Die KiWi-Musikbibliothek

Einer der Hot Spots der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war die KiWi-Party am Mittwochabend im Gibson Club. Als Nicht-Prominenter war man dort beinahe schon ein Exot. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hatte groß eingeladen, um seine neue Reihe, die KiWi-Musikbibliothek, vorzustellen. Oder besser gesagt: zu feiern.

Mit vier kleinen Büchern (zwischen 88 und 178 Seiten) wurde die Reihe Anfang Oktober eröffnet. Die Idee: Bekannte Autorinnen und Autoren des Verlags schreiben über ihre Lieblings-Musiker und -Bands; darüber, welche Bedeutung ihre Musik für sie hat, welche persönlichen Geschichten sie mit den verehrten Künstlern verbinden.

So schreibt Sophie Passmann über den amerikanischen Sänger und Songwriter Frank Ocean, fokussiert auf sein Album »Blonde«. Anja Rützel widmet sich der Boygroup Take That. Trennung und Wiedervereinigung der Band lehrte sie »alles über Hass und Versöhnung«, wie es im Klappentext heißt. Und Thees Uhlmann, aufgewachsen als Punk in Deutschland, erzählt von den Toten Hosen und von einer Liebe, die seit 30 Jahren währt.

Mein Favorit aus dem Eröffnungsquartett der KiWi-Musikbibliothek ist jedoch Tino Hanekamp. Bereits seit vielen Jahren lebt der ehemalige Musikjournalist im Süden von Mexiko. In seinem Buch nimmt er uns mit auf eine längere Autofahrt nach Mexiko City, wo er mit seiner Freundin Ixtzel (sprich: Ichelle, wie Michelle ohne M) ein Konzert von Nick Cave & The Bad Seeds besuchen will. Während der Fahrt arbeitet er sich durch die gesamte Diskographie Nick Caves und liefert allen, die das Werk dieses Ausnahme-Künstlers näher kennenlernen wollen (zu ihnen gehöre auch ich, Ixtzel eher nicht), wertvolle Tipps.

Das allein macht das Buch von Tino Hanekamp allerdings noch nicht lesenswert. Es ist die besondere Geschichte, die ihn mit Nick Cave verbindet. Einige Jahre zuvor war Hanekamp dem Musiker in London schon einmal persönlich begegnet – und hat es »verkackt«. In einer Runde mit anderen Musikjournalisten spielte er sich vor Cave als »Wichtigtuer« auf, wobei ich den Wichtigtuer hier in Anführungszeichen setzen muss.

Denn in seinem Buch legt er die Gründe seines Verhaltens wunderbar offen. Hanekamp verehrt Nick Cave. Beim ersten Aufeinandertreffen wollte er seinem Idol als selbstbewusster, kritischer Musikjournalist gegenübertreten und sich damit gezielt von den anderen Journalisten der Runde distanzieren, die Cave einfach nur vergötterten und ihn mit völlig belanglosen Fragen konfrontierten. Hanekamps Plan der Abgrenzung, als Persönlichkeit in Erscheinung zu treten, ging jedoch nicht auf, sondern gehörig in die Hose. Als er sich bei Cave nach der Interviewrunde für eine seiner Fragen entschuldigte, antwortete dieser:

»Keine Sorge. Das ist das geringste deiner Probleme.«

Im Kern geht es in Hanekamps Buch um die Frage, wie man sich bei aller Verehrung für einen Künstler ein gewisses Maß an kritischer Distanz bewahrt. Eine Frage, die ich ganz allgemein ziemlich spannend finde und die mich als Fan, Webmaster und Intimus des amerikanischen Schriftstellers T.C. Boyle besonders berührt. Denn auch meine ersten Versuche, hier das richtige Maß zu finden, scheiterten mitunter kläglich und brachten mich in völlig absurde Situationen.

Das Buch von Tino Hanekamp eignet sich deshalb hervorragend, einmal ausgiebig und in aller Ruhe das eigene Fanverhalten zu reflektieren. Und nebenbei: Es ist intelligent, unterhaltsam und witzig geschrieben.

Take That, Frank Ocean und die Toten Hosen gehören weniger zu meinen Favoriten. Weil es in den Büchern der neuen KiWi-Reihe aber weniger um die Musiker und Bands geht, als vielmehr um die Autorinnen und Autoren und ihre Befindlichkeiten, könnte es sich lohnen, auch die anderen Werke als interessante Zeitdokumente näher in Augenschein zu nehmen. Oder man wartet noch einmal bis zum Frühjahr 2020, wenn der Verlag die nächsten vier Exemplare der Musikbibliothek auswirft. Die Namen der dann gewürdigten Bands und Musiker waren auf der Party im Gibson Club erfreulicherweise schon zu erfahren. Nur soviel: Dranbleiben lohnt sich.

Begleitet wird die Reihe übrigens mit einem Podcast, der hier zu finden ist. Außerdem gibt es zu jedem Buch und jeder Podcast-Folge eine Playlist bei Spotify.

Sabine Heinrich (links) spricht im Podcast mit KiWi-Verlegerin Kerstin Gleba über die neue Musikbibliothek. Foto: © Kiepenheuer & Witsch

Tino Hanekamp: Nick Cave | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2019 | 136 Seiten | Jetzt bestellen

Sophie Passmann: Frank Ocean | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2019 | 88 Seiten | Jetzt bestellen

Thees Uhlmann: Die Toten Hosen | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2019 | 178 Seiten | Jetzt bestellen

Anja Rützel: Take That | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2019 | 88 Seiten | Jetzt bestellen

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