Samuel J. Kramer: Poetry for FutureIm Berliner Satyr Verlag ist eine neue Slam- und Lyrik-Anthologie erschienen. Da sie sich mit dem Thema Klimakatastrophe beschäftigt, ist das Buch stilecht und CO2-neutral auf Recylingpapier gedruckt und mit dem EU Ecolabel und dem Blauen Engel zertifiziert worden. 25 Prozent des Gewinns werden an Umweltschutzprojekte gespendet.

Klingt diese Einleitung spöttisch? Soll sie gar nicht unbedingt, denn das Anliegen der Herausgeber ist durchaus löblich, und mit Slammern wie Lars Ruppel und Sebastian 23 sowie Lyrikern wie Jan Wagner und Anja Utler hat der Herausgeber Samuel J. Kramer einige exzellente Mitstreiter gefunden. Die meisten anderen Beiträger sind nicht ganz so prominent, aber das muss nichts aussagen über die literarische oder satirische Qualität des Sammelbands. Anders als vielleicht zu vermuten ist, sind hier nicht nur jüngere Autoren aus der Generation Z zu finden, auch die Generation X ist mit mehreren Vertretern ihrer Alterskohohorte beteiligt an diesem Werk, in dem sich Beiträge zwischen Poesie und Prosa, zwischen Rap-Poetry und literarischen Experimenten finden.

Einige der Texte sind mit QR-Codes versehen, die zu Audios und Videos führen. Das ist löblich, denn manche der Gedichte gewinnen deutlich durch den Vortrag, inbesondere wenn sie, wie zum Beispiel wie bei Peter Heiniger, Katrin ohne H und Laurin Buser Mundart-Anklänge aufweisen.

Inhaltlich bewegen sich die Beiträge zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen Fremd- und Selbstgeißelung, zwischen Selbstbeweihräucherung und Selbstbezichtigung sowie zwischen Wissenschaft und Besserwisserei. Und natürlich zwischen Tragik und Komik. Das klingt manchmal vielleicht allzu ernst (möglicherweise fehlt es dem einen oder der anderen an ein bisschen Selbstironie). Und manche der Gedichte klingen vielleicht auch stilistisch einen Hauch zu brav. Es überwiegt natürlich eine negative Grundstimmung, wie sollte es anders sein bei diesem Thema.

Wenn wir nämlich wirklich wollten, dann müssten wir schlicht und ergreifend unseren Lebensstandard herunterfahren. Wir dürften nicht mehr für 20 Euro nach Mallorca fliegen, nicht mehr im Durchschnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr verdrücken, keine zwei Autos mehr in der Garage stehen haben, im Winter keine Erdbeeren aus Chile essen und keine 40 Liter Wasser am Tag das Klo runterspülen

… schreibt Noah Klaus in ein »Ein zynischer Vorschlag«. Dieser Haltung widerspricht beispielsweise Meral Ziegler in ihrem Text »Ich habe keinen Bock, einen Umwelttext zu schreiben«:

Es scheint, als wäre das Ziel dieses obskuren Wettstreits, so zu konsumieren, dass unser Planet denkt, wir hätten uns umgebracht. (…) Thorsten misst sein Konsumverhalten anhand eines selbst erstellten Barometers der Nachhaltigkeit und fragt sich:

Abbaubare Zahnpastakapseln oder Selbstmord?
Unfassbar teure Winterbarfußschuhe oder Selbstmord?
Wiederverwendbares Bambus-Zewa, das im Endeffekt nichts weiter ist als eine Rolle voll siffiger Lappen, die du nicht wegschmeißen darfst, weil wiederverwendbar, oder Selbstmord?

Nicht jeder Text dieser Anthologie weiß gänzlich zu überzeugen, aber es sind doch genügend dabei, die den Erwerb und die Lektüre des Buches nahelegen. Das Buch reiht sich damit ein in die Reihe der thematischen Sammelbände aus dem Satyr Verlag, die sich mit sozialen Themen beschäftigen (»Wir sind gekommen, um zu schreiben«, »Fantastische Queerwesen und wie sie sich finden«, »Lautstärke ist weiblich«). Fehlt nur noch einer, der sich mit dem Thema Armut und Reichtum beschäfigt. Oder sollte das kein Thema für die deutschsprachige Poetry Slam-Szene sein?

Samuel J. Kramer (Hrsg.): Poetry for Future – 45 Texte für übermorgen
Deutsch | Satyr Verlag 2020 | 192 Seiten | Jetzt bestellen

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