Thomas Savage: The Power of the DogPhil always did the castrating.

Mit diesem vielsagenden und andeutungsreichen Satz beginnt Thomas Savages Roman »The Power of the Dog«. Ursprünglich veröffentlicht im Jahre 1967 und wie die meisten von Savages Büchern von Kritikern hochgelobt, aber kaum von jemandem gelesen, wurde der Western 2001 als Taschenbuch mit einem Nachwort von Annie Proulx, der Autorin von »Brokeback Mountain«, neu aufgelegt.

Die Geschichte spielt in Idaho am Anfang des 20. Jahrhunderts. Der 40-jährige Phil Burbank und sein zwei Jahre jüngerer Bruder George haben von ihren Eltern die erfolgreichste Ranch der Gegend übernommen und führen sie ebenso erfolgreich weiter. Die Brüder sind ein Paar von Gegensätzen.

Phil ist klug, intelligent und gebildet, gibt sich jedoch in seinen Umgangsformen, vor allem mit seinen Mitarbeitern, als einfacher Mann aus und verachtet Städter und sämtliche Emporkömmlinge. Geschickt kann er sowohl alle auf einer Ranch anfallenden Arbeiten erledigen wie auch Ovid auf Griechisch zitieren. Zugleich hält er nicht viel von seinen Mitmenschen, kritisiert ihre Schwächen oder auch nur ihre Menschlichkeit mit übertriebener Härte und stichelt alle in seiner Umgebung, die er nicht mag oder braucht, bis aufs Blut. Er verkörpert das Westernideal des harten Mannes in derart überzogener Form, dass es nahe liegt, dieses Verhalten als unterdrückte Homosexualität zu interpretieren.

Sein Bruder George dagegen ist vor allem nett, freundlich und hilfsbereit zu anderen. Als George die Witwe Rose heiratet, die Phil für gesellschaftlich unter seinem Stand hält, nimmt das Schicksal seinen Lauf: Phil macht Roses Leben auf der Ranch zur Hölle, indem er sie auf ebenso subtile wie perfide Art spüren lässt, dass sie ihm unterlegen ist.

Als Roses Sohn Peter, der wie sein verstorbener Vater, Arzt werden will, auf die Ranch kommt, um den Sommer dort zu verbringen, lässt Phil ihn zunächst ebenso deutlich wie Rose spüren, wie wenig er von ihm hält. Peter ist schon seit seiner Kindheit ein gesellschaftlicher Außenseiter: Nicht nur hat sein Vater getrunken und sich umgebracht, sondern Peter selbst sieht Dinge, die andere nicht sehen, verbringt viel Zeit mit Nachdenken, mit dem Studium von Pflanzen, den medizinischen Fachbüchern seines Vaters und vor allem mit so weiblichen Beschäftigungen wie dem Basteln von Papierblumen.

In der Schule wird er als verweichlicht und mädchenhaft von seinen Mitschülern gehänselt, auf der Ranch widerfährt ihm dasselbe Schicksal – bis Phil beschließt, Peter seiner Mutter zu »entwöhnen«, indem er ihn zu seinem Freund macht.

Peter hat sich durch sein Außenseitertum eine außergewöhnliche emotionale Kälte angeeignet, und genau diese Eigenschaft, die Phil vielsagend bewundert, ist der Auslöser für seinen Entschluss, sich den Jungen zum Freund zu machen. Pete geht jedoch nur scheinbar auf Phils Freundschaftsangebot ein, während Pete den Jungen tatsächlich liebgewinnt.

Das tragische Ende des Romans ist nicht nur im ersten Satz präsent, sondern in weiteren zahlreichen kleinen, symbolischen Andeutungen vorweggenommen, die Savage ebenso kunstvoll wie unaufdringlich in den Text eingearbeitet hat, zum Beispiel Phils Angewohnheit, trotz der harten Rancharbeit keine Handschuhe zu tragen.

Thomas Savage: The Power of the Dog | Englisch
Back Bay Books 2001 | 304 Seiten | Jetzt bestellen

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