Roger Willemsen ist ein Mann der Widersprüche. Ein Kerl, der langsam auf die 60 zugeht und noch immer wie ein Konfirmand wirkt. Ein Bücherwurm mit der Statur eines Sportlers. Ein Intellektueller, der gleichzeitig einen Sinn für die trashigen Aspekte des Lebens hat. Wer ihn einmal live erlebt hat, den überkommt eine gewisse Demut, wenn es um die Beurteilung der eigenen Geistesgaben geht.

Statt wie normale Leute in den Mai zu tanzen, fuhr ich in der letzten Woche lieber nach Hamburg, um im Funkhaus des NDR Herrn Willemsens Musikgeschmack zu lauschen. Erneut legte Deutschlands liebster Intellektueller seine Favoriten auf – zum Vergnügen seiner Fans. Die saßen zwei Stunden gebannt auf ihren Klappsesseln. Der Meister selbst nahm dagegen auf einem roten Sofa Platz, während ein ZEIT-Redakteur zu seiner linken den DJ gab.

Von einem »wunderbaren Abend mit geistreichen Worten und faszinierenden Klängen« war in der Presse zu lesen, von einer Veranstaltung, »die uns den Glauben an die Kraft der Musik und Worte zurückgibt«, naja.

Ein gemütliches Café wäre sicher der passendere Rahmen für so eine Veranstaltung gewesen, als das karge Rolf-Liebermann-Studio. So hatte das Ganze ein wenig den Anstrich eines Volkshochschulkurses. Oder einer Morgenandacht. Und was haben wir dabei gelernt? Dass Roger W. ein Faible für Christoph Willibald Gluck, John Coltrane, Camille Saint-Saëns und Billie Holiday hat. Und auch für Schmuse-Swinger Harry Connick jr. Wer hätte das gedacht? Die Willemsen-Jünger waren sichtlich zufrieden, während ich zumindest froh war, ein paar Interpreten erkannt zu haben. Nach einem Abend mit Herrn Willemsen bekommen die eigenen Bildungslücken die Dimensionen der St.-Andreas-Spalte.

Mein persönliches Highlight kam später, als wir im legendären »Kemp’s« saßen, das von Gibson Kemp und seiner Frau Tina (beide ehemalige Mitglieder der legendären »Les Humphries Singers«) geführt wird, und unser Bier schlürften. Nach so viel herer Kunst stand uns nun der Sinn nach Trivialem. Die vielen Fotos im Pub zeugten von der ruhmreichen musikalischen Vergangenheit der Betreiber. Vierzig Jahre Musikgeschichte blickten von den Wänden auf uns herab. An manchen Abenden soll sogar Astrid Kirchherr, legendäre Fotografin und Freundin der Beatles, hinter dem Tresen stehen. Bei unserem Besuch im »Kemp’s« glänzte sie durch Abwesenheit.

Am Eingang des Pubs klebte ein Foto der »Les Humphries Singers«. Einer der Abgebildeten war leider kopflos. Sein Konterfei war mit einem alten Portraitfoto von Les Humphries überklebt. Hmmm … höchst sonderbar. Schade, dass Roger Willemsen nicht zugegen war. Denn der weiß ja bekanntlich alles.

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