Robert Harris: AngstAm Anfang steht der Versuch, die Ursprünge des Universums zu ergründen, und am Ende hat man eBay.

Für den Physiker Dr. Alex Hoffmann, den Protagonisten in Robert Harris‘ Roman »Angst«, steht am Anfang ein Forschungsprojekt über maschinelles Lernen und am Ende ein Einbrecher in seiner Wohnung. Das Internet als Büchse der Pandora, ein Algorithmus, der sich verselbständigt und gegen seinen Schöpfer richtet – Robert Harris erzählt in »Angst« eine originelle und moderne Frankenstein-Geschichte, verlegt in die Welt der Börsen und Finanzmärkte.

Hoffmann spielt dabei die Rolle von Frankenstein. Harris beschreibt ihn leicht klischeehaft, als verrückten Wissenschaftler, bei dem Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen und den kaum ein Normalsterblicher versteht. Aber wie Hoffmanns Partner, Hugo Quarry, der Polizei später erklärt, hätte schon Bill Clinton, »nicht unbedingt für alle Lebenslagen ein Quell an Weisheit«, früh erkannt: »Die meisten normalen Menschen sind Arschlöcher.«

Hoffmann ist sogar anderen Wissenschaftlern suspekt. Seine Vorgesetzten am CERN werfen ihn praktisch gewaltsam hinaus, weil sie fürchten, dass sein Forschungsprojekt über maschinelles Lernen außer Kontrolle geraten könnte: »Bei dem Thema war er Romantiker – so was ist immer gefährlich.«

Hoffmann lässt sich von Quarry überreden, seine Forschung in einer anderen Umgebung fortzusetzen: Zusammen machen sie einen Hedgefonds auf. Hoffmann weiß gar nicht, was ein Hedgefonds ist, aber das ändert nichts daran, dass es das von ihm persönlich ersonnene Monster-Geschöpf ist, das den Fonds am Laufen hält: der Algorithmus VIXAL-4. Seine Funktion ist, gewinnbringend auf steigende und fallende Börsenkurse zu wetten und so möglichst viel Geld zu machen.

Und hier kommt die Angst, die dem Roman den Titel gibt, ins Spiel: »VIXAL ist so programmiert, dass er das Netz nach angstbesetzter Sprache durchforstet und Marktkorrelationen beobachtet.« Zuerst geht es Quarry bei ihrem Projekt vor allem um die Lust an Spiel und Risiko, Hoffmann um seine Forschung. Erst später erkennen sie beide, dass das Geld, das sie quasi nebenbei machen, sie schleichend in seinen Griff bekommen:

… was regte sie sich dermaßen über eine Milliarde auf? Dollar, Euro, Franken – das waren die Einheiten, in denen er Erfolg oder Misserfolg seines Experiments maß. So wie er am CERN mit Tera-Elektronenvolt, Nanosekunden und Mikrojoule gearbeitet hatte. … Mit einer Nanosekunde oder einem Mikrojoule konnte man sich nichts kaufen, Geld hingegen fiel bei seinen Forschungen als eine Art von toxischem Abfallprodukt an. Manchmal hatte er das Gefühl, als würde es ihn Zentimeter für Zentimeter vergiften, so wie die Strahlung Marie Curie vergiftet hatte.

VIXAL-4s herausragende Eigenschaft ist, dass es sich bei ihm um einen selbstlernenden Algorithmus handelt. Von einem durch einen romantisch-menschlichen Schöpfungsakt entstandenen Wesen entwickelt er sich fast zu einer eigenen Art, die in Darwins Evolutionstheorie mit anderen ums Überleben kämpft. VIXAL-4s Transaktionen an der Börse sind so erfolgreich, dass selbst Hoffmann ihn nicht mehr versteht:

»VIXAL könnte möglicherweise Entscheidungen treffen, die nicht völlig im Einklang mit unseren Interessen stehen.«

»Du meinst, mit unseren Interessen als Firma?«

»Nein, ich meine unsere Interessen … unsere Interessen als Menschen.«

Genau darauf will Harris hinaus: Er hat die realen Ereignisse an der Börse vom 6. Mai 2010 (der Tag der Flash Crashs) auf überzeugende Art mit dem fiktiven Leben seiner Figuren verwoben und legt den Schluss nahe, dass Börsenturbulenzen unter anderem deswegen zustande kommen, weil die Finanzexperten ihre Algorithmen nicht mehr verstehen und sie deshalb nicht mehr steuern können.

Zum einen liegt das an der totalen Trennung zwischen wissenschaftlicher Kompetenz – Fachleute wie Hoffmann, die die Mathematik im Hintergrund erledigen, ohne sich für die Konsequenzen zu interessieren – und der Macht skrupelloser Leute im Vordergrund, wie Quarry einer ist, der das Gefühl hat, dass er jeden Tag reicher wird, »aber nicht genau weiß, wie.«

Zum anderen zeigt Harris, wie explosiv das Gemisch aus ältesten menschlichen Urinstinkten wie Angst und neuester Technik ist.

Robert Harris: Angst | Deutsch von Wolfgang Müller
Heyne 2011 | 384 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für die tolle Rezension!
    Da ich mich von Berufswegen mit dem maschinellen Lernen beschäftige, werde ich mir diese Lektüre natürlich nicht entgehen lassen. 🙂

    Viele Grüße,
    Harald

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