Frank Schäfer: Der CouchrebellNichts ist so komisch wie das Scheitern. Dieser alten Komödieningredienz scheint sich der Braunschweiger Buchautor und Journalist Frank Schäfer, Verfasser geistreicher Kolumnen und Essays (u.a. für Rolling Stone, NZZ, taz, Titanic und ZEIT-Online) sehr wohl bewusst. In seinem jüngsten Buch »Der Couchrebell« rollt er für sich und seine Altersgenossen höchst unterhaltsam die rebellischen Momente in seinem Leben auf – mit den erwartet tiefen Abgründen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Anspruch und Realität.

In 13 kurzen Geschichten berichtet Schäfer vom Scheitern als Schwachstromgitarrist einer mehr oder weniger erfolgreichen Heavy Metal Band, von den zwar lustigen, aber auch deprimierenden Bühnenerfahrungen als Mitglied des mehr oder weniger erfolgreichen Lese-Ensembles »Read `em All«, welches sich seit Jahren mit stoischer Energie darum bemüht, Literatur und laute Musik für harte Jungs in einen gefeierten Einklang zu bringen. Oder auch von den teils erfreulichen, teils unerfreulichen Auseinandersetzungen und Übereinstimmungen mit dem eigenen Sohnemann (Chefchen), der ihm mit wachsendem Selbstbewusstsein – und mitunter ziemlich despektierlich – die Rolle des ersten Rebellen in der Familie streitig macht.

Seine sehr persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse verknüpft Schäfer geschickt mit Sternstunden der Rebellion aus Pop- und Literaturgeschichte. Henry David Thoreaus »Walden«, Herman Melvilles »Bartleby, the Scrivener«, Robert L. Stevensons »Dr. Jekyll and Mr. Hyde«, Jack Kerouacs »On the Road«, Anthony Burgess’ »Clockwork Orange« oder auch Uli Beckers Sentimental Journey »Alles kurz und Klein« gehören hiernach zur Grundausstattung für den ehrgeizigen Renegaten.

Der promovierte Literaturwissenschaftler Frank Schäfer erblickte 1966 das Licht der Welt. Lesern, die das gleiche oder ein ähnliches Baujahr vorweisen können, bietet »Der Couchrebell« viele fröhliche Momente der Selbstbespiegelung, beispielsweise in der erkenntnisreichen Auseinandersetzung mit den Eltern, ihrer Geschichte und Prägung:

NS-Verstrickungen fielen als rebellische Profilierungsanlässe bei uns aus. Allenfalls meinte ich gelegentlich bei meinen Eltern Restbestände der einschlägigen Ideologie beanstanden zu müssen. Die trugen nun vermutlich alle mit sich herum, die in den prägenden Jahren einer so totalen Indoktrination ausgesetzt waren – und insofern ist es ziemlich billig sich darüber zu erheben. Aber man ist eben nicht in allen Phasen seines Lebens der stets abgewogen urteilende Philanthrop von heute, sondern gelegentlich eben auch ein besserwisserisches, scheinheiliges kleines Arschloch.

Die Selbstironie, die Schäfer hier und an vielen anderen Stellen an den Tag legt, insbesondere bei der Aufarbeitung der pubertären und postpubertären Peinlichkeiten, die jeden unserer Lebensläufe schmücken, alles aus der Distanz eines weise gewordenen Mannes in mittleren Jahren, ist eine der ganz großen Stärken dieses Buches.

Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge werden sich darin auf jeden Fall wiederfinden. Aber nicht nur sie können an den Texten ihre Freude haben. Als meine Tochter vernahm, wie ich beim Lesen des Couchrebellen ungebremst vor mich hin kicherte, riss sie mir die Lektüre rebellisch aus der Hand, las selbst ein paar Seiten – und kicherte mit.

Frank Schäfer: Der Couchrebell: Streifzüge durchs wahre Leben | Deutsch
Herder 2015 | 192 Seiten | Jetzt bestellen

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