Tom Robbins: Even Cowgirls Get the BluesThe only truly magical and poetical exchanges that occur in this life occur between two people. Sometimes it doesn’t get that far. Often, the true glory of existence is confined to individual consciousness. That’s okay. Let us live for the beauty of our own reality.

»Even Cowgirls Get the Blues« (1976) feiert den Individualismus. Die Protagonistin Sissy Hankshaw steht von Geburt an jenseits jeglicher Konformität oder Massenzugehörigkeit, da sie mit zwei übergroßen Daumen zur Welt kommt. Anstatt sich dem Normalitätszwang zu unterwerfen und sie wegoperieren zu lassen, verwandelt Sissy ihre Besonderheit in eine Stärke, indem sie sich einfach weigert, ihre Daumen als hinderlichen Schönheitsfehler auf dem Heiratsmarkt zu sehen, und sie stattdessen einsetzt, um Weltrekorde im hitchhiking aufzustellen – von da an ist sie in ständiger Bewegung. Genauso wie die titelgebenden Cowgirls, mit denen sie im Laufe des Romans in Berührung kommt, befreit Sissy sich also von dem Zwang, das zu tun, was andere von ihr erwarten oder ihr vorgeben, und tritt den Beweis an, dass sich die eigene Wirklichkeit ändern lässt, wenn man sie nur anders wahrnimmt.

Doch damit nicht genug. Robbins‘ Roman zeichnet sich nämlich unter anderem dadurch aus, dass sämtliche Weisheiten, Wahrheiten und Schlüsse, zu denen Charaktere, Leser oder Autor gelangen, umgehend wieder untergraben oder zumindest angezweifelt werden. Dafür zuständig ist hauptsächlich ein Eremit japanischer Abstammung, gennant »the Chink«, den Sissy bei ihrem Aufenthalt auf der »largest all-girl ranch in the west« kennenlernt. Er weigert sich hartnäckig, der guruartige Meister zu werden, den andere in ihm sehen wollen, und besteht darauf, dass jeder lernt, für sich selbst zu denken. Wie Sissy bleibt also der Denkprozess des Lesers ständig in Bewegung.

Im Vordergrund steht dabei meistens die Frage, warum die menschliche Zivilisation unaufhaltsam auf die Zerstörung des Planeten und damit ihren eigenen Untergang zuzuschreiten scheint. Hat gerade der in der Evolution maßgebliche Überlebenstrieb der menschlichen Spezies dazu geführt, dass sie ihren eigenen Tod heraufbeschwört? Weil sie getreu dem demokratischen Prinzip auf Quantität statt Qualität setzt? Kann Abhilfe geschaffen werden, indem das Überleben der Mehrheit der Komik und freien Entwicklung des Einzelnen untergeordnet wird? Indem wir alle wagemutiger werden und versuchen, unsere Träume zu realisieren und dabei notfalls brilliant zu scheitern, anstatt immer nur ans Überleben zu denken? Kann die Umwelt gerettet werden, wenn Logik und Rationalität der patriarchalischen Welt durch ihr Gegenteil ersetzt werden? Sollten gar Frauen wieder an die Macht? (Oder zumindest manche Frauen? – denn wie überall weigert sich Robbins auch hier, zu verallgemeinern und betont, dass es auf den Einzelnen ankommt.) Wie verhält sich der Individualist heute am besten gegenüber gesellschaftlichen Zwängen und politischen Institutionen?

Trotz der großen ernsten Fragen bleibt Robbins‘ Roman stets ausgesprochen lustig. Er spielt mit der Literaturgeschichte von Homer bis Kerouac, mit den Konventionen der Literatur an sich, schleust sich zum Beispiel als Sissys Psychiater in den Text ein, und macht dadurch nicht zuletzt auf das Wunder aufmerksam, das sich bei der alltäglichen Aktivität des Lesens vollzieht, nämlich dass schlichte, schwarze Zeichen auf weißem Papier eine eigene Welt schaffen, in der sich Autor, Leser und Charaktere treffen können, obwohl sie im Kopf jedes Einzelnen verschieden aussieht. »Even Cowgirls Get the Blues« ist ein weises, warmherziges und humorvolles Buch, das man nur empfehlen kann.

Tom Robbins: Even Cowgirls Get the Blues | Englisch
Houghton Mifflin 1976 | 365 Seiten | Jetzt bestellen

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