Walter Kappacher: Land der roten SteineEs wäre dumm, von einer Reise zu erwarten, dass sie einen neuen Menschen aus einem machte, wie man es früher immer wieder einmal gehört hatte und wie er es sich auch in den Wochen vor dem Abflug vorgestellt hatte.

Wessely, ein frisch pensionierter Arzt in Bad Gastein, Österreich, erhofft sich von einer Reise in den Südwesten der USA, in die Canyon-Landschaften Utahs, einen Start in ein neues Leben. Er war Jahre zuvor schon einmal mit seiner Familie dort und träumt seitdem davon, noch einmal für längere Zeit dorthin zurückzukehren, um sich in Ruhe die Felsformationen anzuschauen, die dem Buch seinen Titel geben.

Wessely hat zwar eine Tochter, Hanne, und eine Enkeltochter, Lisa, doch die beiden leben in Kanada, und auch mit Hannes Mutter, Elisabeth, hat Wessely sein Leben nicht geteilt: Ihre Tochter war das Ergebnis einer einzigen gemeinsamen Nacht, Elisabeth eigentlich verliebt in seinen besten Freund Hans. Die meisten seiner Angehörigen – sein Vater, seine Mutter und Elisabeth – sind bereits tot, als Wessely seine zweite Reise in die USA antritt. Von Hans‘ Tod erfährt er kurz nach seiner Rückkehr.

Wessely hat ein erfülltes Leben gelebt, ist in seinem Beruf als Arzt aufgegangen und hat nichts zu bedauern oder bereuen und auch keine Schuldgefühle loszuwerden. Trotzdem will er ein neues Leben anfangen. Die Reise, die ihm dabei helfen soll, ist äußerlich weder spektakulär noch irgendwie besonders. Wessely bucht ganz regulär in über ein Reisebüro einen Kurztrip mit einem Reiseführer, dem indianisch-stämmigen Everett Kish, mit dem er sich relativ gut versteht. Beide wahren eine respektvolle Distanz, beide verbinden die körperlichen Einschränkungen, die das zunehmende Alter ihnen auferlegt.

Wessely gerät nie in ernsthafte Gefahr oder Grenzsituationen. Die jahrmillionenalten Landschaftsformationen in den Canyons, die Gesteinsmalereien und die extreme Hitze und Trockenheit versetzen ihn trotzdem in tranceartige Zustände, während er nichts tut als schauen. Und das ist eine der Besonderheiten in diesem Buch: Die zurückhaltende Sprache, mit der der Autor, Walter Kappacher, beschreibt, was Wessely in den Canyons sieht und dabei empfindet: »Etwas hatte sich ihm gezeigt, das doch Materie war, Gestein, Form und gleichzeitig etwas wie strahlende, rätselhafte Energie.« Ebenso zurückhaltend und unaufdringlich, dadurch aber umso eindrucksvoller, kommen Themen wie die Zerstörung der Natur durch die moderne Zivilisation zur Sprache.

Wessely befindet sich nicht auf einem Selbstfindungs-Trip, aber er denkt darüber nach, wie sein neues Leben konkret aussehen könnte, das er nach der Reise anfangen will, und er überlegt, ob zum Beispiel alleine zu wohnen »eine gute Prüfung« wäre, um »festzustellen, ob ich endlich gelernt habe, mich selber wieder auszuhalten.« Manchmal spielt er mit dem Gedanken, gar nicht nach Bad Gastein zurückzukehren, aber nicht sehr ernsthaft. Ihm gefällt auch die Vorstellung, genauso verschollen zu sein wie ein anderer Wanderer vor ihm, ein Namensvetter seines Reiseführers, Everett Ruess, der Gerüchten zufolge von den Navajos in ihren Stamm aufgenommen wurde.

Nach seiner Rückkehr versucht Wessely zunächst, seine Erlebnisse festzuhalten, indem er sie aufschreibt, doch das misslingt ihm gründlich. Er fragt sich sogar, »ob er womöglich mit der Niederschrift seiner Reiseerinnerungen die Reise vernichtet habe?« Er stellt fest, dass sein Zustand in Utah »jenseits des sprachlich Erfassbaren« und etwas »Unaussprechliches« ist und dass es auch keinen Sinn hat, nur das zu beschreiben, was er gesehen hat, ohne gleichzeitig die dazugehörige Empfindung zu Papier bringen zu können.

Er versucht vergeblich, die Erinnerungen an die Canyons durch Willenskraft heraufzubeschwören, doch sie überfällt ihn nur unerwartet oder nachts und er kommt zu der tröstlichen Einsicht: »Ich habe es einmal gesehen […] es ist unverlierbar.« Recht sprunghaft studiert er Eckhart und Goethe, ohne dass es ihm viel für sein »neues« Leben bringen würde. Er wünscht sich neue Bekanntschaften, träumt von einer ehemaligen Geliebten, Monica, die mit seiner früheren USA-Reise verbunden ist, aber ihm ist klar, dass sich in dieser Hinsicht nicht mehr viel in seinem Leben tun wird:

Früher einmal hatte er sogenannte soziale Kontakte gehabt; irgendwann war ihm klar geworden, dass diese Menschen ihn langweilten. Ihre politischen Ansichten hatten ihn aufgeregt, so dass er manchmal eine Runde verlassen musste. Er verstand nicht, wie es möglich war, dass fast immer das niedrige geistige Niveau über ein höheres dominierte.

Passenderweise erzählt Kappacher im ersten und letzten Kapitel, die beide in Bad Gastein spielen, von Wessely in der dritten Person. Im mittleren Abschnitt, auf der Reise durch die USA, lässt er Wessely als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Die einzelnen Abschnitte reihen sich episodenhaft und nicht chronologisch, sondern eher assoziativ aneinander, im ersten und letzten Kapitel verschwimmen die Zeiten vor und nach der Reise.

Wessely wirkt nie allzu depressiv oder traurig oder resigniert, auch als ihm klar wird, dass das mit seinem geplanten neuen Leben nicht so richtig klappt. Irgendwann nach seiner Rückkehr erkennt er auch, dass eine Reise oder der Ort, an dem man lebt, keine allzu große Rolle für das innere Erleben spielt:

Früher, fiel ihm ein, war das, was die Bauern von ihren Gehöften auf den Berghängen aus und was die Bewohner von Gastein hang- und talwärts sahen, die ganze Welt. Nur wenige haben sie je verlassen. […] Ob sie weniger erlebt haben als wir heutzutage? Wahrscheinlich nicht.

Insgesamt sind Wesselys Erlebnisse vor, während und nach der Reise, und die Art, wie Kappacher sie schildert, gerade so eindrücklich, weil sie kein »rundes«, offensichtliches Resultat ergeben: Wessely hat keine Epiphanie, weder über sich selbst noch über die Menschheit an sich, und auch kein einschneidendes Erlebnis, es verändert sich nicht viel in seinem Leben. Er erkennt, dass »Lassen« und »Nichts« die wesentliche Rolle im Rest seines Lebens spielen werden.

Walter Kappacher: Land der roten Steine | Deutsch
Hanser 2012 | 160 Seiten | Jetzt bestellen

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