Stephen King: Das InstitutMit dem Lohn von der Recyclinganlage und dem Geld von der Fluglinie in der Tasche stand Tim in Brunswick an der Nordauffahrt zur I-95 und kam sich für einen Wandersmann ziemlich wohlhabend vor. Nachdem er mehr als eine Stunde in der Sonne gewartet hatte, wollte er schon aufgeben und zum Denny’s zurückgehen, um sich ein Glas Eistee zu bestellen, als ein Volvo-Kombi bei ihm hielt. Der Kofferraum war voller Pappkartons. Die ältere Frau am Lenkrad öffnete das Beifahrerfenster und spähte Tim durch dicke Brillengläser hindurch an.

»Groß sind Sie nicht, aber ziemlich muskulüs«, sagte sie. »Sie sind doch wohl niemand, der Frauen vergewaltigt, oder? Und eine Psychose haben Sie auch nicht?«

»Nein, Ma’am«, sagte Tim, dachte jedoch: Was sollte ich sonst sagen?

»Tja, was sollten Sie sonst sagen, nicht wahr? Wollen Sie bis nach South Carolina? Darauf deutet jedenfalls Ihre Reisetasche hin.«

Der Ex-Polizist Tim Jamieson tritt in einem Flugzeug seinen Sitzplatz an einen FBI-Agenten ab und trampt mit der finanziellen Entschädigung zu seinem Reiseziel. So gelangt er in den kleinen Ort Dupree, wo er spontan den Job eines Nachtwächters übernimmt und sesshaft wird.

Der zwölfjährige Luke ist ein Genie und bereits für ein Doppelstudium an zwei Universitäten zugelassen. Doch eines nachts wird er von Unbekannten entführt und erwacht in einem seltsamen Institut, in dem er zusammen mit anderen Kindern gefangen gehalten wird, die alle übersinnliche Fähigkeiten besitzen. Sie werden von Wissenschaftlern verschiedenen Tests ausgesetzt, die ihre telepathischen und telekinetischen Kräfte erproben sollen. Luke lernt dort Leidensgenossen kennen, aber ihm ist sofort klar, dass er an diesem Ort nicht bleiben darf.

Seit dem Roman »Die Arena« von 2009 erlebe ich meinen zweiten Frühling mit Stephen King. Ich kann es kaum in Worte fassen, wie viel mir dieser Autor in den Achtzigern bedeutet hat. In den Neunzigern ist das Verhältnis deutlich abgekühlt. Ich habe mich immer noch für die Neuerscheinungen interessiert, aber wenn ich in die Bücher hineinschnupperte, fehlte mir doch die Geduld für die oft weitschweifigen Geschichten. Mit dem oben genannten Buch änderte sich das und seitdem habe ich mir keines entgehen lasse. Inzwischen genieße ich sie ausschließlich als Hörbuch.

»Das Institut« vereint viele von Kings Lieblingsthemen: Kleinstadtleben, übersinnlich begabte Kinder, die von skrupellosen Wissenschaftlern ausgenutzt werden und gewöhnliche Menschen, die über sich hinauswachsen müssen. In weiten Teilen wirkt sein neues Werk wie eine Alternativversion seines eigenen Romans »Feuerkind«, mit Anleihen aus Filmen wie »Rio Bravo« und Serien wie »Prison Break«. Mit anderen Worten: Nur allerbeste Zutaten.

Der erste Teil ist eine beschauliche Kleinstadtgeschichte, ohne große Spannungselemente, aber nett und heimelig. Der Wohlfühlteil, der den Leser wie so oft in Sicherheit wiegen soll, obwohl er genau weiß, dass es nicht so bleiben wird. Der zweite Teil beginnt mit der brutalen Entführung von Luke und zeigt sein Leben im Institut. Dort erfährt er nicht nur mehr über seine Fähigkeiten, sondern lernt auch ähnliche begabte Kinder kennen, die sich in der gleichen Situation befinden. Gequält durch die Wissenschaftler und die sadistischen Wärter, plant Luke seinen Ausbruch, der ihm tatsächlich gelingt.

Man kann es wohl kaum einen Spoiler nennen, wenn ich verrate, dass Lukes Flucht in das verschlafene Städtchen Dupree führt. Zu offensichtlich ist es, dass diese beiden Handlungsstränge zusammenlaufen. In Dupree kommt es zur ersten hochspannenden Konfrontation.

»Das Institut« birgt für King-Leser wenig Neues und doch – oder gerade deswegen – ist der Roman ein großes Vergnügen, denn er zeigt wieder einmal die ganzen Stärken des Meisters. In einem Facebook-Post las ich jüngst: King zu lesen ist wie Nachhause kommen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Stephen King: Das Institut | Deutsch von Bernhard Kleinschmidt
Gelesen von David Nathan | Dauer: 21:02 Std.
Random House Audio 2019 | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Es ging mir wie Dir, Andreas. In den achtziger Jahren habe ich – bildlich gesprochen – nachts vor der Buchhandlung campiert, um am nächsten Morgen das neue Meisterwerk (Suchtmittel) abzugreifen. Irgendwann (Mitte der 90er ?) ging das Interesse etwas zurück, obwohl ich dennoch so ziemlich alles von ihm gelesen habe. Im Unterschied zu Dir bleibe ich allerdings den bedruckten Seiten in Papierform treu, mittlerweile reicht mir dann aber auch die Taschenbuchausgabe. Dennoch: der Autor meines Lebens!

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