Thomas Pynchon: SchattennummerWenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie. Weiter südlich am See, in Chicago, sind die Zeiten hart, der Wind hat gedreht, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta, das Syndikat ist sprunghaft und unberechenbar geworden, und wer einen Vorwand braucht, schleunigst zu verschwinden, fährt rauf nach Milwaukee, wo selten was Schlimmeres passiert, als dass einem jemand einen Fisch klaut.

Amerika 1932, während der Großen Depression: Privatdetektiv Hicks McTaggart, von Geldsorgen und schwerwiegenderen Problemen geplagt, soll die Erbin eines Käse-Fabrikanten nach Hause bringen. Ihre Spur führt ihn nach Ungarn, wo er sich bald mit Nazis, Sowjet-Agenten, Swing-Musikern, Abenteurern und Exzentrikern jeder Profession auseinandersetzen muss. Hicks‘ turbulente Verfolgungsjagd führt ihn durch ein aufgeheiztes Europa, in dem sich der drohende Zweite Weltkrieg bereits abzeichnet.

Manche Inhaltsangaben klingen verrückt und abgedreht, doch dahinter verbirgt sich dann ein trockener, nüchterner und oftmals erschreckend humorloser Roman. In diesem Fall muss man allerdings sagen, dass die Inhaltsangabe das lauernde Chaos zwischen den beiden Buchdeckeln noch verharmlost. Durch diese absurde Handlung trudelt ein Sammelsurium nicht näher beschriebener Figuren, die überraschend auftauchen und unerwartet abtreten. Ihre Bedeutung für die Handlung wird manchmal erst später erklärt, meist aber überhaupt nicht.

Falls Sie diese Einleitung für den Anlauf zu einem Verriss halten, haben Sie noch keinen Pynchon-Roman gelesen. Von den Liedern werden Sie noch mehr irritiert sein, versprochen.

»Schattennummer« beginnt als Hardboiled-Krimi, wird dann zum Agententhriller und schließlich zum Abenteuerroman. Die Handlung und die unzähligen kuriosen Details lassen den Roman fast wie eine Parodie des jeweiligen Genres wirken, ohne sich darüber lustig zu machen. Die Genrekonventionen werden bewahrt, aber ihre Grenzen bis zum Äußersten gedehnt. (Obwohl jeder Leser für sich einordnen muss, ob beispielsweise ein österreich-ungarisches U-Boot, das sich in den Lake Michigan verirrt hat und eine eigene Bowlingbahn an Bord hat, noch innerhalb seiner persönlichen Grenzen liegt.)

»Schattennummer« ist locker, verspielt und wesentlich einfacher zu lesen, als manch andere seiner Romane, besitzt aber ebenfalls eine Fülle und Dichte an Gags und Informationen, die Konzentration erfordert. Aber selbst dann ist es kaum möglich, wirklich alles aufzunehmen. Mehrmaliges Lesen ist bei Pynchon Pflicht und Vergnügen zugleich.

Der 88-jährige Kultautor stand nie in dem Ruf, sich bei seinen Lesern anzubiedern oder diese an die Hand zu nehmen. Er liefert die Gags und Anspielungen, aber um wirklich alles zu verstehen ist Eigenleistung erforderlich. Aber auch wer keine Lust hat, unbekannte Personen und Ereignisse nachzuschlagen, wird immer noch reichlich bedient.

Thomas Pynchon schreibt wie immer. Aber wie immer schreibt er auch anders als alle anderen. »Schattennummer« ist darüber hinaus der erste Roman von Pynchon, der als Hörbuch erscheint. Es lohnt sehr, sich manche Satzungetüme noch einmal von Julian Mehne klar strukturiert und souverän vorgetragen anzuhören. Ein Genuss.

Thomas Pynchon: Schattennummer | Deutsch von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl
Rowohlt 2025 | 400 Seiten | Jetzt bestellen