
»Ist es eigentlich allen egal, dass ich ständig versuche, einen Felsen auf einen Hügel zu rollen? Und falls ich ihn je dort hochbekomme, was zur Hölle habe ich dann? Einen Felsen auf einem Hügel. Toll. Also, wozu die Mühe?«, fragt sich Asher Baum, gleich zu Anfang. Dies sind typische Woody-Allen-Fragen, die eigentlich aus jedem seiner Filme stammen könnten. Nur gibt es wohl keine neuen Filme des New Yorker Urgesteins mehr – dank »Cancel Culture« noch nicht einmal eine deutsche Ausgabe dieses Buches. »What’s with Baum?« hätte, wie einige Rezensenten bemerkt haben, ganz leicht ein Film sein können. Auch im Erstlingsroman des mittlerweile 90-jährigen Debütanten findet man die für ihn üblichen Versatzstücke.
Ein intellektueller Schriftsteller in der Midlifecrisis steckt zwischen einer stagnierenden Ehe und einer stagnierenden Karriere fest. »Ich bin 51 und lerne trotzdem jeden Tag etwas Neues. Das Problem ist nur, dass ich täglich lerne, dass alles, was ich am Vortag gelernt habe, falsch war«, notiert Baum. Große Werke wie seine Idole Dostojewski und Kafka möchte er schreiben, doch das breite Publikum scheint sich nicht für Liebesgeschichten in einem Konzentrationslager zu interessieren. Oder liegt es an mangelndem Talent? Manchmal kommen ihm Zweifel. Schlimmer noch: Hat sein erfolgreicher Bruder Josh eine heimliche Affäre mit Baums Frau Connie?
Baum ist, wie alle Helden Allens, in erster Linie Pessimist. Die ersten grauen Haare sind für ihn kein Zeichen zukünftiger Weisheit, sondern die Vorboten eines nahenden Rollators. Hinzu kommt, dass sein verzogener Stiefsohn Thane gleich mit seinem ersten Roman im Feuilleton abgefeiert wird, während Baum, nachdem er von einer jungen Journalistin sexuellen Fehlverhaltens bezichtigt wird, sofort von seinem Verlag fallengelassen wird. »In der heutigen Kultur ist eine Anklage so gut wie eine Verurteilung«, klärt ihn sein zukünftiger Ex-Agent auf. Die Lage spitzt sich zu, als er Thanes neue Freundin kennenlernt, die seiner großen Liebe, die ihn einst verlassen hatte, um mit einem Rockstar in Neuseeland Schafe zu züchten, zum Verwechseln ähnelt. Da wundert es kaum, dass Baum zum Leidwesen seiner Mitmenschen zunehmend Selbstgespräche führt.
Wer Allens Humor mag, wird auch dieses Buch mögen. Es steckt voller amüsanter Formulierungen, die der Hochbetagte, ganz wie zu seiner Glanzzeit, mühelos aus den Tasten seiner Reiseschreibmaschine kitzelt. Auf der anderen Seite will er offenbar nicht begreifen, dass sich die Welt seit dieser Glanzzeit weitergedreht hat. Allens Hauptfiguren scheinen in einem Paralleluniversum zu existieren, in dem alle kulturellen Fixpunkte der letzten fünfzig Jahre keine Bedeutung haben. Eine Welt, in der Zwei-Zimmer-Apartments in New Yorks Upper East Side für Berufseinsteiger erschwinglich sind.
Baum, Baujahr 1974, ist mit beiden Beinen fest in der Kultur seiner Großeltern verwurzelt, schwärmt für Hollywoodfilme aus den 1930ern, die Songs von Richard Rodgers und (natürlich) Ingmar Bergman. Falls sich in einem Nebensatz doch mal die böse Gegenwart einschleicht, sei es in Form des Internets, oder des Kriegs in der Ukraine, ist das fast ein Schock. Obwohl er ausschließlich in einer privilegierten Oberschicht verkehrt, beharrt Baum darauf, sein Publikum über das Elend der menschlichen Existenz aufklären zu müssen.
Seit fünfzig Jahren wirft Allen Fragen auf, auf die auch er keine Antwort kennt. Folgender Dialog bringt sein Dilemma auf den Punkt: »Ich gebe zu, mein Ziel könnte etwas zu hochgesteckt sein, aber ich möchte versuchen, das Leben der Leser zu verändern«, vertraut Baum an einer Stelle einem Verleger an. »Aber sie mit einem Buch zu langweilen, für das sie gerade 26 Dollar ausgegeben haben, vergrößert ihr Leid nur.«
In »Woody Allen: A Documentary« (2011) zieht Allen eine Schublade auf, die mit etlichen Zetteln angefüllt ist, auf denen er im Laufe der Jahre spontane Einfälle festgehalten hat. Bei Bedarf bediene er sich dieser Fragmente und setze sie neu zusammen. »What’s with Baum?« scheint das Resultat einer solchen Collagenarbeit zu sein. Vieles kommt einem bekannt vor. Der arrogante Filmemacher Jerry Mack erinnert stark an einen ähnlich selbstverliebten Produzenten aus »Verbrechen und andere Kleinigkeiten« (1989). Ein literarisches Plagiat spielt in »Ich sehe den Mann deiner Träume« (2010) ebenfalls eine zentrale Rolle. Wie der Held in »Midnight in Paris« (2011) träumt auch Baum manchmal davon, im Paris der Belle Époque zu leben.
»What’s with Baum?« reiht sich daher nahtlos ins Gesamtwerk der umstrittenen Legende ein. Auch wenn seine Reputation in den letzten Jahren arg gelitten hat: Allens spätere Filme waren nicht wirklich schlecht, sie boten nur keine Überraschungen mehr, lediglich Variationen. Wer mit seinem Romandebüt etwas Neues erwartet hatte, wird daher enttäuscht sein. Wer jedoch ein amüsant erzähltes Buch über das Ängste eines alternden Upper-Class-Schnösels lesen möchte, kann unbesorgt zugreifen.
Woody Allen: What’s with Baum? | Englisch
Swift Press | 186 Seiten | Jetzt bestellen
