William Faulkner: Absalom, Absalom!… because there is that might-have-been which is the single rock we cling to above the maelstrom of unbearable reality …

Quentin Compson, ein junger Student aus Mississippi, versucht Anfang des 20. Jahrhunderts, Shreve, seinem kanadischen Zimmergenossen auf dem College in Harvard, den Süden der USA zu erklären. Dazu erzählt er ihm die Geschichte von Thomas Sutpen, einem typischen oder auch nicht so typischen Plantagenbesitzer des 19. Jahrhunderts. Quentin selbst wurde die Geschichte bereits unzählige Male von anderen erzählt, bis sie Teil seiner eigenen Familiengeschichte zu sein scheint. Trotzdem weiß Quentin gar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, wie genau in Sutpens Leben eins zum anderen gekommen ist. Er kennt nur die verschiedenen Versionen verschiedener Erzähler, die sich alle jeweils einen anderen Erklärungsversuch zurechtgelegt haben, einen, der ihren persönlichen Bedürfnissen entspricht. Zusammen mit Shreve macht sich Quentin auf die Suche nach einer Wahrheit durch Erzählen. Folgende Fakten sind bekannt: Sutpens Sohn Henry erschießt bei seiner Rückkehr aus dem Bürgerkrieg Charles Bon, den verlobten seiner Schwester Judith. Die Frage ist nur, warum.

Sutpen kommt in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts scheinbar aus dem Nichts in Mississippi an, errichtet eigenhändig seine Plantage, heiratet Ellen Coldfield, die Tochter eines einheimischen und angesehenen Ladenbesitzers und hat zwei Kinder mit ihr, Henry und Judith. Sutpens Herkunft und Vergangenheit sind seinen Nachbarn ein Rätsel, doch alles läuft nach Sutpens Plan, bis sein Sohn Henry eines Tages Charles Bon vom College zu Besuch mit nach Hause bringt und Ellen sich in den Kopf setzt, dass Judith Charles heiraten sollte. Sutpen verbietet die Heirat, woraufhin sich Henry auf Charles‘ Seite stellt, sich von seiner Familie lossagt und wenig später mit Charles in den Bürgerkrieg zieht.

Quentins Vater, einer der Erzähler in dem Roman, stellt die Theorie auf, dass Sutpen (und später auch Henry) die Heirat zwischen Charles und Judith verhindern wollen, weil Charles bereits mit einer Octoroon-Mätresse ein Kind hat – in Charles‘ Umfeld nichts Ungewöhnliches, sondern durchaus gang und gäbe, weshalb Shreve und Quentin diese Erklärung für Henrys und Sutpens Verhalten verwerfen. Ellens Schwester Rosa, eine weitere Erzählerin, die nach Ellens und Charles‘ Tod auf Sutpens Plantage zieht und beinahe selbst Sutpen heiratet, schreibt das Heiratsverbot schlicht Sutpens dämonischem Wesen zu und liegt mit dieser Erklärung ebenso falsch.

Man kann »Absalom, Absalom!« als Detektivgeschichte lesen, die zur Aufklärung eines Mordes führt, weshalb hier auch die »Lösung« nicht verraten werden soll; der Leser ist zum Miträtseln aufgefordert. Im Grunde ist die Lösung aber nicht wichtig. Die verschiedenen Erklärungsversuche ergänzen sich, und wichtiger als ihre Richtigkeit ist der Einblick in die Psyche des jeweiligen Erzählers, den sie gewähren. »Absalom, Absalom!« ist zum Teil ein Buch über das Erzählen, über die Psychologie, die Erkenntnismöglichkeiten und Grenzen des Erzählens.

Darüber hinaus ist der Roman eine komplexe Familiensaga, eine tragische Vater-Sohn-Geschichte, wie der biblische Titel bereits andeutet, der Davids Klage über den Tod seine aufständigen Sohnes zitiert – einen Tod, den David selbst angeordnet hat. »Absalom, Absalom!« ist natürlich auch wegen seiner Beschreibung der Geschichte des amerikanischen Südens unverzichtbare Lektüre für jeden Fan historischer Romane, zumindest für diejenigen, die eine nicht-lineare Erzählweise nicht scheuen.

William Faulkner: Absalom, Absalom! | Englisch
Random House 1993 (Reprint) | 432 Seiten | Jetzt bestellen

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