Uli Becker: Alles kurz und kleinDa die sonst so fleißigen Kollegen in dieser Woche keine aktuelle Buchempfehlung zur Hand haben, nutze ich die Gelegenheit, auf ein Werk hinzuweisen, das zu den wertvollsten meines Bücherregals zählt. Es wurde verfasst von dem begnadeten deutschen Dichter Uli Becker, trägt den Titel »Alles kurz und klein« und ist, was ich irgendwie nicht begreifen kann, nur noch antiquarisch erhältlich.

Becker, 1953 in Hagen geboren, hat in diesem Buch seine Kindheits- und Jugenderinnerungen festgehalten, in unzähligen wunderbar pointierten Textschnipseln, die allesamt mit den gleichen Worten beginnen: »Ich erinnere mich an …«

Und so erinnert er sich (für alle, die in den 50er, 60er und frühen 70er Jahren geboren wurden), zum Beispiel daran, wie das jucken konnte unter so einer Pudelmütze, oder daran, dass ihm Coca-Cola lange vorenthalten wurde. »Für den Jungen ein Dunkelbier«, wenn’s hochkam. Er erinnert sich an »Haare bis hier« und an die Musiktruhe im elterlichen Wohnzimmer, an die Geschwindigkeit 78 und an den Popocatepetl-Twist »auf Mickymaus«.

Wie wohl jeder von uns erinnert sich Becker auch ans Schüsselauslecken, wenn Mutter Kuchen backte, und an die prophezeiten Bauchschmerzen vom rohen Teig, die aber seltsamerweise nie kamen. Oder – um beim Thema Essen zu bleiben – an die bäuerliche Weisheit, dass Dreck zwar den Magen reinigte, Äpfel aber trotzdem abgewaschen werden mussten oder wenigstens ein paar Mal so kräftig über den Pulloverärmel gerubbelt, dass die Rotzkruste abflockte.

»Indem Uli Becker das seelische Inventar seiner Generation ›kurz und klein‹ schlägt, gelingt ihm eine Sentimental Journey ohne Sentimalitäten und ein Bildungsroman in Pillenform. Uli Becker spielt mit dem Augenblick des Wiedererkennens dessen, was man für die persönlichste, eigenste Leidenschaft gehalten hat.« So urteilte einst die taz über dieses Buch. Absolut zutreffend.

»Alles kurz und klein« ist ein verzaubernder Zettelkasten. Jede dritte, vierte Erinnerung lädt ein zu einer Reise in die eigene Kindheit und Jugend. Dabei denkt man zuerst: »Hey, das war bei mir genauso.« Und dann geistern einem Gedanken durch den Kopf, die weit über das hinausgehen, was der Dichter in wenigen Zeilen auf den Punkt gebracht hat.

Plötzlich weiß man wieder ganz genau, wie das früher so war, als Vater sich die Frisur noch mit »Brisk« zurechtdrückte, mit welch erhabenden Gefühl das Auto aus der ersten Golf-Generation gewaschen wurde, immer Samstagvormittags, den Tiger im Tank, und aus dem Autoradio dröhnten laut die BFBS Top Twenty. Und plötzlich meldet sich auch das flaue Gefühl zurück, das man als Kind immer hatte, wenn im Fernsehen der Abspann von »Bonanza« lief, weil jenseits davon nichts mehr war, bloß noch Taschepacken und schlafen und dann wieder los.

Um eine von Beckers nostalgischen Notizen zu lesen, braucht man nur wenige Sekunden. Doch mit dem Kopfkino, das auf jeder Seite dieses Buches lebendig wird, kann man sich viele Stunden beschäftigen und immer wieder aufs Neue.

Mehrere Male schon habe ich das Buch als Geschenk aus den Händen gegeben und mir anschließend neu beschafft. Damit ist nun Schluss. Denn beim letzten Neukauf fiel mir eine gebundene Ausgabe von 1990 in die Finger. Das Exemplar ist signiert und vom Dichter persönlich mit der folgenden handschriftlichen Notiz versehen: »Wer erinnert sich nicht gern an all das Zeugs, das man am liebsten ganz schnell wieder vergessen hätte …?«

Ein solches Buch verschenkt man natürlich nicht, sondern nimmt man mit auf die berühmte einsame Insel.

Uli Becker: Alles kurz und klein | Deutsch
Haffmans 1999 | 132 Seiten | Nur noch antiquarisch erhältlich

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