Selma Lagerlöf: Herrn Arnes Schatz»Das härteste Schicksal eines Menschen, der seines Lebens beraubt wurde, ist es, keinen Frieden zu finden, weil er seinen Mörder verfolgen muss. Und dabei haben die Toten doch nur diesen einen Wunsch: in Frieden ruhen zu dürfen.«

Selma Lagerlöfs 1904 erschienene Erzählung »Herrn Arnes Schatz« ist eines ihrer raffiniertesten Werke. Neben den menschlichen Abgründen rückt schnell die Frage nach Schuld und Sühne in den Mittelpunkt. Der daraus resultierende hohe moralische Anspruch an die junge Protagonistin wirkt auch beim Leser lange nach. Mit den Illustrationen von Roberta Bergmann und der Neuübersetzung von Maike Dörries ist dem Kunstanstifter Verlag in diesem Herbst ein literarisch-künstlerischer Coup gelungen, denn nicht nur die Geschichte des mörderischen Raubüberfalls im 16. Jahrhundert in Bohusland im ansprechend gestalteten Leinenband hat es in sich.

Der Hund von Fischhändler Torarin wusste es. Wie anders hätte man sein Jaulen sonst deuten sollen. Und doch folgt Torarin der nächtlichen Einladung des Pferdeknechts Olof. Natürlich sind sie alle tot: Herr Arne, seine Frau, die Diener, Olof. Der Hof niedergebrannt, alles Leben ausgelöscht von drei Raubmördern, die den Spuren ihres Schlittens zufolge auf das gefrorene Meer gefahren, eingebrochen sind und ertranken. Der arme Torarin sieht nicht nur Herrn Arne als Geist vor sich, sondern auch seine Frau, die Bediensteten des Pfarrhofes und seine Enkelin. Torarin graust es. Auf seine Enkelin zeigend sagt der tote Herr Arne: »Du weißt, was du zu tun hast.«

Damit wird der Blick des Lesers schon einmal auf die Bestrafung der Mörder gerichtet. Rasch erfährt man, dass drei vornehme schottische Soldaten die Raubmörder sind und ihr Schiff im Hafen festgefroren ist.

Herr Arne beherbergte auch ein Waisenmädchen, die junge Elsabill. Sie war die beste Freundin der ermordeten Pfarrersenkelin und blieb durch einen glücklichen Zufall am Leben. Elsabill überlebte das Massaker versteckt hinter dem Ofen. Nun verliebt sie sich in einen Schotten, der Sir Archie genannt wird. Erst später erkennt sie ihn als einen der Mörder und glaubt, dass er sie nach Schottland mitnehmen und seine Taten bereuen werde.

Doch was bedeuten die blutigen Fußspuren im Schnee? Warum hört Elsabill das Weinen ihrer toten Freundin in der Kirchenbank? Was erwartet der Geist von ihr? Und welche Wahl hat Elsabill? Tief sitzt das Mitgefühl für die ermordete Freundin und deren Leid. Andererseits streichelt das Hochgefühl ihrer Liebe zu Sir Archie auch ihre verwundete Seele. Hin- und hergerissen verrät sie ihren Geliebten, hofft jedoch, dass man ihre Aussage nicht ernst nimmt. Gleichzeitig warnt sie den Angebeteten zu fliehen. Die Katastrophe ist abzusehen, und die Geschichte nimmt ihren unausweichlichen Verlauf.

Die vielen ganz- bzw. doppelseitigen Illustrationen von Roberta Bergmann unterstreichen die Dynamik der Erzählung. Kraftvolle Konturen hauchen den Geistern Leben ein. Die handelnden Personen verlieren sich in gewaltigen Winterlandschaften. Das Dunkel überwiegt, nur Schnee und Eis blenden das Leserauge. Vorhersehbar ist auch hier des Schicksals Lauf. Roberta Bergmann hat ihr letztes Bild gleich einem »Tableau vivant« gestaltet. Obwohl man in teilnahmslose Gesichter schaut, geht Frieden von dem Bild aus. Die Toten können nun ruhen, denn die Mörder sind gestellt und werden bestraft.

Der moralische Preis dafür war immens. Ob er sich gelohnt hat, beantwortet Roberta Bergmann in ganz eigener Bildsprache. Ein literarisches Kleinod, das in dieser Ausgabe das Zeug zum Sammlerstück hat. Mögen ihm viele Liebhaberherzen zufliegen.

Selma Lagerlöf: Herrn Arnes Schatz | Deutsch von Maike Dörries
Mit Illustrationen von Roberta Bergmann
Kunstanstifter Verlag 2019 | 130 Seiten | Jetzt bestellen

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