Sarah Perry: MelmothHelen Franklin, gebürtige Engländerin, fristet ihr Dasein als Übersetzerin in Prag. Deutsch und Tschechisch gehören zu ihrem Repertoire, aber es sind keine Klassiker, an denen sie ihre Fähigkeiten anwendet, stattdessen verdient sie ihr Geld, indem sie Gebrauchsanweisungen in die entsprechende Zielsprache transportiert. So wenig aufregend dieser Broterwerb anmutet, so ereignislos stellt sich auch ihr übriges Leben dar. Sie bewohnt ein schäbiges Zimmer in einer ebenso schäbigen Wohnung, welche sie mit einer alten Vettel namens Albina Horakova bewohnt. Gegenseitige Abneigung bestimmt den beiderseitigen Alltag, hier die schludrige, versponnene Albina, dort die ihre Lebensumstände aufs Äußerste reduzierende Helen. Eine aus der Not geborene Zweckgemeinschaft, nicht mehr.

Helens Zimmer ist so karg wie ihr Leben. Aus einem Grund, den der Leser erst später erfahren wird, versagt sie sich selbst auch noch die kleinsten Freuden des Lebens. Abwechslung bringen allenfalls die gelegentlichen Treffen mit ihren Freunden Karel und Thea. Dr. Karel Prazan, den sie in der tschechischen Nationalbibliothek kennengelernt hat, konfrontiert sie unvermittelt mit einem seltsamen Manuskript, welches ihm ein noch seltsamerer Mann übereignet hat – Josef Hofmann, ein alter Mann, der eines Tages in der Bibliothek seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, einen Pflasterstein neben sich, den er hin und wieder berührt, während er Seite um Seite des Schriftstückes anfertigt, das er dann später an Karel adressiert.

Hofmann stirbt – und wie seltsam ist doch dieses Dokument, in dem die Lebensbeichte des Deutschen aufgezeichnet ist. Das Ganze hat einen sehr surrealen Anstrich, immer wieder ist von einer schwarz gewandeten Frau die Rede, von Melmoth, einer Sagengestalt, die in vielerlei Kulturkreisen unter ähnlichem Namen bekannt ist, vom Allmächtigen verstoßen und dazu verdammt, auf ewig alleine auf Erden zu wandeln. Offenbar hat den Verfasser dieser Zeilen der Wahnsinn ergriffen – oder etwa doch nicht? Denn auch Karel hat plötzlich Visionen, auch ihm scheint plötzlich diese Frau zu erscheinen, am Rande des Blickfeldes, in der Spiegelung eines Fensters, ständig überkommt ihn das Gefühl, sie stünde hinter ihm und wenn er sich umdrehte, könnte er sie sehen. Sie scheint ihn zu locken, den Weg mit ihr zu teilen.

So geht es schließlich auch Helen. Der Wahnsinn, welcher Melmoth umgibt, scheint jeden zu ereilen, der sich näher mit ihr beschäftigt. Aber gibt es sie wirklich oder handelt es sich hier nur um ausgeprägte Fälle von Autosuggestion? Und falls sie doch real ist – ist es reiner Zufall, wem sie ihre Aufmerksamkeit zuwendet? Oder haben alle Auserwählten etwas gemeinsam? Dann verschwindet plötzlich Karel.

Den Roman in Prag anzusiedeln, ist ein kluger Schachzug der Autorin. Dunkle Winternächte im Schatten der Burg korrespondieren hervorragend mit der Dunkelheit im Herzen der Protagonisten. Man möchte geradezu selber ins Frösteln verfallen, wenn man Helen durch die Gassen Prags folgt, immer auf der Hut, ständig einen nervösen Blick über die Schulter riskierend, nur um sicherzugehen, dass einem niemand folgt, eine Frau im schwarzen Kleid vielleicht, mit Konturen, welche sich bei näherem Hinsehen fast in Rauch auflösen, mit Füßen, so blutig von ihrem endlos langen Marsch durch Raum und Zeit.

Sarah Perry versteht ihr Handwerk. Es finden sich in diesem Buch gelegentlich Sätze von strahlender Schönheit, die dem Leser nahezu den Atem verschlagen. Hätte ich das Buch zu kategorisieren, würde ich es vielleicht am ehesten ins Genre der dunklen Romantik einordnen. Leicht zu lesen ist dieser Roman allerdings nicht, was möglicherweise an dem eher geringen Anteil an wörtlicher Rede liegt. Aber vielleicht findet sich hier auch ein Bezug zur spröden Beschäftigung der Protagonistin. Womöglich haben wir es hier mit einer Gebrauchsanleitung zu tun – einer, die Melmoth die Zeugin herbei beschwört. Der Leser sollte also gewarnt sein …

Sarah Perry: Melmoth | Deutsch von Eva Bonné
Eichborn 2019 | 336 Seiten | Jetzt bestellen

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