sie wirken beide ein bisschen so, als hätten sie einen Burnout bekommen vor lauter Anstrengung, gute Eltern zu sein, wobei Julia darunter vor allem schadstofffreie Matratzen und viel Gemüse zu verstehen scheint und Jacob sich ihr widerwillig anpasst, aber gegen ihre Regeln verstößt, sobald sie wegschaut. Keiner von beiden weckt so richtig die Sympathie des Lesers, noch scheint dem Autor sonderlich viel an ihnen zu liegen: Kann man überhaupt Mitleid empfinden mit einen Paar, fragt Alex Clark in seiner Rezension im Guardian, das für seinen zehnten Hochzeitstag ein Essen in einem Restaurant plant, auf das sie in einem Magazin für »wohlüberlegtes Leben« aufmerksam geworden sind? Julia verschwindet nach der Trennung sowieso fast völlig aus dem Text, der Leser erfährt nicht mehr viel von ihr.

Auslöser für ihr endgültiges Zerwürfnis ist, dass Julia ein Handy findet, das Jacob benutzt, um mit einer Arbeitskollegin Nachrichten sexueller Natur auszutauschen. Und doch ist Jacobs nie real gewordene Untreue nicht der Grund für die Trennung. Vage im Hintergrund steht die Frage, wer schuld war an einem Unfall, bei dem der älteste Sohn Sam an der Hand verletzt wurde, und Jacobs wahrscheinlich von einem Mittel gegen Haarausfall verursachte Potenzprobleme.

Entsprechend unentschlossen sind Julia und Jacob, ob sie zusammenbleiben sollen oder nicht. Mehrmals proben sie die Ankündigung der Scheidung für die Kinder. Interessant ist Foers detaillierte Beschreibung der schleichenden Entfremdung des Paares, ihres Familienalltags und vor allem ihrer Dialoge, die oft ebenso sehr das aktuell stattfindende Gespräch thematisieren wie den Gesprächsgegenstand: »nice vocab«, »It’s way too late in this conversation for that.«

Offensichtlich wollte Foer einen Zusammenhang herstellen zwischen dem Untergang Israels und dem Scheitern der Ehe der Blochs, nur welchen – das ist vielen Lesern nicht ganz klar geworden. Rezensent Clark hat eine Parallele ausfindig gemacht, und zwar das zerstörerische Festhalten an bedeutungslos gewordenen Ritualen – religiösen wie familiären. In beiden Fällen, dem Untergang der Ehe und Israels, geht es viel um die Frage nach Identitäten, Loyalitäten und wo man zu Hause ist. Jacob stellt fest, dass er in seiner Rolle als Vater und Ehemann nicht mehr er selbst sein kann. Als Amerikaner fragen sich alle Blochs, vor allem die Kinder, worin ihre jüdische Identität besteht, und dann kommt auch noch die Verwandtschaft aus Israel zu Besuch. Neffe Tamir konfrontiert Jacob mit der Frage, was Israel ihm bedeutet, und lässt seine Probleme im Vergleich zum Krieg dort unzulänglich erscheinen. Das verstärkt Jacobs Gefühl, nicht wirklich zu leben. Lebendig gefühlt hat er sich nur einmal, als er als Kind ins Löwengehege im Zoo einbrach – natürlich nur auf Drängen seines Cousins Tamir.

Jedenfalls ist das Ehedrama spannender erzählt und überzeugender als das Chaos um Israel. A. D. Scott stellt im Atlantic Magazine fest, dass das Schicksal der Palästinenser Foer zumindest innerhalb des Romans völlig kaltlässt. Auch seine Beschreibung von Israelis sei nicht viel weniger oberflächlich und nicht einmal für Lacher gut, kritisiert Alexnader Nazaryan in der L. A. Times. Scott hält das Werk für Foers unabsichtlichen aber bedeutenden Beitrag zum Genre »Männliche Midlife Crisis der Generation X«, es lobe Selbstgefälligkeit, Bescheidenheit, Vorsicht und feiere die Kleinheit des Lebens. Meinem Eindruck nach beklagt der Text diese Kleinheit eher. Würde Foer sonst die Entwicklung der Blochschen Ehe so beschreiben?

They had another child. They considered whether a rug would hold its value, knew which of everything was best (Miele vacuum, Vitamix blender, Misono knives, Farrow and Ball paint), consumed Freudian amounts of sushi, and worked harder so they could pay the very best people to take care for their children while they worked. They had another child.

Vielleicht hat »Hier bin ich« so viele Leser enttäuscht, weil es natürlich an den beiden herausragenden Vorgängerromanen von Jonathan Safran Foer gemessen wird. Cowley vermutet, dass sich die Lektoren wegen des Status des berühmten Jungautors nicht einmal getraut haben, das Nötigste am Text zu ändern. Die Kommentare vieler weiterer Rezensenten sind ebenfalls eher vernichtend. Alexander Nazaryan etwa nennt das Werk »freudlose Prosa über freudlose Leute« und »nervig zu lesen«, sogar Supermarktliteratur erfülle besser Kafkas Vorgabe, ein Roman solle eine Axt für das zugefrorene Meer in uns sein. Er schlägt vor, Foer hätte Jacob in den Krieg schicken sollen, weil ein im Westjordanland stationierter verweichlichter Yale-Absolvent die bessere Geschichte ergeben hätte. Möglich. Ohne den Vergleich zu Foers ersten beiden Romanen, auch darin sind sich viele Rezensenten einig, wäre »Here I Am« jedoch leidlich unterhaltsam und größtenteils spannend zu lesen.

Bleibt noch die Frage nach der Bedeutung des Titels. »Hier bin ich« ist ein Zitat aus der biblischen Geschichte, in der Gott Jakob auffordert, seinen Sohn Isaak zu opfern. Natürlich wirft Foer die Frage auf, wie bereit die in der Diaspora lebenden Juden sind, sich in seinem Roman für Israel einzusetzen, und wer von den Blochs für wen da ist. Foer lässt eine von Sams Schulfreundinnen in einer Diskussion über Hamlets »sein oder nicht sein« antworten: sowohl sein als auch nicht sein, passend zu Jacobs Unentschlossenheit, ob er sich scheiden lassen soll oder nicht. Auch »Here I Am« ist eine mögliche Antwort auf »sein oder nicht sein«. Geopfert wird in dem Buch am Ende nur der alte, inkontinente Hund der Familie, den Jacob etwa zeitgleich mit der Scheidung einschläfern lässt. Er ist das überzeugendere und berührendere Symbol der Ehe als der fiktive Krieg. Als es soweit ist, sagt Jacob dem Hund, dass er bei ihm ist. Erst in dem Moment, als es passiert, erkennt Jacob, dass er beides nicht wollte – die Scheidung und das Einschläfern. Aufhalten kann er es trotzdem nicht.

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Deutsche Ausgabe:
Jonathan Safran Foer: Hier bin ich | Deutsch vom Henning Ahrens
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