Woody Allen: Pure AnarchieRuhig und ohne ersichtlichen Grund nahm der dunkelhaarige Mann die Nase des kahlköpfigen in die rechte Hand und drehte sie mit einer weiten Kreisbewegung gegen den Uhrzeigersinn. Ein fürchterliches Knirschen durchbrach die Stille der Great Plains. »Wir leiden«, sagte der dunkelhaarige Mann. »Verflucht sei die willkürliche Gewaltsamkeit der menschlichen Existenz.« Unterdessen hatte Larry, der dritte Mann, das Haus betreten und es irgendwie fertiggebracht, mit dem Kopf in einem irdenen Krug steckenzubleiben.

Nicht lustig? In diesem Fall beabsichtigt, denn die Geschichte handelt von einem feinsinnigen Proust-Kenner, der sich als Lohnschreiber verdingen will und das »Buch zum Film« für einen findigen Produzenten schreiben soll, der die Rechte an einem Film der drei Stooges besitzt. Unnötig zu erwähnen, dass das Ergebnis anders als erwartet ausfällt.

Willkommen in der Welt von Woody Allen. Hier gibt es Geschichten über entführte Lichtdoubles von Hollywoodstars, Ferienlager für junge, angehende Regisseure, Anzüge mit besonderen Fähigkeiten, einen Detektiv, der einem Riesentrüffel hinterherjagt, Gebeteversteigerung bei ebay und Micky Maus als Zeuge im Abfindungsprozess eines Disney-Vorstandmitgliedes. Darüber hinaus bietet das schmale Bändchen eine hübsche Sammlung ungewöhnlicher Namen wie E. Coli Biggs, Reg Tausendfusz, Binky Peplum oder Pontius Perry.

Dies bekräftigt in glühenden Worten ein gewisser Plejades MondStern – ein Name, den ich mit tiefster Bestürzung zur Kenntnis nähme, wenn ich in letzter Minute erfahren würde, dass mein Neurochirurg oder mein Pilot so heißt.

Die Geschichten sind typisch Woody Allen. Einige klingen beinahe wie Selbstplagiate und wer seine früheren Kurzgeschichten kennt, wird hier wenig Neues entdecken. Manche Ideen wirken etwas bemüht absurd, aber dann kommen Szenen von einer Leichtigkeit, die einen beim Lesen beschwingt mitschnipsen lässt. Es sind die bekannten Themen: das Universum, die Philosophie und der Irrsinn des Alltagslebens. Alles wirkt sehr vertraut und im positiven Sinne bekannt, aber das ist auch ein Gefühl, das man von seinen Filmen her kennt. Und schätzt. Man fühlt sich gut unterhalten, lernt ein paar neue Sprüche zum Zitieren und freut sich auf den nächsten Kinobesuch. Was will man mehr?

Woody Allen: Pure Anarchie | Deutsch von Malte Krutzsch
Kein und Aber 2007 | 208 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. *Pure Anarchie* wird in der aktuellen Literaturbeilage der ZEIT besprochen, und zwar von Eva Menasse, die offenbar Woodys Filme mag, aber mit seinen Büchern oder zumindest diesem Buch gar nicht anfangen kann. Ich zitiere: „Pure Anarchie, seine eben erschienenen Storys, haben mit dem Werk von Woody Allen, mit dem, wofür wir ihn lieben, radikal nichts zu tun. Wie ein ausrangierter Gagschreiber im Vollrausch plappern sie so peinlich, holzhammerartig und pubertär vor sich hin, dass wir kein weiteres Wort über sie verlieren wollen, geschweige denn aus ihnen zitieren. Aus Respekt vor einem großen Regisseur, Drehbuchautor und – filmischen – Geschichtenerzähler.“

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