Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganzen normalen BullshitWir sind doch alle in unseren Beruf reingescheitert.

Lukas Frey hat von einer Werbeagentur in die Marketingabteilung einer Firma, genannt Konzern AG, gewechselt. Dort soll er an der Werbekampagne für die Einführung eines neuen Produkts mitarbeiten. Das Problem: Niemand außer den Ingenieuren in der Entwicklungsabteilung kann das Produkt bedienen und es hat auch keinen »funktionalen Mehrwert«. Bezeichnenderweise erfährt der Leser nie, was das Produkt eigentlich ist oder was die Konzern AG genau macht. Die Werbung dafür, die Lukas‘ Abteilung »Marketing II, New Products« entwickeln soll, ist völlig losgelöst vom Produkt.

Genauso losgelöst von jedem konkreten Inhalt scheinen auch alle anderen Aktivitäten in den Unternehmen und die meisten Äußerungen der Mitarbeiter, die sich hinter zahlreichen Anglizismen verstecken. Besonders gelungen ist Ramges Persiflage einer Vorstandssitzung, in der sich die Diskussion aus Sätzen zusammensetzt wie »Ob wir perspektivisch erfolgreich sind, ist doch vor allem ein Thema des Mindsets« – »Und um das Mindset zu ändern, brauchen wir eine breitere Awareness für das Thema«. Ein weiteres Highlight ist eine Mitteilung der Konzern AG für die Aktionäre, die Ramge laut Nachwort angeblich fast wortwörtlich von Daimler-Chrysler übernommen hat.

Der Protagonist Lukas spielt das Spiel zwar gekonnt mit, ist sich aber stets bewusst, dass das alles ziemlicher Blödsinn ist. Aus Ramges Imitation der Sprache der Arbeitswelt und den Überlegungen, die sein Protagonist dazu anstellt, ergibt sich ein sehr unterhaltsames, schnell gelesenes Buch, das auch ohne großen Plot auskommt.

Zu Lukas‘ Team gehören unter anderem Julia, die früher auch in einer Werbeagentur gearbeitet hat, aber vorhat, sich demnächst selbständig zu machen; Daniel, der Überstundenrekordhalter, der um jeden Preis Karriere im Konzern machen will, aber gnadenlos scheitert; Dr. Meyerbeer, der ein Alkoholproblem hat und schnurstracks auf einen Burnout zuschlittert; und sein Chef, Dr. Jan-Phillip Wendenschloss, der früher bei McKinsey war. Erschwert wird ihre Arbeit für das Marketing durch einen Umstrukturierungsprozess, der gleichzeitig im Unternehmen läuft und ebenfalls von McKinsey-Leuten geleitet wird.

Zum Kennenlernen müssen alle in Lukas‘ Team ein Überraschungs-Ei auspacken und erklären, warum sie genau so sind wie die Figur darin – oder warum nicht. Sie müssen einen Persönlichkeitstest machen mit Fragen wie »Neigen Sie eher zu Quadraten oder Kreisen?« Bei dem Warm-up für einen Workshop müssen sich alle gegenseitig in enthusiastischem Tonfall mit »Sales Du« anreden und als Teambuilding-Maßnahme – der Ersatz für gestrichene Betriebsausflüge – ein Rudel Wölfe bei der Fütterung beobachten und daraus Schlüsse über Führungskultur ziehen. Zwischendurch bekommen sie unter dem Motto »own the way you work« Gelegenheit auszuprobieren, wie es ist, von zu Hause aus zu arbeiten.

Kein Wunder, dass Lukas sich angesichts seines absurden Arbeitslebens immer öfter fragt, was er von seinem Leben eigentlich will. Als die Konzern-AG von einer chinesischen Firma übernommen wird, bieten sich ihm grandiose Aufstiegschancen. Sein Chef, der frühere McKinsey-Berater, hält aufgrund der Ergebnisse des Persönlichkeitstests sehr viel von ihm – obwohl Lukas die Fragen so verrückt fand, dass er sie nur mit Hilfe einer Flasche Bier beantworten konnte. Am Ende findet schließlich auch Lukas den Absprung.

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganz normalen Bullshit | Deutsch
rororo 2014 (3. Auflage) | 256 Seiten | Jetzt bestellen

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