Stephen King: The Green MileUrsprünglich handelte es sich bei diesem Werk um sechs einzelne Bände, publiziert in der Tradition der Dickensschen Fortsetzungsgeschichte. Das mag zwar einerseits den Leser bei der Stange gehalten haben, da natürlich erst nach Erscheinen des nächsten Bandes weitergelesen werden konnte, andererseits hatte sich wohl seinerzeit sicher so mancher Leser beim Kauf dezent zurückgehalten, denn der damalige Gesamtanschaffungspreis sprengte den Preisrahmen eines einzelnen Buches bei weitem.

Da haben wir es heute mit der Komplettausgabe, welche im Heyne-Verlag im Jahre 2011 eine Neuauflage erfahren hat, natürlich besser.

Zum Inhalt: Wir schreiben das Jahr 1932. Paul Edgecombe ist Vorsteher im Block E des Gefängnisses Cold Mountain. Dort befindet sich die berüchtigte Green Mile, der letzte Weg eines zum Tode Verurteilten, der in diesen Tagen auf dem elektrischen Stuhl platznehmen musste. Die Arbeit im Todesblock ist seelisch belastend, garantiert aber immerhin ein sicheres und ausreichendes Einkommen, was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit ist.

Paul Edgecombe wird als integrer, anständiger Mann beschrieben, der sich auf seine ebenso über jeden Zweifel erhabenen Kollegen verlassen kann. Wenn da nur nicht Percy Wetmore, der angeheiratete Neffe des Gouverneurs, wäre, dessen niederträchtiger Charakter dem Personal und den Zelleninsassen das Leben zur Hölle macht.

Eines Tages wird ein hünenhafter schwarzer namens John Coffey nach Block E verlegt. Weinend im Wald aufgefunden mit zwei vergewaltigten und ermordeten Mädchen auf seinen Armen, macht die Staatsgewalt mit ihm kurzen Prozess. In einer Zeit, in der die Rassenproblematik in vollem Gange ist, verlangt der Pöbel nach dem Kopf des schwarzen Monsters. Rösten soll er, nicht einmal, sondern am besten zweimal auf dem Stuhl braten, so hätten es zumindest die Dettericks gerne, die Eltern der bestialisch aus dem Leben gerissenen Kinder.

Aber John Coffey hat eine Gabe: Er kann heilen, solange »es noch nicht zu spät ist«. Paul Edgecombe und seine Kollegen werden Zeugen unglaublicher Wunderheilungen und es kommen Zweifel auf, ob ein Mann mit solchen Fähigkeiten gleichzeitig auch imstande ist, mit den gleichen Händen schreckliche Verbrechen zu begehen.

Stephen King hat die Atmosphäre im Todestrakt grandios klaustrophobisch eingefangen. Die Charaktere der Hauptfiguren sind so detailliert ausgearbeitet wie gegensätzlich. Permanente Spannungen sind an der Tagesordnung, nicht erst, als der psychopathische »Wild Bill« die Bildfläche betritt.

Der ursprüngliche Aufbau als sechsbändige Serie wirkt auch in der Gesamtausgabe nach, was der an sich sehr stimmungsvollen und spannenden Geschichte aber leider insofern zum Nachteil gereicht, als dass sich der Leser des öfteren mit Wiederholungen konfrontiert sieht (»Das habe ich doch eben schon mal gelesen …«). Dem Lesegenuss hätte eine Ausmerzung der Rückblenden besser getan.

Mndestens ebenso ärgerlich sind die zahlreichen grammatikalischen Fehler. Wortdoppelungen oder völlig deplaziert angehängte Buchstaben (á la »Ich finde das gut gut.« oder »Das ist aber gute.«) sind schon sehr ärgerlich und für den stolzen Preis von 9,99 Euro vollkommen indiskutabel. Ich dachte immer, eine Überarbeitung sollte in einer Verbesserung resultieren.

Aber zum guten Schluss nochmals die wichtigste Botschaft: »The Green Mile« ist eine tolle Geschichte, ein rundherum gelungener, spannender, berührender Schmöker. So, und jetzt schaue ich mir die Verfilmung mit Tom Hanks an.

Stephen King: The Green Mile | Deutsch von Joachim Honnef
Heyne 2011 | 576 Seiten | Jetzt bestellen

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